Mit den US-Cops auf Streife

Seit den 1990er Jahren ist in USA die Zahl der Gewaltverbrechen stetig zurückgegangen. Doch nun schlagen die Polizeichefs Alarm: Neu kommt es in vielen Städten wieder zu deutlich mehr Mord und Totschlag. SRF-Korrespondent Beat Soltermann war in einem Vorort von Washington mit der Polizei unterwegs.

Unterwegs mit den US-Cops

Officer Whitney Kujawa ist mit dem Polizeiauto auf Patrouille. Die junge Frau mit den blonden Haaren hat ihre Schicht soeben begonnen. Es ist 20 Uhr. Draussen, in einem Vorort von Washington D.C., ist es schon dunkel.

Ein Funkspruch geht ein. «Dieser Funk-Code steht für einen Selbstmord», erklärt sie. Eigentlich eine Heroin-Überdosis. «Wir haben in letzter Zeit viele Leute, die wegen Drogen sterben.» Drogen und die damit verbundene Kriminalität seien ein immer grösseres Problem, sagt Kujawa. Doch bei ihrem ersten Einsatz heute Abend geht es um etwas anderes: Vandalismus.

Ihr Kollege, Officer Dan Ford ist, schon vor Ort. Eine ältere Afroamerikanerin hatte die Notnummer gewählt. Sie sei so aufgeregt, sie habe am Telefon nicht mal ihren Namen richtig sagen können, erklärt sie. Es geht um den Briefkasten vor dem Haus – er wurde mit Farbe beschmiert. Die beiden Polizisten schreiben alles auf. Danach fühlt sich die Dame schon wieder etwas sicherer.

Ein Fünftel mehr Tötungsdelikte als vor einem Jahr

Ein harmloser Einsatz. Immer öfter muss die Polizei jedoch wegen Mord und Totschlag ausrücken. Ein Blick in die Polizeistatistik zeigt: Seit Anfang Jahr gab es in den grössten US-Städten im Schnitt ein Fünftel mehr Tötungsdelikte als im gleichen Zeitraum vor einem Jahr. In Zahlen heisst das: 73 Tote in Washington DC, 150 in Houston und 203 in Chicago. In Baltimore gab es allein im Mai 45 Tote.

Thomas Manger ist der Präsident der Organisation «Major Cities Chiefs Association», in der die Polizeichefs aller grösseren US-Städte zusammengeschlossen sind. Er sagt: «Wir wissen noch nicht, ob es sich bei den Zahlen um eine Trendumkehr handelt oder bloss um einen einmaligen Ausrutscher nach oben.»

Mehr Augenmass – doch das Misstrauen bleibt

Doch die Beunruhigung in den Polizeicorps ist gross. Zumal nicht ganz klar ist, was den Anstieg verursacht. Mehr Drogendelikte, ein veraltetes Strafrechts-System und Waffen mit grossen Magazinen sind die häufigsten Gründe. In jeder Stadt gebe es zudem Besonderheiten, weiss Manger. Beispiel Baltimore: «Bei den Ausschreitungen im April wurden viele Apotheken geplündert. Nun kämpfen Gangs mit allen Mitteln um diese illegal erworbenen Medikamente.»

Dass die Polizei wegen der vielen Skandale weniger hart gegen Kriminelle vorgeht, aus Angst, Fehler zu machen, glaubt Thomas Manger hingegen nicht. Er hat auch nichts dagegen, dass die Polizei eine Reihe umstrittener Taktiken nicht mehr anwenden, wie etwa Leute schon bei geringem Verdacht stoppen und durchsuchen. Das habe die Kriminalität zwar tief gehalten. Dafür sei das Vertrauen zwischen der Polizei und der Bevölkerung beschädigt worden.

«  Bei Arbeitsbeginn weiss ich nie, was mich erwartet. »

Whitney Kujawa
Officer

«Nur» Kontrollen und ein Unfall

Zurück zu Officer Kujawa von der Montgomery County Police. Sie hat inzwischen mehrere Fahrzeuge überprüft und bei einem Unfall zum Rechten geschaut. Der Abend verlief so, wie es sich jeder Polizist wünscht: Verschiedene kleinere Zwischenfälle, aber keine Schiesserei und keine Toten. «Kein Tag ist gleich», sagt Officer Kujawa zum Abschied. «Es kann sich alles in 10 Minuten ändern. Bei Arbeitsbeginn weiss ich nie, was mich erwartet.»