Klare Beweise für russische Panzer in der Ukraine

Die amerikanischen und die europäischen Geheimdienste haben mit Sicherheit Beweise für Russlands militärisches Eingreifen in der Ukraine. Trotzdem: Offiziell halten sich die USA, die Europäer und auch die Nato zurück. Mit guten Gründen.

Pro-russische Rebellen in Donezk

Bildlegende: Die Rebellen in der Ostukraine erhalten gemäss dem Institut IISS tatkräftige Unterstützung aus Moskau. Keystone

Ein Bericht des renommierten Strategie-Instituts IISS erregt heute Aufsehen. Die Londoner Forscher publizieren nämlich Belege dafür, dass zumindest ein Teil der Panzer, die von den ostukrainischen Separatisten benutzt werden, von Russland kommen müssen.

Das Institut legt dazu ein Video über einen Konvoi vor, auf dem unter anderem Panzer vom Typ T72-BM zu sehen sind. Wie IISS-Analyst Joseph Dempsey gegenüber SRF erklärt, handelt es sich um einen Typ, der zuvor nur in Russland eingesetzt wurde. Das Modell könne also nicht aus Beständen stammen, welche die Separatisten von der ukrainischen Armee erbeuteten.

IISS: Rebellen könnten T72-BM nicht effizient einsetzen

Diese Panzer können zudem laut Dempsey nicht einfach von Amateuren, sondern nur von qualifiziertem Personal effizient eingesetzt werden. Personal, das von der russischen Armee kommen müsse. Die bisherigen, noch halbwegs plausiblen Dementi aus Moskau bezüglich Lieferungen von Kampfpanzern seien nun definitiv unglaubwürdig.

Schon im Fall der Boden-Luft-Raketen Buk, mit denen im Juli das Passagierflugzeug der Malaysian Airlines abgeschossen wurde, waren es die Londoner Strategen, die zwar keine Beweise, aber doch solide Belege für eine Schlüsselrolle Moskaus präsentierten.

USA und Nato zurückhaltend

Verglichen mit den IISS-Aussagen sind die Äusserungen aus westlichen Hauptstädten bemerkenswert vage: Es gebe Berichte von zusätzlichen russischen Panzern und Raketen in der Ukraine, stellt Jen Pseki, Sprecherin des US-Aussenministeriums, zur jüngsten Entwicklung fest. Ob es sich dabei um Berichte der US-Geheimdienste handelt, lässt sie offen. Und eher beiläufig und auch ohne Quellenangabe spricht sie von russischen Soldaten in der Ukraine.

Ähnlich zurückhaltend ist Nato-Sprecherin Oana Lungescu. Ein hoher Nato-Militär, der nicht genannt werden will, sprach heute immerhin von mindestens tausend russischen Soldaten im Land und weiteren 20‘000 unmittelbar an der Grenze zur Ukraine. Und fast schon vorlaut twitterte der US-Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt, eine wachsende Zahl russischer Truppen greife direkt in den Kampf auf ukrainischem Gebiet ein.

Modernste Spionagemittel

Amerikaner und Nato haben Gründe für ihre zurückhaltende Informationspolitik. Natürlich gebe es heute elektronische Abhörmittel, Awacs- und andere Aufklärungsflugzeuge sowie Spionagesatelliten von höchster Präzision. Dies bestätigt Nigel Inkster, früher Vizechef des britischen Geheimdienstes MI6 und heute bei der Denkfabrik IISS. Bisweilen lassen sich mit deren Hilfe Autokennzeichen lesen.

Schwierig ist aber oft die Interpretation der gesammelten Daten. Laut Dempsey wollen die US-Geheimdienste den Russen aber auch nicht zeigen, was genau sie wissen. Weshalb sie kaum je Beweise publik machen. Sie taten das ausnahmsweise nach dem Abschuss des malaysischen Flugzeugs mit Photos von Boden-Luft-Raketen.

Optionen offenhalten

Der wichtigste Grund ist aber ein anderer: Würde Washington selber unwiderlegbare Beweise vorlegen für eine von Moskau befohlene und durchgeführte Invasion, setzte man sich selber unter Zugzwang.

Säbelrassler wie Senator John McCain machen jetzt schon Druck für mehr militärisches Engagement: Leider sehe Präsident Barack Obama Amerika nicht als Land, das die Welt führen müsse, sagt er im US-Sender «Foxnews».

Doch weder die Regierung Obama noch andere Nato-Länder sind bereit, wegen der Ostukraine in einen Krieg mit Russland zu ziehen. Also haben sie alles Interesse, die Lage nicht zu dramatisieren.