Liberia: Tausende stecken sich täglich mit Ebola an

Das von Ebola heimgesuchte Liberia führt einen verzweifelten Kampf gegen das Virus. Der Mangel an medizinischen Einrichtungen und Personal übersteige seine schlimmsten Erfahrungen, berichtet ein Logistiker von «Médicins sans Frontières». Viele Kranke und Sterbende seien sich selbst überlassen.

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Rasante Ausbreitung des Ebola-Virus

1:22 min, aus Tagesschau am Mittag vom 12.9.2014

14 lange Jahre, bis 2003, erlebte Liberia einen der schlimmsten Bürgerkriege in Afrika. Jetzt hat das Land Frieden und eine demokratisch gewählte Präsidentin. Und dennoch herrscht der Ausnahmezustand: Ebola hat das Leben völlig ausser Kontrolle gebracht. Über 1200 Menschen sind an der Krankheit bereits gestorben.

Thibault Malzieu ist als Logistiker der Hilfsorganisation «Médecins sans Frontières" auf Notfall-Einsätze spezialisiert. Er baute Behandlungszentren in Ebola-Ländern wie Guinea auf.

Doch was er jetzt in der Hauptstadt Monrovia antraf, übersteigt seine schlimmsten Erfahrungen. Ein einziges Zentrum habe es gegeben, mit gerade mal 40 Betten für Ebola-Kranke, berichtet Malzieu. 87 Menschen hätten sich in diesem Zentrum zusammengedrängt, dicht an dicht, auf dem Boden, in den Gängen. Darunter ein Dutzend Menschen, die schon seit Tagen tot gewesen seien.

Akute Ansteckungsgefahr

Jeden Tag seien neue Fälle vor die Tür gelegt worden und jeden Tag seien Menschen gestorben, drinnen, und draussen. Das wenige Pflegepersonal war laut Malzieu völlig ungenügend ausgerüstet – mit Schutzanzügen, die Flüssigkeiten durchliessen und notdürftig mit Klebstreifen fixiert werden mussten: eine immense Ansteckungsgefahr.

Malzieu machte sich sofort an den Bau eines neuen Zentrums. In zehn Tagen seien da 120 neue Plätze für Ebola-Fälle entstanden. Doch auch die seien schon nach zwei Tagen voll belegt gewesen. «Es war ein Teufelskreis: Die Kranken konnten nicht isoliert, die Toten nicht weggeschafft werden. Es gab und gibt viel zu wenig Personal, zu wenig Leichenwagen, zu wenig Krematorien.»

WHO: 79 Ärzte und Pfleger unter den Opfern

Dabei, das weiss man inzwischen auch in Liberia, ist die Ansteckungsgefahr durch Tote und bei Begräbnissen am höchsten. In Liberia haben sich bereits auch viele Mediziner und Pflegerinnen während der Arbeit angesteckt. Laut Weltgesundheitsorganisation sind bisher 79 von ihnen an Ebola gestorben.


Ebola bedroht Liberias nationale Existenz

4:33 min, aus Echo der Zeit vom 11.09.2014

4,4 Millionen Einwohner zählt Liberia, ein einziger Arzt war für 100'000 Patienten zuständig. Jeder einzelne Tod eines Arztes oder einer Pflegerin verschlimmere diesen Zustand in enormem Ausmass, klagt die WHO.

Aber auch Ingenieure oder Installateure sind durch ihren Einsatz gefährdet. Und sie sind genau so gefragt im Kampf gegen Ebola. Denn es brauche dringend viel mehr Betten und Zentren, mahnt die WHO. Noch immer würden von den bestehenden und allesamt übervollen Zentren jeden Tag Dutzende von Leuten mit Ebola-Symptomen abgewiesen.

Kranke und Sterbende ohne Hilfe

Was das heisst, schildern Augenzeugen: Kranke, die vor den Zentren auf den Tod warten. Sterbende, die von ihren Familien irgendwo abgelegt werden. Tote, die von Hunden angefressen werden.

MSF-Logistiker Malzieu hat die totale Hilfslosigkeit schon selbst erfahren: An einem Nachmittag fuhr er etwas ausserhalb von Monrovia an einer Frau vorbei, die schon seit dem Morgen am Strassenrand lag. Sie erbrach und hatte offensichtlich Fieber. Niemand konnte ihr helfen. «Solche Fälle, wo Kranke und Sterbende sich selber überlassen werden, gibt es viele in Monrovia», sagt Malzieu.

Appell vor UNO-Sicherheitsrat

Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf hat alles probiert: Grenzen geschlossen, Quartiere abgeriegelt, den nationalen Notstand ausgerufen. Es reicht nicht. Liberia braucht dringend Pflegepersonal. Dazu Behandlungszentren, aber auch sanitäre Anlagen, eine sichere Wasserversorgung und Nahrungshilfe. Material für Millionen.

Es geht nicht mehr allein um die Eindämmung der Krankheit, sondern um die Existenz des Landes. Diesen dramatischen Appell machte die die Regierung diese Woche vor dem UNO-Sicherheitsrat.