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Italien vor den Wahlen Die kaputte Brücke, der Po und die Krise

Legende: Audio «Bella Italia» braucht ein Lifting abspielen. Laufzeit 5:01 Minuten.
5:01 min, aus Rendez-vous vom 22.02.2018.
  • Beim Wahlkampf in Italien überbieten sich Parteien mit neuen und teuren Versprechungen.
  • Dabei ist der Staat überschuldet. Und jahrzehntealte Probleme bleiben ungelöst.
  • Ein Beispiel ist der Unterhalt der Brücke im norditalienischen Städtchen Casalmaggiore.

Es ist zwei Uhr nachmittags und es ist viel los im Stall von Fausto Salvini. 300 Rinder werden versorgt mit frischem Heu. Alltag. Und doch ist alles anders. Die Brücke über den Po ist zu.

Salvini erinnert sich, wie alles im vergangenen September begann: Ein Bauer arbeitete draussen unter der Brücke. Blickte nach oben und sah, dass der Brückenstahl durchgerissen war. Der Bauer machte Meldung, Experten kamen, Untersuchungsberichte wurden verfasst.

Das Fazit: Die Stahlbeton-Brücke von Casalmaggiore ist 60 Jahre alt, und sie hat das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. Wegen Einsturzgefahr wurde ein Fahrverbot verfügt. Das war im September.

Wegen der Brückensperrung steht Salvini vor grossen Schwierigkeiten. 13'000 Fahrzeuge fuhren pro Tag früher hier durch, viele Kunden holten sich hier seinen berühmten Käse. Jetzt ist die Strasse gesperrt, liegt da wie ausgestorben. Salvini muss zu Schleuderpreisen an den Grosshandel verkaufen.

Strassenschilder weisen auf die Sperrung der Brücke hin.
Legende: Nichts geht mehr: Die Brücke ist die wirtschaftliche Lebensader des Städtchens. Nun ist diese bis auf Weiteres versiegt. SRF/Alexander Grass

Auf der anderen Seite der gesperrten Brücke warten Pendler am Bahnhof von Casalmaggiore. Der Arbeitsweg zu den Fabriken am anderen Ufer des Po war vor der Sperrung der Brücke vier Kilometer kurz. Der Umweg auf der Strasse beträgt jetzt 45 Kilometer. Und das Bahnangebot ist schlecht.

ÖV-Benutzer wider Willen

«Die Bahnlinie hier gehört zu den zehn miserabelsten in Italien», zitiert ein Pendler eine Statistik von Legambiente. Die Bahnhöfe seien heruntergekommen, die Züge veraltet, überfüllt und chronisch verspätet.

«Die Wut wächst», sagt ein zweiter Pendler. Die Brückensperre sei eine Katastrophe für Geschäfte und Handwerker. Die Umsätze sind um 30 bis 50 Prozent eingebrochen. Ohne Brücke droht vielen Betrieben das Aus.

Pendler warten auf einem Perron
Legende: Der Geduldsfaden droht nicht nur bei den Pendlern zu reissen, die im Morgengrauen auf chronisch verspätete Züge warten müssen. Die lokale Wirtschaft leidet massiv unter der Brückensperrung. SRF/Alexander Grass

Am Ufer des Po führt Orlando Ferroni seinen Hund spazieren. Ferroni ist hier geboren, im Sommer schwimmt er in dem Strom, er fährt hier Ruderboot, der Po ist sein Leben. Ferroni sitzt im Stadtparlament. Er tritt für den Bau einer Notbrücke ein. Die Stadtregierung aber ist für eine provisorische Instandsetzung der Brücke. Kostenpunkt sechs Millionen Euro. Danach soll eine neue Brücke gebaut werden für 40 Millionen Euro.

«So ist Italien», sagt Ferroni. Erst werde der Schaden abgewartet. Dann werde provisorisch geflickt. Es werde keine Vorsorge getroffen, es gebe keine langfristige Planung. «Ein Teufelskreis ist im Gang», sagt er. Der Teer löse sich nach wenigen Monaten von den Strassen, nichts funktioniere, die Instandsetzung der Brücke komme nicht voran: «Das ist Italiens Ende. Nicht das Ende der Brücke, sondern das von ganz Italien.»

Was ist das Problem von Italien? Es wird in nutzlose Grossprojekte investiert. In Kathedralen in der Wüste. Es braucht eine neue politische Kultur.
Autor: Pendler

Auch für Stadtpräsident Filippo Bongiovanni ist die Brücke ein Symbol für vieles, das nicht klappt im Land. Nicht nur der Brücke von Casalmaggiore gehe es schlecht, sagt er: «Es gibt 70 Brücken, von denen mindestens zehn in schlechtem Zustand sind. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.»

Die Mittel der Provinzregierung seien zusammengestrichen, Personal sei entlassen worden. Auch bei der Kontrolle der Brücken. Der Unterhalt von Infrastrukturen sei blockiert. Es werde nicht mehr investiert in Bahnlinien, Schulen, Spitäler, Strassen, Brücken.

Blick auf Brückenpfeiler, darunter fliesst der Po.
Legende: Wintertristesse in Norditalien: Im kommenden Herbst wird der Pegel des Po wieder anschwellen und wohl neue Überschwemmungen bringen. SRF/Alexander Grass

Paolo Antonini leitet ein Komitee, das Druck auf die Bahngesellschaft macht, damit das Angebot der Bahn dem Notstand endlich angepasst werde: «Antworten auf Bürgerfragen sind gar nicht oder nur langsam gekommen.»

Antonini erwartet von den Wahlen keine Wunder, keine raschen Lösungen. Immerhin sei seine Region jetzt Ziel politischer Wahlkampf-Pilgerfahrten. Da werde viel versprochen. Daran werde man die Politiker nach der Wahl gern erinnern.

Bis auf Weiteres geschlossen

«Was ist das Problem von Italien?», fragt ein Pendler am Bahnhof. Es werde in nutzlose Grossprojekte investiert. In Kathedralen in der Wüste. Es brauche eine neue politische Kultur, mit der Geld fliesse in kleine regionale und sinnvolle Projekte.

Die Ungeduld bei den Pendlern wächst. Genauso wie bei Käseproduzent Fausto Salvini am anderen Ende der gesperrten Brücke. Er weiss nicht wie weiter. Er und seine Leute demonstrieren immer wieder an der Brücke. damit die Reparaturarbeiten endlich beginnen.

Der Herbst wird wieder Überschwemmungen bringen. Dann ist an eine Brückensanierung nicht zu denken. Und die Brücke bleibt zu bis im nächsten Jahr.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Benjamin Knie (Beno)
    Italien war schon immer eine Katastrophe in sich aber der EURO hat dies noch tausend mal verschärf. Wo die Lira herrschte war noch Wohlstand angesagt und die Bürger konnten sich noch etwas leisten und heute nagen so gut wie alle am Hungertuch egal mit welcher Ausbildung oder welchem Studuim und wissen nicht mehr wie leben. Hoch lebe EUROPA und der Mammut EURO. Die damaligen Versprechen es wird nur Vorteile bringen, wo sind sie nun geblieben? Die ganze Welt ist ein Lügenbündel kehrt alle um.
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  • Kommentar von Richard Limahcer (Limi)
    Zufällig wird eine Einsturzgefahr entdeckt. Gibt es keine periodischen Kontrollen?
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