Nigerias Regierung sucht die Stützpunkte von Boko Haram

Nach Amnestie-Angeboten und Repression setzt die nigerianische Regierung nun aufs Militär: Die Truppen durchforsten ein Reservat nach Stützpunkten der islamistischen Sekte. Ob das etwas bringt, ist fraglich.

Ein Plakat zur Verhaftung des Boko Haram-Anführers.

Bildlegende: Der Anführer von Boko Haram war zur Verhaftung ausgeschrieben. Nun wird er vom Militär aktiv gesucht. Reuters

Wenige Tage nach der Ausrufung des Notstands im Norden Nigerias hat die Armee eine Offensive gegen die Sekte Boko Haram in der Region gestartet. Gemäss Agenturmeldungen sind im Bundesstaat Borno mehr als 2000 Soldaten stationiert worden. Sie suchen im Wildreservat Sambisa nach Stützpunkten der fundamentalistisch-islamistischen Gruppierung.

Diese Offensive könnte eine Abkehr vom bisher eher diffusen Zickzack-Kurs des nigerianischen Präsidenten bedeuten, meint Patrik Wülser, SRF-Korrespondent in Afrika. «Einerseits hat Präsident Goodluck Jonathan in den vergangen Jahren mit vagen Amnestie-Angeboten reagiert. Andererseits aber auch mit brutaler Repression», sagt Wülser. In den vergangenen vier Jahren sind im Norden Nigerias vermutlich 2500 Menschen ums Leben gekommen.

Keine kriminalistischen Untersuchungen

Das  Vorgehen des Präsidenten habe aber keinen Erfolg gehabt. «Nach einem Anschlag schickt die Zentralregierung jeweils nicht Ermittler, sondern ganze Regimente von Soldaten. Sie errichten Strassenblockaden und führen unsystematische Razzien durch.» Kriminalistische Untersuchungen werden keine durchgeführt.

Für ihre Aufgaben seien die Soldaten gar nicht ausgebildet, man merke es an den Strassenblockaden: «Die Soldaten sind zutiefst verunsichert. Sie haben den Finger am Abzug und zittern. Sie haben Angst.»

Angst vor neuen Anschlägen

«Die Nigerianerinnen und Nigerianer haben jeden Tag Angst, auf die Strasse zu gehen und in einen Anschlag zu geraten.» Aber sie hätten auch genug davon, jeden Sonntag zehn Strassensperren passieren zu müssen, um in die Kirche zu gelangen. Der jetzige Zustand radikalisiere auch die Christen in Nigeria, sagt Wülser: «Ich habe auch christliche Pfingstgemeinden besucht, die sagten: Nun greifen auch wir zu den Waffen.»

Eine Teilung des Landes in einen christlichen und einen islamischen Teil wird von der Mehrheit der Bevölkerung in Nigeria abgelehnt. Boko Haram will im Norden das islamische Gesetz der Scharia einführen.

Die islamistische Sekte verübt seit 2009 immer wieder blutige Attentate, vor allem gegen Christen. Der Name Boko Haram bedeutet in der örtlichen Hausa-Sprache so viel wie «westliche Bildung verboten».

Keine sichtbaren Strukturen

Die militärische Grossoffensive ist die grösste Operation seit 2009, als ein Aufstand der Sekte blutig niedergeschlagen wurde. Ob sie das Land nun wirklich sicherer macht, bezweifelten Experten, sagt Wülser.  «Boko Haram hat keine lokalisierbaren Strukturen. Es ist eher ein Terrornetz, das in Zellen organisiert ist und im Verborgenen agiert.»

US-Aussenminister besorgt

US-Aussenminister John Kerry verurteilte die «Terrorkampagne von Boko Haram auf das Schärfste». Zugleich äusserte er aber auch Sorge über «glaubwürdige Vorwürfe, wonach die nigerianischen Streitkräfte die Menschenrechte verletzen».