«Moderne Sklaverei» auf WM-Baustellen in Katar

In Katar sind auf den Baustellen für WM-Stadien 44 Arbeiter aus Nepal ums Leben gekommen. Die ohnehin kritisierte Standortwahl für das Turnier 2022 könnte für die Fifa zum Desaster werden.

Blatter und der katarische Kronprinz.

Bildlegende: Blatter und Katars Kronprinz Scheich Tamim jubeln sich weiter der WM 2022 entgegen. Keystone

Nach Berichten über die miserablen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen zur Fussball-WM 2022 in Katar werden Stimmen lauter, die einen Boykott der WM fordern oder eine neue Vergabe des Austragungsortes.

Die Tageszeitung «Guardian» hatte berichtet, dass zwischen dem 4. Juni und dem 8. August 44 nepalesische Gastarbeiter auf den WM-Baustellen wegen Herzversagens oder Arbeitsunfällen gestorben seien.

«Ich frage mich, ob die Verlegung der WM vom Sommer in den Winter, die Menschenrechte und die Störung des Sportkalenders nicht so gross sind, dass der englische Fussballverband in Betracht ziehen sollte, nicht zu spielen», liess sich ein englischer Parlamentarier vernehmen. Er regte eine internationale Kooperation von Politikern mit Blick auf die Korruptionsvorwürfe um die WM-Vergabe an.

Fifa nimmt bislang nicht Stellung

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erwartet nun von der Fifa, dass sie in Katar eingreift. Es sei nicht übertrieben, von «moderner Sklaverei» zu sprechen, wurde eine Sprecherin der Organisation in der «Süddeutschen Zeitung» zitiert.

Von Fifa-Boss Sepp Blatter, ansonsten ein kommunikationsfreudiger Mensch, ist zu dem Thema bislang nichts zu vernehmen. Auf seinem Twitter-Account gratuliert er stattdessen Brasilien, Spanien und Russland zum Halbfinal-Einzug bei der Beachfussball-WM.

Zehntausende Nepalesen arbeiten in den Golfstaaten

SRF-Südasien-Korrespondentin Karin Wenger berichtet von zehntausenden Asiaten, viele von ihnen Nepalesen, die in den Golfstaaten unter fragwürdigsten Bedingungen arbeiten. Den Arbeitern werde gleich nach der Ankunft der Reisepass weggenommen. Damit würden sie quasi Eigentum des Arbeitgebers.

Denn wenn ein Nepalese später den Arbeitgeber wechseln wolle – etwa weil er nicht bezahlt werde oder weil der Vertrag nicht eingehalten werde – werde er in die Illegalität getrieben. Die Folge: «In den Golfstaaten sitzen heute 40'000 Nepalesen im Gefängnis», berichtet Wenger. Sie seien meist ohne Papiere aufgegriffen und in Haft genommen worden.

Täglich werden verstorbene Nepalesen zurückgebracht

Jeden Tag würden ausserdem mehrere tote Nepalesen aus den Golfstaaten nach Kathmandu geflogen, sagt Wenger weiter. Und gleichzeitig verlassen täglich 1500 Nepalesen das Land, um irgendwo Arbeit zu finden – viele von ihnen in Richtung Golfstaaten. «Der Zwang, aus Nepal wegzugehen, scheint immer noch grösser zu sein als die Gefahren, welche die Betroffenen sehen.»

Der Exodus der jungen Männer auf der Suche nach Arbeit ist für die nepalesische Regierung eine grosse Entlastung: Rund die Hälfte der jungen Nepalesen verlässt das Land und viele von ihnen schicken dann Geld in die Heimat. «25 Prozent des Bruttoinlandprodukts Nepals kommt von den Migranten», so Wenger. Kein Wunder, wolle die Regierung in Kathmandu daran nichts ändern.