Obama schenkt Insassen den Neuanfang

Wer in den USA mit Drogen dealt, muss mit langen Haftstrafen rechnen. Die Gefängnisse platzen deshalb aus allen Nähten. Das Parlament will nun das System ändern. Doch Präsident Barack Obama prescht vor: Er hebt die Strafen zahlreicher Langzeit-Gefangener auf – so, wie jene von Jason Hernandez.

Jason hält Flugblätter in der Hand und trägt ein schwarzes T-Shirt mit einem Foto von Barack Obama. Darauf sieht man, wie Obama Jasons Begnadigung unterzeichnet.

Bildlegende: Jason Hernandez: Verurteilt zu lebenslanger Haft plus 300 Jahre – nun dank Obama frei nach 17 Jahren. SRF

Irgendwie kann Jason Hernandez noch immer nicht ganz fassen, dass er ein freier Mann ist. «Vor sechs Monaten war ich noch hinter Gittern, vor anderthalb Jahren ging ich davon aus, dass ich nie mehr lebend das Gefängnis verlasse», erzählt der Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln. Manchmal wache er in der Nacht auf, schaue sich um und frage sich, ob er bloss träume.

«  Vor anderthalb Jahren ging ich davon aus, dass ich nie mehr lebend das Gefängnis verlasse. »

Jason Hernandez
Ehemaliger Gefangener

Vor 17 Jahren, als Jason 21 Jahre alt war, verurteilte ihn ein Richter zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe ohne Möglichkeit auf eine frühzeitige Entlassung – plus zusätzlich 300 Jahre. Dies, weil Jason Crack-Kokain gehandelt und sich geweigert hatte, seine Komplizen zu verpetzen – aus Angst vor Racheakten gegen seine Familie. Deshalb die überlebenslange Strafe.

«Ich kann mich nicht mehr genau an den Tag der Urteilsverkündung erinnern, nicht mal mehr an die Tatsache, dass ich im Gerichtsaal stand. So gross war der Schock, als ich das Verdikt vernommen habe.» Am Abend in der Gefängniszelle sei ihm dann bewusst geworden: Da kommst Du nicht mehr lebend raus!

Umstrittene Rechtsordnung

Jason ist kein Einzelfall. Seit Anfang der Neunzigerjahre hat die Zahl der Gefangenen in den USA massiv zugenommen – vor allem wegen Drogendelikten. Das Gesetz schreibt den Richtern vor, dass sie bei Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz meistens eine Gefängnisstrafe aussprechen müssen – selbst dann, wenn sie selber weniger hart durchgreifen würden. Das spiegelt sich in den Zahlen: Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten macht fünf Prozent der Weltbevölkerung aus. 25 Prozent der weltweiten Insassen sitzen aber in den USA im Gefängnis.

«Anfang Neunzigerjahre war ich ein Teenager. Alle in meiner Nachbarschaft verkauften Drogen. Die hatten alle schöne Autos und Kleider, waren bei den Frauen beliebt. Sie waren meine Vorbilder. Es gab dort, wo ich aufwuchs, in der Nähe von Dallas, keine Ärzte und Anwälte, sondern Drogenhändler. Und für mich war klar, dass ich auch einer werden wollte, um der Armut zu entfliehen», erzählt Jason.

Sein älterer Bruder war bereits dick im Geschäft, aber auch süchtig. Jason sprang für den Bruder ein, wenn dieser selber auf einem Drogentrip war – oder im Gefängnis. «Als 15-Jähriger wusste ich alles über den Drogenhandel. Ich wusste, wo ich die Ware beschaffen konnte. Zuerst war’s Marihuana, später dann Kokain.» Als Rivalen bei der Polizei gegen Jason auspackten, war’s vorbei.

Ein Leben ohne Zukunft

Ein Leben hinter Gittern – wie geht man mit einer solchen Zukunftsperspektive um? Wie dreht man da nicht durch? Jason hat Mühe, diese Frage zu beantworten. Am Anfang habe er es einfach hingenommen, sagt er, aber als sein Bruder von anderen Gefangenen erstochen wurde, habe er nur eines gewollt: raus!

Er habe jeden Tag so verbracht, als ob es sein letzter im Gefängnis wäre. Er verhielt sich mustergültig, bildete sich aus und versuchte mit Gesuchen und Rekursen aus dem Gefängnis zu kommen. Erst ein Brief an Präsident Barack Obama änderte jedoch sein Leben. «Obama hat meine Strafe reduziert!» Nach 17 Jahren und vier Monaten war Jason frei.

Obama hat bis heute mehr als 150 Gefangene begnadigt oder deren Strafen verkürzt. Alles keine Unschuldslämmer, aber alles Leute wie Jason Hernandez, die zwar mit Drogen dealten, aber keine Gewalt anwendeten und in keinen Gangs waren. Obama will auf die ungerechte Gerichtspraxis aufmerksam machen, die Hispanics und Afroamerikaner noch härter trifft als Weisse. Und es besteht Grund zur Hoffnung, dass das Parlament bald eine Strafrechtsreform verabschiedet. Wie stark sich diese auf die Situation bereits verurteilter Drogenhändler auswirkt, ist noch offen.

Jason ist jetzt sechs Monate auf freiem Fuss. Einen Arbeitsplatz zu finden, war das grösste Problem. Wer will schon einen Ex-Knasti einstellen? Das Begnadigungs-Schreiben von Präsident Obama habe allerdings geholfen, sagt Jason. Heute arbeitet er als Schweisser und daneben in einem Restaurant. Und er warnt Jugendliche in Vorträgen und an Schulen, nicht wie er auf die schiefe Bahn zu geraten.