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International Nigeria: 200 Tote nach Angriff von Boko Haram

Im Nordosten Nigerias hat die Extremistengruppe Boko Haram wieder zugeschlagen: In einem Dorf sollen mehr als 200 Menschen bei einem nächtlichen Übergriff getötet worden sein. Ausserdem wurden wieder Schülerinnen entführt. Die USA versprechen Hilfe. Doch wer ist Boko Haram und was will die Gruppe?

Legende: Video Wer ist Boko Haram? abspielen. Laufzeit 01:17 Minuten.
Aus Tagesschau vom 25.12.2011.

Wieder sollen im Nordosten Nigerias mehr als 200 Menschen bei einem schweren Angriff der islamistischen Extremistengruppe Boko Haram getötet worden sein. Die nigerianische Zeitung «Daily Trust» berichtete von einem nächtlichen Überfall bewaffneter Männer auf das Dorf Gamboru im Bundeststaat Borno.

Die Einwohner wurden wahllos ermordet. Man zähle die Leichen, bisher seien es 200, aber es gäbe mehr, meinte ein Lokalpolitiker. Unter den Opfern sollen auch 16 Polizisten sein. Augenzeugen zufolge wurden Hunderte Häuser und der grösste Markt des Ortes niedergebrannt.

Wieder entführte Mädchen

Im nordöstlichen Bundesstaat Borno, der an die Länder Niger, Tschad und Kamerun grenzt, häufen sich die äusserst gewalttätigen Vorfälle im Zusammenhang mit den Extremisten von Boko Haram. Vor drei Wochen waren über 200 Mädchen aus einer Schule im Ort Chibok entführt worden. Einige konnten fliehen, der Grossteil der jungen Frauen zwischen 15 und 18 Jahren sind bisher unauffindbar.

Der Anführer von Boko Haram, Abubakar Shekau, hatte in einem über einstündigen Bekennervideo gedroht, die Mädchen als Sklavinnen und Ehefrauen an islamistische Kämpfer zu verkaufen. Anfang dieser Woche wurden weitere elf Mädchen in der gleichen Region verschleppt.

Suchmassnahmen kommen endlich ins Rollen

In der Bevölkerung wird die Kritik an der nigerianischen Regierung laut, dass diese mit Suchmassnahmen nach der Entführung zu lange zugewartet habe. Jetzt gestaltet sich die Suche als schwierig, da Boko Haram die Mädchen in ihrer Gewalt hat – was einen direkten Angriff auf die Gruppe praktisch unmöglich macht.

Die nigerianische Polizei hat eine Belohnung von umgerechnet 300'000 US-Dollar für wichtige Hinweise ausgesetzt. Zudem hat der Präsident Nigerias, Goodluck Jonathan, endlich das Hilfsangebot der US-Regierung offiziell angenommen.

Zusammenarbeit mit USA

Die USA wollen bei der Suche nach den entführten Schülerinnen helfen, hiess es nach einem Telefonat von Jonathan mit dem US-Aussenminister John Kerry. Washington soll laut einem US-Behördenvertreter mit den Behörden in Abuja - der Hauptstadt des Landes - Geheimdienstinformationen austauschen. Offenbar soll auch Sicherheitspersonal zur Unterstützung der nigerianischen Suchtrupps entsandt werden.

Die Zusammenarbeit zwischen den USA und Nigeria in dieser Form ist eher ungewöhnlich. Zwar unterhalten behördliche Institutionen der Länder Beziehungen miteinander, der Kontakt ist jedoch vorsichtig. Misstrauen und politische Differenzen belasten die Beziehungen. Mit ein Grund dafür ist der Umgang von Nigeria mit Menschenrechten.

Wer ist Boko Haram?

Für den ölreichen nigerianischen Staat, der als Afrikas führender Energieproduzent gilt, stellt die Islamistengruppe Boko Haram die grösste sicherheitspolitische Gefahr da. Die Gruppe wagt mit ihren Angriffen immer mehr. Laut Experten scheint sie besser bewaffnet denn je zu sein.

Die Gruppe fordert in ganz Nigeria einen islamistischen Gottesstaat, obwohl im Süden des Landes mehrheitlich Christen leben. Seit rund fünf Jahren verfolgen sie ihre Ziele mit Massakern und Anschlägen auf die Zivilbevölkerung. In der Vergangenheit hatten sie zahlreiche Anschläge auf Schulen, Gymnasien und Universitäten verübt – neu sind jedoch solche Massenentführungen.

Religionskonflikt als Ziel

Aus den nordnigerianischen Taliban heraus habe sich eine viel professionellere islamistische Gruppe gebildet, so der Afrika-Kenner Kurt Pelda. Diese habe auch Hilfe von der Al-Kaida aus der Sahara erhalten.

Boko Haram wolle mit ihren Aktionen den Konflikt zwischen Christen und Muslimen in Nigeria schüren, so Pelda. Dennoch sei ein Auseinanderbrechen des Landes eher unrealistisch. «Das Öl in Nigeria ist im Süden – und ohne das Öl im Süden ist der Norden nichts», ist der Afrika-Spezialist überzeugt.

In Kürze

«Westliche Bildung ist Sünde» bedeutet der Name der 2002 gegründeten Terroristengruppe. Sie sieht in westlichen Einflüssen die Gründe für die weit verbreitete Armut im Norden des Landes. Ihr Ziel ist die Errichtung eines islamistischen Gottesstaates. Seit 2009 haben sie mindestens 6'000 Menschen getötet.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Weiler, St. Gallen
    Na, mittlerweile müsste es doch bekannt sein: Nigeria hat sich geschäftlich zu sehr mit Russland und China angebiedert. Also beginnt eine subversive Kampagne gegen die dort Herrschenden. Wie in aller Welt kann man sich sonst erklären, dass Demonstranten mit gedruckten T-Shirts und professionellen Pamphleten auf die Strasse gehen. Man soll sich nur mal den logistischen und Geld fressenden Aufwand dahinter vor Augen führen. Selbst bei uns wäre das nicht ganz einfach und vor allem teuer.
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  • Kommentar von Franz NANNI, Nelspruit SA
    Wartet mal ab was passiert, wenn die Islamisten bei UNS an Staerke gewonnen haben...
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  • Kommentar von B. Kerzenmacher, Frauenfeld
    Terrorismus wird sich in Afrika noch ausbreiten.Demokratien sind, wenn sie ethnisch, kulturell und religiös heterogen zusammengesetzt sind,anfällig für Extremismus.Die Lösung zur Bekämpfung von Terrorismus liegt in einer Politik,die auf sozialem Ausgleich beruht,sowie strengen Antikorruptionsgesetzen.Viele Nationen in Afrika sind gerade erst am Entstehen und es ist wichtig,dass Sekten wie Boko Haram hart bekämpft werden. Aber auf der anderen Seite zeigen sie auch die Schwächen des Staates auf.
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