Wahl in Frankreich Marine Le Pen – Ikone der Frauenbewegung?

Die FN-Chefin will erste Präsidentin Frankreichs werden. Die Begeisterung unter Feministinnen hält sich in Grenzen.

Glaubt man den Umfragen, hat Marine Le Pen reelle Chancen, Frankreichs erste Präsidentin zu werden. Dass die Rechtspopulistin zur Galionsfigur der feministischen Bewegung wird, ist jedoch unwahrscheinlich: Am vergangenen Donnerstag sprengte eine Femen-Aktivistin eine Wahlkampfveranstaltung von Le Pen, und bezeichnete die Front-National-Chefin lautstark als «fiktive Feministin».

Die Journalistin Tanja Kuchenbecker lebt seit 26 Jahren in Paris, vor kurzem hat sie eine Biographie über Marine Le Pen veröffentlicht. Dem Urteil der Femen-Aktivistin schliesst auch sie sich an. Nichtsdestotrotz: Marine Le Pen pflegt ihr Image als moderne, selbstbestimmte Frau.

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«Femen» macht mobil gegen Le Pen

0:15 min, vom 27.2.2017

Le Pen ist Chefin einer äusserst erfolgreichen Partei, die sie aus der rechten Schmuddelecke führen will; die alte Garde des Front National – weisse Männer mit «klaren Positionen» in Migrationsfragen – hat sie erfolgreich verdrängt; ihre Kinder hat Le Pen alleine grossgezogen und auch finanziell ist sie autonom.

«Marine Le Pen entspricht mit ihrem Werdegang tatsächlich dem Bild einer typischen, starken Französin», sagt Kuchenbecker. Bei näherer Betrachtung erhält das Bild aber Risse.

  • Die Self-Made-Woman

So ortet die Frankreich-Kennerin Widersprüche – allem voran zwischen Le Pens Vita und der Parteidoktrin: «In der Parteiideologie kann sie das Bild einer [Vorkämpferin für Frauenrechte] nicht unterbringen.» Strategisch gehe sie aber durchaus versiert vor: «Le Pen schafft es besser als ihr Vater, ihre konservativen Ideen zu verpacken.» Offiziell werbe sie etwa dafür, dass beide Elternteile frei zwischen Beruf und Familie wählen dürfen. Wie weit es damit her ist, sei aber fraglich, findet Kuchenbecker: «In vielen Interviews empfiehlt Le Pen den Müttern doch wieder, zuhause zu bleiben.»

Marine Le Pen

Bildlegende: In Frankreich ist Politik eine Männerdomäne. Dass ausgerechnet Le Pen den Betrieb aufmischt, gefällt nicht allen Frauen. Reuters

  • Vorkämpferin gegen Frauengewalt

Nach der Kölner Silvesternacht verurteilte Marine Le Pen die Übergriffe auf Frauen scharf. So weit, so erwartbar. Überraschender war indes, in welches Kleid sie ihre Kritik hüllte: Le Pen zitierte die berühmte französische Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir: «Vergesst nie, dass eine politische, wirtschaftliche oder religiöse Krise genügt, um die Rechte der Frauen infrage zu stellen.» Die geistige Verschwesterung mit der verstorbenen Feministin erzürnte Frankreichs Frauenrechtlerinnen, berichtet Kuchenbecker: Denn damit habe Le Pen die Ikone Frauenbewegung für die migrationskritische Botschaft des FN missbraucht.

«Masseneinwanderung wirft Frauen Jahrhunderte zurück»

  • Kopftuch – Nein danke!

Für einen medienwirksamen Eklat sorgte Marine Le Pen letzte Woche bei ihrem Besuch im Libanon. Dort reichte ihr ein Mitarbeiter des sunnitischen Grossmuftis ein Kopftuch. Le Pen lehnte dankend ab: «Ich werde mich nicht verschleiern». Das Treffen mit dem führenden muslimischen Geistlichen platzte. Die Mobilmachung gegen die «Islamisierung des Abendlandes» gehört zur DNA des Front National. Entsprechend blieb auch diesmal der Applaus der Frauenrechtlerinnen aus: «Von ihrer eigenen Partei wurde sie aber als Feministin gelobt», sagt Kuchenbecker. Andere politische Kreise hätten die Geste aber eher als islamophoben Akt gewertet.

Le Pen in Beirut, vor ihr hält ein Mann ein Kopftuch in die Höhe.

Bildlegende: Wie Alice Schwarzer? Auch die deutsche Feministin lehnt das Kopftuch ab. Le Pens Motive dürften «komplexer» sein. Keystone

Zweifel an der feministischen Integrität

Kuchenbecker sieht in der Präsidentschaftskandidatin denn auch keine Bilderbuch-Feministin. Denn ein anderer Schleier fällt bereits mit Blick auf das Parteiprogramm des Front National: «Es enthält nichts, was in Richtung Feminismus geht.» Der Front National erwähne mit keiner Silbe Anliegen wie Emanzipation oder Frauenquoten: «Das Parteiprogramm ist viel eher dazu abgerichtet, die Geburtenrate in Frankreich zu erhöhen.»