Zum Inhalt springen

100. Geburtstag von JFK «Kennedy hätte heute kaum mehr einen solchen Erfolg»

Heute wäre John F. Kennedy 100 Jahre alt geworden. Noch heute gilt er vielen als Symbol für ein fortschrittliches, freies Amerika. Für USA-Kenner Martin Kilian liegt dies auch in einer gewissen Verklärung begründet.

Legende: Audio «Die USA waren 1960 bei weitem nicht so gespalten wie heute» abspielen.
6:01 min, aus SRF 4 News aktuell vom 29.05.2017.

Seine Reden werden immer noch zitiert, Gebäude auf der ganzen Welt sind nach ihm benannt: John F. Kennedy, einer der mythologisiertesten US-Präsidenten, wäre heute 100 Jahre alt geworden. US-Amerikaner fragen sich noch immer: Was wäre gewesen, wenn? Was hätte Kennedy erreichen können, wäre er nicht 1963, nach gerade einmal 1000 Tagen im Amt, in Dallas erschossen worden?

Wäre das Land Kennedys Vision gerecht geworden? Der Vision eines Manns, der sich in einer Zeit für Demokratie und Weltfrieden einsetzte, in der sich die Welt an der Schwelle zu einem Atomkrieg befand. SRF News hat bei USA-Kenner Martin Kilian nachgefragt.

SRF News: Welches Bild haben US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner von John F. Kennedy heute?

Martin Kilian: Immer noch ein sehr positives, obwohl seine Amtszeit schon lange zurück liegt. Man sieht es an den Feiern, die an seinem Geburtstag abgehalten werden. Die Ikone Kennedy strahlt heute seltsamerweise noch genau so wie zu seinen Lebzeiten. Da ist natürlich eine Menge Nostalgie dabei, vielleicht auch der Kontrast zur Gegenwart. Aber: Die Erinnerung lebt, Kennedy wird auch heute noch fast vergöttert.

Kennedy galt als weltoffen, fast schon ein Gegenentwurf zum heutigen US-Präsidenten Donald Trump. Hätte er heute immer noch diesen Erfolg?

Das bezweifle ich. Kennedy hätte heute kaum mehr einen solchen Erfolg. Natürlich gab es auch damals Streitpunkte zwischen Demokraten und Republikanern, etwa um die Rassentrennung im Süden. Aber das Land war bei weitem nicht so gespalten wie heute. Man hat damals Lösungen über die Parteigrenzen hinweg gesucht. Heute ist das kaum noch vorhanden. Wir haben in Washington eine derart polarisierte Politik: Selbst ein Halbgott wie Kennedy würde heute nicht mehr das ausrichten können, was er damals hat ausrichten können.

In Kennedys Amtszeit fiel ja auch die Kuba-Krise. Es drohte ein Atomkrieg mit Russland. Es heisst, Kennedy habe einen dritten Weltkrieg verhindert. Trifft das zu?

Irgendwie schon. Er hat ihn verhindert, indem er mit Augenmass und mit klugen Beratern in die Krise reingegangen ist. Wir sind damals meines Erachtens knapp an einem atomaren Krieg vorbeigeschrammt. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Kuba-Krise heute bewältigt werden würde, wie Trump damit umgehen würde. Ich bin eher pessimistisch.

Kennedy wurde nach nur 1000 Tagen im Amt ermordet. Führt das nicht auch zu einer gewissen Verklärung, weil man nicht weiss, was er noch erreicht hätte?

Das denke ich schon. Hätte Kennedy zwei volle Amtszeiten geleistet, hätten sich Abnützungserscheinungen eingestellt, die wir bei jedem Präsidenten sehen. Ausserdem wäre die Verklärung Kennedys weniger gross ausgefallen. Erstaunlich ist, dass ihm selbst die Skandale um seine ausserehelichen Beziehungen nur wenig anhaben konnten. Aber wäre er acht Jahre im Amt gewesen, dann wäre die Erinnerung an ihn wohl durch einige nicht so schöne Dinge eingefärbt worden.

Das Interview führte Roger Aebli.

Zur Person

Martin Kilian lebt seit 1975 in den USA und ist US-Korrespondent von Tagesanzeiger Online. Er studierte an der Universität Konstanz sowie an der University of Georgia und schloss mit einem Doktorat in amerikanischer Geschichte ab. Zudem berichtete er aus Washington für die Taz, den Spiegel und die Weltwoche.

14 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Alain Terrieur (Imhof)
    Die Menschheit steht heute schlechter da...nur die Technik wurde weiterentwickelt!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Cherubina Müller (Fabrikarbeiterin)
    Kennedy ist einer der skrupellosesten und grausamsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte; Deutschlandfunk Kultur: "Agent Orange" im Vietnamkrieg-Der größte Chemie-Angriff der Geschichte-Seit 1961 versprühte die amerikanische Luftwaffe auf Anordnung von Präsident John F. Kennedy Pflanzenvernichtungsmittel über Südvietnam, um den Dschungel zu entlauben und Reisfelder zu zerstören-Die Folgen waren verheerend, denn Dioxin schädigt das Erbgut über Generationen und führt zu Missbildungen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Reto Camenisch (Horatio)
      Mein Geschichtsbuch enthält Namen wie Lyndon B. Johnson oder Richard Nixon.....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      JFK war bei Amtsantritt ein Falke, ja. Dann hat er sich zunehmends von den US-Kriegstreibern distanziert. Er wollte die atomare Rüstüngsspirale mit Russland beenden, die Atomtests einstellen, Israel den Besitz von A-Waffen verhindern, den Menschen im nahen Osten eine selbstbestimmte Politik ohne Einmischung zugestehen, den Vietnamkrieg beenden usw. Die kalten Krieger haben ihn ausebremst. Ihr "Sieg" hat den Niedergang der US-Demokratie eingeläutet - und die Machtergreifung des Deep State.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    JFK hat die von US-Generälen erdachte Operation Northwood abgelehnt und verhindert, eine false-flag Operation mit Passagierflugzeugabschuss über Kuba. Dies und einige andere Entscheide und Reden, haben ihm mächtige Feinde beschert, was ihm wohl das Leben gekostet hat.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen