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International Kreml-Kritiker auf offener Strasse erschossen

Der russische Oppositionspolitiker und frühere Vizeregierungschef Boris Nemzow ist in Moskau in der Nähe des Kremls von vier Schüssen getroffen und getötet worden. Laut Ermittlern war die Tat «minutiös» geplant. Nur Stunden zuvor übte Nemzow in einem Radiointerview Kritik an Putin – zum letzten Mal.

Legende: Video Nemzow - der gnadenlose Kritiker abspielen. Laufzeit 00:41 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 28.02.2015.

Er galt als eine der schillerndsten Persönlichkeiten der russischen Opposition und war einer der schärfsten Kritiker von Kremlchef Wladimir Putin: Boris Nemzow. Nun ist er tot. Der russische Oppositionelle wurde am Freitag im Zentrum von Moskau erschossen. Laut der obersten russischen Ermittlungsbehörde wurde der 55-Jährige durch vier Schüsse in den Rücken getroffen. Mehrere Personen seien Zeugen des Attentats gewesen.

Nemzows politisches Testament

Porträt von Boris Nemzow.
Legende: Boris Nemzow: Russland verliert einen führenden Oppositionspolitiker. Keystone

Knapp drei Stunden vor seiner Ermordung hatte sich Boris Nemzow ein letztes Mal mit scharfer Kritik an Russlands Präsident Wladimir Putin zu Wort gemeldet. Das Interview von Freitag mit dem Radiosender Moskauer Echo, in dem Nemzow Putins Ukraine-Politik heftig verurteilte, ist zu seinem politischen Testament geworden.

45 Minuten lang entwarf der prominente Oppositionelle darin seine Vorschläge, «um Russland zu verändern». Mehrfach schnitt er den Journalisten das Wort ab, um seine Sicht der Dinge ausbreiten zu können – als hätte er geahnt, dass seine Zeit abläuft.

Anlass für das Interview war der Anti-Krisen-Marsch, zu dem der 55-jährige frühere Vize-Regierungschef zusammen mit oppositionellen Weggefährten für Sonntag aufgerufen hatte. «Dieser Marsch fordert den sofortigen Stopp des Krieges mit der Ukraine, er fordert, dass Putin seine Aggression einstellt», sagte Nemzow in das Mikrofon des Radiosenders.

Bericht über russisches Engagement in der Ukraine?

Putins Vorgehen im Konflikt mit dem Nachbarland sei auch für die schwere Wirtschaftskrise in Russland verantwortlich. «Die Sanktionen, dann die Kapitalflucht: all das wegen Putins unsinniger Aggression gegen die Ukraine.» In dem Interview wiederholte Nemzow auch den Vorwurf, Moskau unterstütze die prorussischen Separatisten in der Ostukraine mit eigenen Truppen, was der Kreml stets zurückgewiesen hat.

Ich bin nur überrascht, dass er nicht schon früher getötet wurde.
Autor: Michail SaakaschwiliEhemaliger Präsident von Georgien

Nemzow hatte nach Informationen des früheren georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili an einem Bericht über die russische Verstrickung in den Krieg in der Ostukraine gearbeitet. Er habe die russische Öffentlichkeit über die Lage informieren wollen, sagte Saakaschwili dem US-Sender CNN. Die Ermordung Nemzows sei für ihn keine Überrschung. «Ich bin nur überrascht, dass er nicht schon früher getötet wurde.»

Legende: Video Boris Nemzow erschossen abspielen. Laufzeit 00:16 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 28.02.2015.

Ermittler gehen von Auftragsmord aus

Der Mord am russischen Oppositionellen war nach ersten Angaben der Ermittler «minutiös geplant». «Laut vorläufigen Informationen hat ein noch nicht identifizierter Täter aus einem Wagen heraus mindestens sieben bis acht Mal auf Nemzow geschossen, als dieser über die Grosse Steinerne Brücke lief», erklärte die Staatsanwaltschaft.

Der Tatort sei sehr genau ausgewählt worden, erklärte das zuständige Ermittlungskomitee am Samstag. Sowohl die Polizei als auch der Kreml gingen von einem Auftragsmord aus. Es sei «offensichtlich», dass die «Organisatoren und Ausführenden des Verbrechens» wussten, welchen Weg Nemzow nehmen würde, hiess es in der Erklärung weiter.

Putin: politische «Provokation»

Am Tatort seien sechs Patronenhülsen gefunden worden. Der Täter flüchtete ersten Ermittlungen zufolge in einem weissen Auto. An der Stelle der Tat gibt es Videoüberwachung, die möglicherweise weitere Hinweise auf die Täter geben könnte, hiess es in Medien.

Präsident Wladimir Putin sprach von einer politischen «Provokation». Die Tat habe alle Anzeichen eines Auftragsmordes, sagte sein Sprecher Dmitri Peskow. Der Präsident habe den Angehörigen des Oppositionellen sein Beileid ausgesprochen. Zudem habe Putin die leitenden Mitarbeiter der obersten Ermittlungsbehörde, des Innenministeriums und des Inlandsgeheimdienstes FSB angewiesen, die Ermittlungen persönlich in die Hand zu nehmen.

«Was ist aus Russland geworden?»

Der Oppositionsführer und frühere Regierungschef Michail Kasjanow hat die für Sonntag geplante Demonstration abgesagt. Nemzow hätte an der Protestaktion als Redner teilnehmen sollen. Nun soll sie durch eine Gedenkveranstaltung für den liberalen Politiker ersetzt werden. Die Moskauer Stadtverwaltung hat den Gedenkmarsch genehmigt.

«Was ist aus Russland geworden?», fragt Kasjanow entsetzt im Radiosender Echo Moskwy. Die «Tragödie» zeuge davon, dass die Aggression zunehme in Russland. Viele Wegbegleiter von Nemzow sprechen mit zitternder Stimme von einem grossen Verlust für demokratisch denkende Menschen im grössten Land der Erde. Dutzende kommen noch in der Nacht zum Tatort, um Kerzen anzuzünden und Blumen auf den Asphalt zu legen.

Liberaler Reformer

Boris Nemzow wurde am 9. Oktober 1959 in der Schwarzmeermetropole Sotschi geboren. Vor allem in den 1990er Jahren hatte er sich als liberaler Reformer einen Namen gemacht. Unter dem russischen Präsidenten Boris Jelzin war Nemzow zwei Jahre lang Vize-Ministerpräsident.

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88 Kommentare

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  • Kommentar von M.Kaiser, Rebstein
    Exponenten der Kritiker in allen Machtstaaten leben von vielen Seiten her gefährlich. Nicht selten wird ein Oppositioneller auch als Bauernopfer herhalten müssen . Darum prüfe, wer sich zu extrem an eine Seite bindet .
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    1. Antwort von Felix Buchmann, Bättwil
      Im Klartext: Ein bisschen Opposition darf man schon machen, einfach nicht zu grundsätzlich und konsequent?? Falls man es nicht lassen kann, ist man selber schuld, wenn der Herausgeforderte ein Exempel statuieren muss??
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  • Kommentar von Christa wüstnet, Reinach
    Mit grossem Interesse habe ich gestern alle Meinungen und Einstellungen gelesen. Aber wo liegt die Wahrheit, werden wir diese jemals erfahren. Zu diesem jetzigen Zeitpunkt sicher nicht. Ein Ereignis welches bis zum letzten Punkt politisch ausgeschlachtet wird, der Rest schweigt. Und jede Seite versucht es für Ihre Propagandazwecke zu nutzen. Zuletzt bleibt nur...warum musste er sterben?
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    1. Antwort von M.Kaiser, Rebstein
      Er musste sterben , weil wir skrupellose , menschenverachtende Verbrecher unter allen Menschen dieser Erde haben. Es sind die seelisch Toten , die Antimenschen , die nie eine tiefe Mutterliebe erfahren haben , sie sind selbst Gejagte bis in ihren Tod .
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  • Kommentar von M. Roe, Gwatt
    Dass Russland keine Demokratie ist, ist so klar wie, dass China und Indien keine Demokratien sind. Ich bin kein PutinFreund, aber es geht doch einfach zu weit, wenn die EU und USA usw. glauben, dass Putin nicht akzeptabel sei, nur weil er keine Demokratie einführen will. Er führt nicht einmal Krieg und trotzdem verurteilen ihn alle. Stellen Sie sich vor, wenn eines Tages Russland, China und Indien all unsere EU-Kritiker so unterstützen, wie dies die EU und USA nun machen?
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    1. Antwort von Felix Buchmann, Bättwil
      Moment, M.Roe, Putin unterstützt den Front national von Frau Le Pen sowie andere rechtsextreme, antieuropäische Parteien im Westen, und Krieg führt er bekanntlich auch....
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