Mindestens 130 Tote bei Massaker an pakistanischer Schule

Die Schüler der oberen Klassen legen in Peshawar gerade eine Prüfung ab, als die Terroristen das Feuer eröffnen. Ein Taliban-Sprecher rechtfertigt den schwersten Angriff in Pakistan seit Jahren mit den Worten: «Wir wollen, dass sie den Schmerz fühlen, den wir fühlen.»

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Die Macht der Taliban

9:03 min, aus 10vor10 vom 16.12.2014

  • Rebellen haben in der Stadt Peshawar eine Schule gestürmt. Mindestens 130 Menschen wurden getötet, darunter sind mindestens 125 Schüler. Mehr als 250 weitere Menschen wurden verletzt
  • Die Armee tötete alle sechs Angreifer. Sie gehören der pakistanischen Terrororganisation Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) an.
  • Es handelt sich um das schlimmste Massaker im Land seit vielen Jahren.
Karte Pakistan

Bildlegende: In der Stadt Peshawar leben über drei Millionen Menschen. SRF

Bei einem Überfall islamistischer Taliban auf eine Schule des Militärs sind in Pakistan mindestens 125 Kinder und Jugendliche getötet worden. Die Agentur Reuters spricht gar von mindestens 132 toten Kindern.

Die Terroristen bezeichneten die Attacke als einen Racheakt. Seit Monaten läuft eine Militäroffensive in ihren Stammesgebieten. Beim Angriff auf die Schule in der pakistanischen Millionenstadt Peshawar kamen mindestens 130 Menschen ums Leben, mehr als 250 weitere Menschen wurden verletzt.

Die Extremisten drangen nach Angaben eines Militärsprechers in die Schule in Peshawar im Nordwesten des Landes ein und schossen wahllos in der Aula um sich, prügelten auf die Schüler ein. Etwa acht Stunden später stürmten Sicherheitskräfte das Gebäude und töteten die sechs Angreifer.

Eine Racheakt wegen der Militäroffensive

Ein Sprecher der Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) versuchte, den Angriff in örtlichen Medien zu rechtfertigen. Die vom Militär betriebene Schule sei zum Ziel geworden, «weil sie auch unsere Familien angreifen. Wir wollen, dass sie den Schmerz fühlen, den wir fühlen.» UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon erwiderte in New York, kein Anlass könne so einen Anschlag rechtfertigen.

Die Armee geht in den Stammesgebieten im Grenzgebiet zu Afghanistan massiv gegen radikalislamische Gruppen vor, vor allem gegen die Taliban oder das Terrornetz Al-Kaida. Dabei wurden nach Regierungsangaben bereits tausende Extremisten getötet und vertrieben. Kurz nach dem Anschlag flog die Luftwaffe zehn Angriffe in der betroffenen Provinz – offenbar als Vergeltungsmassnahme.

Gegen Schulen für Mädchen

Eine Lehrerin sagte, dass Schüler der oberen Klassen eine Prüfung schrieben, als die Terroristen das Feuer eröffneten. Im Fernsehen war zu sehen, wie Soldaten Schüler in Sicherheit brachten. Blutüberströmte Kinder und Lehrer wurden aus der Schule getragen. Verzweifelte Eltern drängten sich um die Rettungsautos und hinter Absperrungen vor der Schule und den Notaufnahmen der Krankenhäuser.

Ministerpräsident Nawaz Sharif nannte den Angriff eine nationale Tragödie und ordnete eine dreitägige Staatstrauer an.

Die pakistanische Friedensnobelpreis-Trägerin Malala Yousafzai verurteilte das Massaker als «grauenhaft und feige». «Dieser sinnlose und kaltblütige Terrorakt in Peshawar, der sich vor unseren Augen abspielt, bricht mir das Herz», erklärte die 17-Jährige in London.

Die Schule wird von mehr als 1000 Schülern besucht und bietet Unterricht für Altersstufen von Kindergärtnern bis zur Oberschule. Die Armee betreibt mehr als 120 dieser Schulen in ganz Pakistan. Schulen, besonders solche auch für Mädchen, werden in Pakistan immer wieder zur Zielscheibe für die Extremisten.

Islamistische Anschläge in Pakistan

Pakistans nordwestliches Grenzgebiet zu Afghanistan gilt als Rückzugsgebiet für radikalislamische Gruppen wie die Taliban oder das Terrornetz Al-Kaida. Bei Anschlägen kamen schon zigtausende Zivilisten und Angehörige der Sicherheitskräfte ums Leben.
November 2014: Bei einem Selbstmordanschlag an der Grenze zu Indien sterben rund 60 Menschen. Ein Jugendlicher sprengt sich an einem Grenzübergang nahe der Stadt Lahore in die Luft.
Juni 2014: Taliban-Kämpfer greifen als Polizisten getarnt einen Flughafen in Karachi an. Bei stundenlangen Gefechten werden die zehn Angreifer und Dutzende weitere Menschen getötet. Die Attacke sei die Rache für Luftangriffe der pakistanischen Armee, sagt ein Sprecher der Extremisten.
März 2014: Die Extremisten greifen ein Polio-Impfteam an, am Strassenrand detonieren zwei Bomben. Zehn Polizisten in Begleitung des Teams sterben. Die Islamisten glauben, die Impfungen seien Teil einer Verschwörung des Westens und sollten Muslime unfruchtbar machen.
September 2013: Bei einem Selbstmordanschlag auf Christen vor einer Kirche in der nordwestpakistanischen Stadt Peshawar kommen rund 80 Menschen ums Leben. Zwei Attentäter sprengen sich nach dem Gottesdienst in die Luft.

Tehreek-e-Taliban

Die Terrororganisation Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) hat ihre Basis im Norden Pakistans an der Grenze zu Afghanistan. Sie ist die Dachorganisation verschiedener islamistischer militanter Gruppen. Die Rebellen sind für Terroranschläge gegen Einrichtungen des Staates, auf Schiiten und Sufis in ganz Pakistan verantwortlich.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • 84 Schüler getötet

    Aus Tagesschau vom 16.12.2014

    In Pakistan haben Taliban-Kämpfer eine Schule angegriffen und dabei laut dem Provinzgouverneur mindestens 100 Menschen getötet – darunter 84 Schüler. Die Schule wird vom Militär geführt. Hinter dem Angriff steckte offenbar ein Racheakt gegen die Angriffe der Regierungstruppen. Einschätzungen von Ulrich Tilgner.