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Trump-Anhänger im Kapitol mit Konföderiertenflagge
Legende: Wenn ein Trump-Fan mit einer Konföderierten-Flagge durchs Kapitol marschiert, dann führt er symbolisch den amerikanischen Bürgerkrieg weiter, obwohl dieser 1865 zu Ende ging. Reuters
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Nach Sturm aufs Kapitol Die Macht der Geschichte

Wie es zum Sturm auf das US-Kapitol gekommen ist, wissen wir. Der Präsident hatte dazu aufgerufen. Ja, er hatte vier Jahre lang den Boden dafür bereitet. Und längerfristig: Seit Mitte der 1990er-Jahre hat sich das politische Klima in Washington dauerhaft geändert. Der politische Gegner wurde zum politischen Feind.

Das war die Strategie des republikanischen Mehrheitsführers Newt Gingrich im Repräsentantenhaus. Und das blockierte das amerikanische Regierungssystem, das im Grunde, vor allem im Senat, auf Ausgleich und Kompromiss angelegt war. Dieses Ideal von Ausgleich und Kompromiss wurde exemplarisch im berühmten Film «Mr. Smith goes to Washington» beschworen. Doch ganz tief unter diesen Erklärungsschichten liegt eine weitere: die Geschichte.

«Die Vergangenheit ist nie tot»

Als ich als Korrespondent in Washington arbeitete, war ich frappiert, wie präsent die US-Geschichte im politischen Alltag war. Fast jeder Politiker, jede Politikerin berief sich darauf. Der amerikanische Bürgerkrieg war oft Bezugspunkt in vielen Reden. In den Südstaaten wurde noch im 21. Jahrhundert Klopapier mit dem Konterfei des verhassten Nordstaatengenerals Sherman verkauft. Und im lokalen Radio von Charleston wurden Quiz über die Schlachten des Bürgerkriegs gespielt.

Die Amerikaner brauchen keine Revolution, weil ihre letzte von 1776 noch immer so präsent ist. Manchmal scheint es, als ob sie gefühlt erst gestern stattgefunden hätte. Und weil sie noch so lebendig ist, könnte dies auch ein Grund für den revolutionären Sturm auf das Kapitol sein.

Denn es ist nicht bloss eine kleine Minderheit der Amerikaner, vor allem nicht unter den Anhängern der Republikaner, welche die Besetzung des Kapitols gutheissen. Und wenn einer der Besetzer mit einer konföderierten Südstaatenflagge durchs Kapitol marschiert, dann führt er symbolisch den amerikanischen Bürgerkrieg weiter, obwohl der vor 156 Jahren zu Ende ging.

«Die Vergangenheit ist nicht einmal vergangen»

Die Macht der Geschichte ist auch im kollektiven Gedächtnis der deutschen Politik präsent. Revolution ist ein Albtraum in Deutschland. Der Zusammenbruch jeglicher Ordnung, die drohende kommunistische Revolution 1918 sind ein deutsches Trauma. Nicht umsonst hatte Stalin gespottet, in Deutschland könne es keine Revolution geben, weil man sonst den Rasen betreten müsste. Was ja in Deutschland bekanntlich verboten ist.

Die Deutschen sind sehr geduldig, das sieht man auch beim aktuellen Shutdown, der viel weiter geht als die Massnahmen in der Schweiz. Aber wenn das Land aus dem Gleichgewicht gerät, drohen ganze Systeme unterzugehen, wie das 20. Jahrhundert gezeigt hat.

Diese Erfahrungen sind mit Sicherheit im kollektiven Gedächtnis der Politik verankert, und sie sind ein Grund, dass der Corona-Shutdown von der Bundesregierung mit Milliarden abgefedert wird. Der Schriftsteller William Faulkner schrieb einmal: «Die Vergangenheit ist nie tot, sie ist nicht einmal vergangen».

Peter Voegeli

Peter Voegeli

Deutschland-Korrespondent, SRF

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Peter Voegeli ist seit Sommer 2015 SRF-Korrespondent in Deutschland. Er arbeitet seit 2005 für Radio SRF, zunächst als USA-Korrespondent, danach als Moderator beim «Echo der Zeit».

Echo der Zeit, 10.1.2020, 18 Uhr

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62 Kommentare

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  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Biden wollte eigentlich die Wogen glätten. Dieser Artikel tut das Gegenteil.
    Aber ja, vermutlich ginge die Presse pleite wenn nicht laufend weiter Oel ins Feuer gegossen würde.
    Uebrigens hat Voegeli nicht Historiker sondern Journalist und hat damit so viel mit Geschichte zu tun wie Trump mit Wahrheit. Keine Ahnung wie Voegeli sich auf die Geschichte berufen kann wenn er sie doch nie fundiert studiert hatte.
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  • Kommentar von Francis Waeber  (Francis Waeber)
    @ Manu Meier - Einen Donald J. Trump in die "Opferrolle" zu drücken, würde er selber sicher als Affront erster Güte betrachten. Nach eigenem Verständnis ist ein Donald J. Trump NIE "Opfer", sondern der Obermacher aller Macher, wie div. Reden, TV-Dokumentationen und Interview-Mitschnitte belegen..... ;-))
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  • Kommentar von Manu Meier  (Manuel Meier)
    Früher im Mittelalter wurde jemand schuldiges gesucht, und diese Person dann zur Hexe erklärt. Reaktionsartig und völlig undifferenziert ist der Pöbel darauf eingegangen und haben mit dem Finger auf die Person gezeigt. Es erstaunt mich, dass sich seit dem Mittelalter kaum etwas verändert hat. Trump ist die Hexe der Neuzeit geworden und wird für alles zum schuldigen erklärt. Die Schuld wird abgeschoben auf eine Person. So einfach kann die Welt gestrickt werden, wenn man es selbst ist.
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    1. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Herr Meier: Klar ist Trump nicht an allen Malaises in den USA und sonst schuld, aber er ist AUCH und NICHT UNERHEBLICH an diesen schuld. Das Problem wird hier oft manipulatorisch verschoben: Denn niemand gibt Trump die Alleinschuld. Das ist eine Unterstellung mit der Hinterabsicht Trump so sehr zu entlasten, dass er schon fast an nichts mehr schuld ist. Eben so ein unberechtigter Rettungsfallschirm für Trump. Einen Privatmann hätte man schon längst ins „Chefeli“ eingezogen.
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    2. Antwort von René Baron  (René Baron)
      Aufpassen Meier: Eine Hexe zu verteidigen, hat auch den Hexenfreunden den Scheiterhaufen beschert. Immerhin hat uns SRF noch nicht gesperrt. Wir zwei haben also noch eine Gnadenfrist :-)
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    3. Antwort von René Baron  (René Baron)
      Die ganzen Hexenverbrennungen konnten nur deshalb über Jahrzehnte hinweg durchgeführt werden, weil man sich weigerte, auf der Metaebene über diese Hexenprozesse zu diskutieren, resp. über die Relevanz und die Autorität derer, die sich selber als Inquisitoren intronisierten und jeden als Hexer verbrannten die es wagten ihre Autorität in Frage zu stellen.
      So wie heute.
      Nur heute wird niemand mehr verbrannt, sondern einfach gesperrt. Geht schneller und keiner merkts.
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    4. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Naja, Donald Trump ist jedenfalls für die Todesstrafe.
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    5. Antwort von Dagmar Knell  (DagmarKnell)
      Was Plana? Der ist auch noch für Recht und Ordnung und Strafen für Mörder? Jetzt geht es wirklich viel zu weit. Dieser Trump gehört weg und zwar subito
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