Neue Weltseuche Antibiotika-Resistenzen? Das müssen Sie wissen

Erstmals steht ein globales Gesundheitsproblem global auf der Agenda der UNO: Die Antibiotika-Resistenz. Wir haben für Sie die wichtigsten Fakten zum Thema zusammengestellt.

Zwei Petrischalen, auf denen Bakterien unterschiedlich nahe an Antibiotika heranwachsen.

Bildlegende: Antibiotikaresistenz Während die Bakterien in der Schale links noch auf die Antibiotika reagieren, zeigen sich jene rechts unbeeindruckt. imago

Selten greift die UNO auf einem politischen Gipfel ein Gesundheitsthema auf. Da Antibiotikaresistenzen aber jährlich Millionen Menschenleben kosten, will man das Problem nun endlich auf die internationale Agenda heben und einen Aktionsplan verabschieden. Am Gipfeltreffen vertreten ist die Schweiz als WHO-Sitz und wichtiger Pharmastandort durch Bundespräsident Johann Schneider-Ammann.

Fragen und Antworten zur Antibiotikaresistenz

  • Was sind Antibiotika? Natürliche und künstlich gewonnene Substanzen, die gezielt gegen Mikroorganismen eingesetzt werden. Antibiotika (griech. anti = gegen, bios = Leben) wirken gegen Bakterien, aber nicht gegen Viren. Sie helfen also zum Beispiel bei einer Lungenentzündung, aber nicht gegen Grippeerreger.
  • Seit wann werden Antibiotika in der Medizin eingesetzt? 1928 wurde Penicillin per Zufall entdeckt und vor 75 Jahren zum ersten Mal einem Menschen gespritzt. Seit der industriellen Produktion für die US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg gehören Penicillin und seine Nachfolger zu den mächtigsten Waffen der modernen Medizin. Früher oder später wurden aber bei allen Antibiotika Resistenzen verzeichnet – wie schon beim ersten Patienten 1941, dem sie zum Verhängnis wurde.
  • Was bedeutet «Antibiotikaresistenz»? Eine Substanz bewirkt nicht mehr wie bisher das Absterben der Mikroorganismen. Das kann zum Beispiel durch eine spontane Mutation des Bakteriums verursacht werden oder durch unvollständige Antibiotikakuren, wo überlebende Bakterien die zum Überleben relevante Gen-Information weitergeben können. Ein grosses Problem ist der massive Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft. Und auch die Globalisierung trägt dazu bei, die Antibiotika-Waffe stumpf werden zu lassen: Viele Touristen bringen bei der Rückkehr aus dem Ausland unbemerkt resistente Keime nach Hause – auch ohne Spitalaufenthalt im Ferienland.
  • Sind resistente Erreger ein neues Phänomen? Nein. Antibiotika und Resistenzen sind Waffen, die sich Mikroorganismen während der Evolution in einer Art Rüstungsspirale zugelegt haben: Seit Urzeiten entwickeln die einen ein Antibiotikum, um die Konkurrenz im Kampf um Lebensraum zurückzudrängen – und die anderen Resistenzen, um den Angriff abzuwehren. Bedeutsam ist das für den Menschen erst, seit er sich das Wissen um diese Mechanismen erfolgreich zunutze macht.
  • Geht mich das etwas an? Ja! Ohne wirksame Antibiotika können sich ganz banale Infektionen zu einem lebensbedrohlichen Zustand auswachsen – selbst bei kerngesunden Menschen. Zwar stehen der Medizin noch Reserve-Antibiotika zur Verfügung, doch auch bei denen sind Resistenzen nur eine Frage der Zeit. Und da sich die Medizinforschung in den letzten Jahren auf lukrativere Themen verlegt hat, harzt es mit dem Nachschub.
  • Gibt es Hoffnung? Den Kampf gegen die resistenten Bakterien haben sich Regierungen und Gesundheitsbehörden weltweit aufs Banner geschrieben. Im Vordergrund steht ein bewussterer Umgang mit den bestehenden Antibiotika, damit sie ihre Wirkung länger behalten. Diskutiert wird auch die Schaffung von Anreizen, welche die Entwicklung und Herstellung neuer Antibiotika wieder interessanter machen. Und natürlich wird nach Alternativen gesucht.

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Resistente Bakterien – Wie gefährlich sind die Ferien-Souvenirs?

    Aus Puls vom 22.8.2016

    Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika unempfindlich sind: Ein wachsendes Problem für die moderne Medizin. Besonders oft fängt man sich solche «Superbugs» in Spitälern ein. Sie können aber auch unbemerkt von Auslandreisen mit Heim gebracht werden – ohne Spitalbesuch im Ferienland. In einer Studie der Universität Bern waren drei von vier Indien-Reisenden mit multiresistenten Bakterien besiedelt. «Puls» fragt nach, was das für die Betroffenen selbst und für ihr Umfeld bedeutet.

    Mehr zum Thema

  • Antibiotika-Resistenz – Die tägliche Bedrohung

    Aus Puls vom 11.4.2016

    Wie schaffen es Bakterien wie ESCR-E. coli oder MRSA, seit Jahrzehnten bewährte Antibiotika-Waffen auszuschalten? Und was tun die Krankenhäuser dagegen? «Puls» zeigt, wie am Inselspital Bern mit der Bedrohung umgegangen wird.

    Mehr zum Thema

  • Neue Antibiotika: Wenig Anreize für Big Pharma

    Aus ECO vom 1.2.2016

    Es ist eine tickende Zeitbombe: Resistente Bakterien sind weltweit im Vormarsch und verursachen immer mehr tödliche Infekte. Das Problem: Die Grossen der Pharmabranche haben sich weitgehend aus der Forschung nach neuen Antibiotika zurückgezogen. Denn die Renditeaussichten sind weit weniger rosig als bei der Entwicklung neuer Krebsmedikamente. Für kleinere Pharmaunternehmen ist es sehr schwierig, die Forschung überhaupt finanzieren zu können.

    Mehr zum Thema

  • Die Gefährlichen: Resistente Bakterien

    Aus Einstein vom 14.1.2016

    Im Kampf gegen krankmachende Bakterien sind Antibiotika die beste Waffe. Aber sie werden immer erfolgloser, die Abwehrstrategien der Bakterien immer besser. Weil in den letzten Jahren kaum mehr Antibiotika mit neuen Wirkungsweisen auf den Markt gekommen sind, droht ein medizinischer Rückfall in längst vergangen geglaubte Zeiten. Forscher an der Universität Boston machen jetzt Hoffnung: Sie haben eine neue Methode zur Suche nach neuartigen Antibiotika entwickelt.

  • Bundesrat im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen

    Aus Tagesschau vom 18.11.2015

    Die Zahl der Asylsuchenden ist hoch und steigt weiter. Dennoch will der Bundesrat weiterhin nicht von einem Asyl-Notstand sprechen. Bund und Kantone sind überzeugt, dass die bisher getroffenen Massnahmen ausreichen, wie Bundespräsidentin Sommaruga vor den Medien erklärte.

  • Alarmierender Test: Multiresistente Keime auf Importgemüse

    Aus Kassensturz Espresso vom 14.4.2015

    Nicht nur Fleisch ist mit gefährlichen Keimen belastet. Ein Test zeigt jetzt erstmals: Importiertes Gemüse und Gewürzpflanzen aus Asien sind mit antibiotika-resistenten Keimen verunreinigt. Ärzte warnen vor gefährlichen Folgen. «Kassensturz» sagt, was dies für unseren Umgang mit Lebensmitteln bedeutet.

    Mehr zum Thema

  • Die thailändische Spezialität «Tom Yam Goong» in einem Restaurant in Bangkok.

    Antibiotika-resistente Keime als Souvenir

    Aus Wissenschaftsmagazin vom 28.2.2015

    Immer öfter sind Bakterien resistent gegen Antibiotika. Solche Keime finden sich auf Lebensmitteln, etwa auf Poulet. Wer das Fleisch gut durchbrät und auf eine gute Küchenhygiene achtet, ist aber geschützt. Anders bei Reisen in Länder wie Indien, Thailand oder Ägypten.

    Eine Studie fand, dass bis zu 70 Prozent der Touristen resistente Darmbakterien aus diesen Ländern mit nach Hause bringen.

    Odette Frey