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Erstarkte russische Kampfkraft im Donbass
Aus Echo der Zeit vom 25.05.2022.
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Krieg in der Ukraine Wieso Putins Armee im Donbass erstarkt

Der Krieg in der Ukraine dauert nun schon drei Monate. Schnell wurde klar, dass der russische Plan, die Ukraine in wenigen Tagen einzunehmen, nicht funktioniert. Die russischen Truppen waren schlecht vorbereitet, handelten oft stümperhaft, erlitten hohe Verluste. Die Einnahme von Kiew scheiterte, die Truppen zogen sich in den Osten zurück. Es war bereits die Rede davon, dass sie nicht mehr lange durchhalten können.

Doch jetzt scheint sich das Bild zu ändern: Im Donbass sind die russischen Streitkräfte offenbar erfolgreich. SRF-Auslandredaktor David Nauer über einen Abnützungskrieg im Osten, der bis zum bitteren Ende geführt werden könnte.

David Nauer

David Nauer

Auslandredaktor SRF, Schwerpunkt Russland

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David Nauer ist Auslandredaktor bei Radio SRF. Von 2016 bis 2021 war er als Korrespondent von Radio SRF in Russland tätig.

SRF News: Wie ist die Lage aktuell im Donbass?

David Nauer: Für die Ukrainer ist die Lage sehr schwierig geworden in den letzten Tagen. Die Russen haben offenbar an mehreren Stellen die ukrainischen Verteidigungslinien durchbrochen und sind mehrere Kilometer vorgestossen. Brenzlig wird es für die Ukrainer vor allem in der von ihnen kontrollierten Stadt Sewerodonezk. Die Russen führen in der Region einen Grossangriff durch. Es besteht die Gefahr, dass die Stadt eingekesselt wird.

Warum ist die Einnahme der Stadt für die Ukraine strategisch wichtig?

Sewerodonezk liegt im Verwaltungsgebiet Luhansk, einem der beiden Gebiete im Donbass. Die Stadt ist im Prinzip der letzte Zipfel Luhansks, den die Ukrainer noch kontrollieren. Nun ist es ja so, dass der Kreml behauptet, er wolle den Donbass «befreien», also faktisch besetzen. Wenn Sewerodonezk in russische Hände fällt, dann kann Moskau erklären, sein erstes Kriegsziel sei erfüllt: Das Gebiet Luhansk wäre unter russische Kontrolle.

Es gibt Militärexperten, die die russische Kampfkraft schon fast abgeschrieben haben. Warum sind sie doch wieder erfolgreich?

Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens haben die Russen ihre Kriegsziele massiv zurückgeschraubt. Statt die ganze Ukraine oder auch nur den ganzen Osten des Landes einzunehmen, kämpfen sie jetzt primär im Donbass, also in einem gemessen an der Grösse der Ukraine sehr kleinen Gebiet.

Russische Soldaten im Osten der Ukraine
Legende: Wuchtige Vorstösse im Osten statt einer breit angelegten Invasion des ganzen Landes: Die russische Armee konzentriert ihre Angriffe auf Stellungen im Donbass. Offenbar mit Erfolg. Keystone

Zweitens haben die Russen ihre Taktik geändert. Sie ziehen massiv Truppen zusammen, schiessen dann tagelang aus allen Rohren mit Artillerie – und dringen dann mit einer Übermacht vor. Das ist ein anderes Vorgehen als zu Beginn des Krieges, als die Russen ziemlich kopflos drauflos gefahren sind, weil sie dachten, die Ukrainer würden sich einfach ergeben.

Ich vermute, Putin hört erst auf mit dem Krieg gegen die Ukraine, wenn seine Armee physisch nicht mehr in der Lage ist, weitere Angriffe zu reiten.

Was bräuchte die Ukraine, um Gegensteuer zu geben?

Die Ukraine braucht noch mehr moderne, schwere Waffen aus dem Westen, vor allem Artillerie und gepanzerte Fahrzeuge. Die Ukrainer kämpfen aber schon jetzt erbittert um jedes Dorf, jede Stellung – sie fügen den Russen auch schwere Verluste zu. Es ist laut Militärexperten ein eigentlicher Abnützungskrieg; die Frage wird wohl sein, welcher Armee zuerst die Kraft ausgeht – ob das die Russen oder die Ukrainer sein werden, lässt sich bisher nicht vorhersagen.

Wenn es den Russen gelingt, den ganzen Donbass einzunehmen: Hätten sie ihr Ziel dann erreicht?

Es ist schwer zu sagen, was die Russen in einem solchen Fall tun würden. Ich vermute, Putin hört erst auf mit dem Krieg gegen die Ukraine, wenn seine Armee physisch nicht mehr in der Lage ist, weitere Angriffe zu reiten. Wenn schlicht zu viele Panzer zerstört, zu viele Soldaten gefallen sind. Dann wird Moskau womöglich Hand bieten zu Verhandlungen. Bis es so weit ist, wird Russland den Krieg wohl weiterführen.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

Echo der Zeit, 25.05.2022, 18 Uhr;

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