«Noch nie wurden die türkischen Medien derart gegängelt»

Eben noch gab es in der Türkei mehrere kritische Medien. Heute bekämpft die Regierung die Medienfreiheit mit Druck und Polizeigewalt. Eine junge Internet-Plattform hält erfolgreich dagegen: Medyascope.tv. SRF sprach mit deren Chef Rusen Cakir.

Polizeieinsatz gegen protestierende Mitarbeiter der Zeitung «Zaman»

Bildlegende: Anfang März liess die türkische Regierung das Redaktionsgebäude der oppositionellen Zeitung «Zaman» stürmen. Keystone

Das hätte sich Rusen Cakir noch vor kurzem unmöglich vorstellen können: Dass er einmal in einer ehemaligen Autowerkstätte mit einfachsten Mitteln und kaum Geld Fernsehen machen würde. Er, einer der bekanntesten türkischen Journalisten, der in Wochen- und Tageszeitungen Kolumnen schrieb, der in den publikumsstarken Sendern die politische Lage analysierte.

Doch seit Monaten steigt der Druck der Regierung in Ankara auf Verlage und Redaktionen. Am Ende erhielt Rusen Cakir vom Medienkonzern Habertürk zwar noch sein Gehalt, aber zugleich ein Schreibverbot.


«Die Demokratie wird gewinnen»

4:51 min, aus Echo der Zeit vom 19.03.2016

Unter Journalisten regiert die Angst

Die türkischen Mainstream-Medien sind inzwischen entweder ohnehin auf Kurs des autokratischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Oder sie werden von oben kontrolliert, konfisziert oder eingeschüchtert, wie Cakir festhält.

Für den 54-Jährigen mit 31 Jahren Polit-Journalismus auf dem Buckel ist unklar, wohin die Reise geht. Eine Demokratie soll die Türkei jedoch nach Erdogans Gusto nicht sein. Um sein Ziel zu erreichen, bringe der Machthaber die Kritik zum Verstummen. Nie seit dem jüngsten Militärputsch in den 1980er Jahren seien die Medien derart gegängelt worden.

Internet als Lösung in der Not

Die einzige Chance bestehe darin, wenigstens in Nischen kritischen Journalismus zu betreiben. Weshalb Rusen Cakir vergangenen Herbst die Medienplattform Medyascope.tv erschuf.

Dort werde noch kontrovers diskutiert. Wer etwas zu sagen habe, könne das heute auch ausschliesslich online machen. Dafür braucht es im Grunde bloss ein einfach zu handhabendes Computerprogramm, um Gespräche aufzuzeichnen, und eine Internetverbindung, um sie zu senden.

Man müsse halt Neues ausprobieren, um sich als Journalist zu wehren und zu überleben, so Cakir.

Porträt von Rusen Cakir.

Bildlegende: Der türkische Journalist Rusen Cakir gibt nicht auf und setzt auf Neues, um weiter unabhängig schreiben zu können. SRF

Spenden aus In- und Ausland

Mehrere Dutzend bekannte Journalisten ziehen mit. Gehalt können sie sich vorläufig keines bezahlen. Finanziert wird Medyascope.tv durch viele Kleinspenden. Geld kommt inzwischen auch von Unternehmern, die eine freiheitliche Türkei anstreben, aber angesichts der Regierungsmacht anonym bleiben wollen.

Und es zahlen ein paar ausländische Stiftungen, etwa die Open Society des Milliardärs George Soros. Mittelfristig wolle und müsse man aber profitabel werden, betont Cakir.

Bekanntheitsgrad steigt rasch

Auf der eigenen Plattform, aber auch via Youtube erreicht Medyascope schon 600'000 Leute. Zwei Drittel davon sind regelmässige Nutzer – vor allem jüngere, gebildete aus Istanbuls und Ankaras Mittelklasse. Dass seine Plattform nun den internationalen Free-Media-Pioneer-Preis erhält, dürfte die Bekanntheit rasch weiter steigern.

Seine Landsleute, davon ist Rusen Cakir überzeugt, nähmen es auf Dauer nicht einfach hin, dass Präsident Erdogan dem Land ein autoritäres System überstülpe. Mittelfristig setze sich die Demokratie durch. Obschon es zurzeit schlecht um sie bestellt sei.

Wegweisender Prozess steht bevor

Eine wichtige Weichenstellung, eine Art Showdown zwischen Regime und Rechtsstaat, findet bereits kommende Woche statt. Mit dem neuerlichen Prozess gegen Can Dündar, den Chefredaktor der liberalen Zeitung «Cumhuriyet». Einem Freund von Rusen Cakir seit dreissig Jahren

Der Präsident habe seine Machtbefugnisse überschritten und Dündar sowie den Politikchef der Zeitung verhaften lassen. Das Verfassungsgericht hob die Haft auf. Doch Erdogan lässt nicht locker und erzwingt jetzt einen neuerlichen Prozess. Der Ausgang ist offen, aber für die Zukunft der Türkei enorm wichtig.