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Mächtige Lufthansa «Die Preise für das Fliegen sind grundsätzlich zu tief»

Die Lufthansa steht unter Beschuss. Der Vorwurf: Sie nutze die Pleite von Air Berlin aus und treibe die Flugtarife in die Höhe. Wirtschaftsprofessor Rolf Weder relativiert. Dass die Preise steigen, hat für ihn andere Gründe. Und sei gar nicht so schlimm.

81 Flugzeuge und 3000 Mitarbeiter will die Lufthansa von der Air Berlin übernehmen.
Legende: 81 Flugzeuge und 3000 Mitarbeiter will die Lufthansa von der Air Berlin übernehmen. Keystone

Kunden sind verärgert: Fliegen mit der Lufthansa ist auf gewissen Strecken um bis zu 30 Prozent teurer geworden. Branchenkenner werfen der Lufthansa vor, nach der Air-Berlin-Pleite die Marktstellung auszunutzen und die Flugtarife gezielt in die Höhe zu treiben.

Alarmiert sind auch die Wettbewerbshüter: Das Bundeskartellamt will die Preispolitik der deutschen Fluggesellschaft prüfen und gegebenenfalls ein Verfahren einleiten. Ist die Lufthansa dabei, ein Monopol einzurichten?

Der Wegfall von Air Berlin schadet dem Wettbewerb und verknappt momentan das Angebot insbesondere auf vielen innerdeutschen Flugstrecken.
Autor: Andreas MundtChef Bundeskartellamt

Flugpreise pendeln sich wieder ein

Rolf Weder, Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Basel, will nicht in die Unkenrufe mancher Branchenkenner einstimmen. Für ihn ist die Entwicklung der Flugtarife nicht abgekartet, sondern die Konsequenz eines erbitterten Tiefstpreis-Kampfes:

«Dass die Preise vorher tiefer waren, hängt primär mit der Preispolitik der damals serbelnden Air Berlin zusammen. Um den drohenden Konkurs zu vermeiden, hat sie – letztlich vergeblich – mit tiefen Preisen noch möglichst viel Umsatz machen wollen. Es ist normal, dass die Preise nach der Pleite von Air Berlin wieder ansteigen. Sie pendeln sich sozusagen wieder ein.»

Wenn die Flugpreise also quasi naturgemäss wieder ansteigen, sei dies nur zu begrüssen, betont der Professor für Wirtschaftswissenschaft: «Aus gesamtwirtschaftlicher und damit auch aus ökologischer Sicht sind die Tarife für das Fliegen generell zu tief.»

Kein Anreiz, die Preise in die Höhe zu treiben

Die Tarife künstlich in die Höhe zu treiben, kann gar nicht im Sinne der Lufthansa sein, sagt Weder. «Würde die Airline ungerechtfertigt höhere Preise etablieren, riefe das unweigerlich andere Fluggesellschaften auf den Plan, die auch von den höheren Tarifen profitieren wollen. Damit stünde aber unmittelbar wieder ein Preiskampf gegen unten bevor. Und den wird die Lufthansa vermeiden wollen.»

Man kann einwenden, dass die Lufthansa aktuell keine Konkurrenz gewärtigt. Doch auch dies sei für die Klienten kein Grund zur Sorge. «Es ist nicht einmal der Eintritt eines zweiten Players in den Markt nötig. Allein die Möglichkeit, dass ein solcher in den Markt eintritt, drückt die Preise.»

Was kolportiert wird über angebliche Preissteigerungen, ist nachweisbar nicht zutreffend.
Autor: Harry HohmeisterVorstandsmitglied Lufthansa

Konkurrenz in der eigenen Gruppe

Wie aber entwickeln sich die Tarife, wenn die Lufthansa erst einmal Grossteile der Air Berlin übernommen hat? Laut Lufthansa-Chef Carsten Spohr würde selbst dann Konkurrenz für moderate Preise sorgen – nämlich Konkurrenz in der eigenen Gruppe. «Da, wo es bisher nur Lufthansa und Air Berlin gab (...), kommen nun Eurowings-Flüge als Ersatz für Air Berlin hinzu.»

Weder hält – mit Blick auf die Kosten – dieses Argument nicht für gänzlich unplausibel: «Wenn die Gesellschaft die Möglichkeit hat, Destinationen mit weniger Aufwand bzw. weniger Kosten anzufliegen, wird sie das wohl tun und dies auch den einzelnen Fluggesellschaften im Konzern erlauben. Aus unternehmerischer Sicht profitiert die Lufthansa von tiefen Kosten. Und sie bereitet sich so auf den immer drohenden Eintritt von neuen Konkurrenten in die entsprechenden Destinationen vor.»

Ob die Wettbewerbshüter eben so denken, könnte sich bereits am 7. Dezember zeigen. Dann liegt der Ball bei der EU-Kartellbehörde. Sie gibt grünes oder rotes Licht für die Teilübernahme der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin.

Sendebezug: SRF 4 News, 26.11.17, 11 Uhr.

Rolf Weder

Rolf Weder

Rolf Weder ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Basel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Aussenwirtschaft und Europäische Integration.

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27 Kommentare

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  • Kommentar von Werner Caviezel (Angemeldet)
    30%? Die Preise auf gewissen Strecken haben sich multipliziert, etwa 500% höher.
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  • Kommentar von Charles Grossrieder (View)
    Professor Weders Kommentare finde ich absolut korrekt. Ohne Grund ging Air Berlin nicht bankrot. Eine LH kann auch gar nicht so billig arbeiten wie ein LCC, höhere Personal Kosten, höhere Flugsicherheit Investitionen usw. Das letztere ist sehr teuer und wird von LCCs oft am legalen minimum gehalten, denke ich, was sich eine LH gar nicht erlauben kann. Man muss das ganze in Perspektive sehen, inklusive Sicherheit usw, nicht nur den Preis.
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    1. Antwort von Werner Caviezel (Angemeldet)
      AB hat schlecht gewirtschaftet, keine Frage. Allerdings hat der LH Konzern kräftig an der Pleite mitgewirkt indem man sich einen ruinösen Preiskampf geliefert hat. Wer den längeren Atem hat überlebt und es war klar, wer das sein wird. Aus diesem Grund sind vor allem die Strecken nach Wien, Düsseldorf, Berlin massiv teurer geworden. Dasselbe sah man schon, als AB die Strecke von ZRH nach Hannover aufgegeben hat. Der Sitzkomfort bei AB ist/war wesentlich besser als bei Eurowings und Swiss.
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    2. Antwort von Johannes Ullrich (felix_hn)
      @Werner Caviezel (Angemeldet), Rio, Barcelona, Zürich - schon einmal etwas von freier Marktwirtschaft gehört? Die gibt es nämlich in Deutschland.
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    3. Antwort von Werner Caviezel (Angemeldet)
      @ Ullrich Diese gibt es auch in der Schweiz -- wenn aber nicht kostendeckende Preise verlangt werden um die Konkurrenz weg zu haben ist das mindestens fragwürdig.
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  • Kommentar von Urs Heim (Ursus)
    Grundsätzlich ist es richtig das die Billigfliegerei einen Dämpfer erhält, denn Air Berlin ist nicht wegen der Nachfrage ins Grounding getrieben worden, sondern durch die nicht kostendeckende Preisgestaltung, sprich für zweistellige Euro Beträge mit Wochenendausflügen den Klimawandel fördern. Wer die Lufthansa für anprangert, sollte mal ruhig überlegen ob es wirklich Sinn macht sich auf Kurzstrecken mit dem Flugzeug von A nach B zu bewegen.
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    1. Antwort von Werner Caviezel (Angemeldet)
      Stimmt grundsätzlich aber solche Preise gab es nicht nur bei AB. Auch der LH Konzern hat das angeboten und jetzt, wo es AB nicht mehr gibt stiegen die Preise z.B. nach Düsseldorf massiv während man auf Strecken, wo Wettbewerb herrscht (Spanien, Portugal) immer noch sehr günstig fliegen kann. Bezeichnend ist, dass bei der "Black Friday"-Aktion von Swiss keine deutschen Destinationen zu haben waren.
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