Küsschen vor der Kamera, harte Bandagen im Wahlkampf

Heute entscheiden die Brasilianer, wer in Zukunft die Geschicke des bevölkerungsreichsten Landes Südamerikas leitet. Derzeit liegt die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff in Umfragen vor dem Herausforderer Aécio Neves. Wer gewinnt, hängt vor allem von einem Thema ab.

Rund 143 Millionen wahlberechtigte Brasilianer entscheiden heute, ob Präsidentin Dilma Rousseff der linken Arbeiterpartei eine zweite Amtszeit antreten darf oder der bürgerliche Sozialdemokrat Aécio Neves in den Präsidentenpalast in Brasilia zieht. Umfragen vom Donnerstag vor der Wahl sagten erstmals einen Sieg Rousseffs voraus. Demnach würde sie mit einem Vorsprung von 54 Prozent zu 46 Prozent der Stimmen deutlich vor Neves liegen.

Dies, obwohl Rousseff eine Woche vor der Wahl öffentlich eingestehen musste, dass es beim halbstaatlichen Energiekonzern Petrobras zu Korruptionsfällen zugunsten ihrer Arbeiterpartei kam.

Sozialhilfebezüger stellen einen Drittel der Wähler

Laut SRF-Korrespondent Ulrich Achermann habe ihr das zwar geschadet. «Aber Korruption kommt nicht nur im Regierungslager vor.» Im sozialdemokratisch regierten Bundesstaat São Paulo seien beim Ausbau des U-Bahn Netzes Dutzende von Millionen öffentlicher Gelder in private Taschen abgezweigt worden. «Das Image des Saubermannes passt also nicht umfassend zu Aécio Neves.»

Vor allem ein Thema dürfte laut Achermann entscheidend für den Wahlausgang sein: «Es gibt 44 Millionen Brasilianer, die Sozialhilfe vom Staat beziehen. Das entspricht einem Drittel der Wahlberechtigten. Für sie geht es darum, diese Sozialhilfe weiter zu beziehen.»

Zwar haben weder die amtierende Präsidentin noch Neves vor, die populären Sozialprogramme von Rousseffs Vorgänger Lula da Silva abzuschaffen. Dennoch ist Rousseff hier im Vorteil: «Sie tritt als Bewahrerin der sozialen Errungenschaften der letzten zwölf Jahre auf», erklärt Achermann.

Sozialdemokraten fehlt glaubwürdiges Konzept

Gleichzeitig sei die 66-Jährige aber auch die Kandidatin des Staatskapitalismus und des politischen Systems, das Korruption produziere. Doch Neves kann hier kaum Punkten: «Beide wollen das politische System nicht umkrempeln, das diese endemische Korruption überhaupt erst möglich macht», so Achermann.

So versucht Neves, die Wähler primär mit einem Thema für sich zu gewinnen: «Er hat den breiten Wunsch der Brasilianer nach einem Wandel, nach besseren öffentlichen Dienstleistungen, aufgegriffen», erklärt Achermann. Gerade das marode Gesundheitssystem brennt den Brasilianern beispielsweise unter den Fingern. Und Rousseff hat in ihrer Amtszeit dazu wenig auf die Beine gestellt.

Der 54-jährige Neves hat aber auch hier ein Problem: «In der Rolle des Veränderers wirkt er nicht in allen Teilen überzeugend», so Achermann. Er gehöre selber zum politischen Establishment und seine Sozialdemokraten hätten es in den letzten Jahren nicht geschafft, der Gesellschaft einen glaubwürdigen Entwurf für ein neues Brasilien vorzulegen.

Breite Unterstützung für Neves

Besondere Unterschiede haben Neves und Rousseff in der Wirtschaftspolitik: So steht Neves deutlicher hinter einer Öffnung des brasilianischen Marktes gegenüber den USA und Europa. Zudem will er die Produktbesteuerung drastisch vereinfachen, die in Brasilien sehr kompliziert ist. Zusammen mit der mangelnden Infrastruktur, der Korruption und Aussenhandelszöllen gilt sie bei Wirtschaftsanalysten als Hemmnis für Direktinvestitionen ausländischer Firmen. In beiden Punkten zeigt sich Rousseff zurückhaltender.

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Kopf-an-Kopf-Rennen in Brasilien

1:38 min, aus Tagesschau vom 25.10.2014

Neves hat zwar breite Unterstützung aus verschiedenen politischen Lagern. So unterstützen ihn beispielsweise Marina Silva, die ausgeschiedene Mitbewerberin ums Präsidentenamt und ihre Partei, die Grünen sowie die bei Evangelikalen einflussreiche Partido Social Cristão.

Dennoch deuten die Zeichen auf einen Wahlsieg Rousseffs. «Ihre Berater für politisches Marketing verstehen es meisterhaft, die Kandidaturen der Wahlgegner zu demontieren», erklärt SRF-Korrespondent Achermann. Zudem sei die Arbeiterpartei auch «wenig zimperlich», wenn es darum gehe, die Staatsbürokratie für ihre Wahlziele einzusetzen. «Gleichzeitig ist das Regierungsprogramm von Aécio Neves wohl nicht ganz das, was sich die politisch bewussteren Brasilianer unter Wandel vorstellen.»

Brasilien in Zahlen

MerkmalJahrWert
Bevölkerung 2013200'361'900
Bevölkerung unter 15 Jahren201324,1 Prozent
Bevölkerung ab 65 Jahren20137,5 Prozent
BIP pro Einwohner201311'173 US-Dollar
Inflation (im Vergleich zum Vorjahr)20136,2 Prozent
Erwerbslosenquote20135,4 Prozent
Jugenderwerbslosenquote 201215,5 Prozent