«Papst Benedikt hätte keinen Bonus verdient»

Erstmals seit Jahrhunderten können Wirken und Leistungen eines lebenden Papstes analysiert werden. Womit geht Benedikt in die Geschichtsbücher ein?

Papst beim Weggehen.

Bildlegende: Der Papst geht, nun wird Fazit gezogen. Keystone

Der Papst hat genug. Sein Rücktritt wurde von vielen begrüsst. Welches Bild wird von ihm bleiben? Der Professor? Der Mann im Elfenbeinturm? Und hätte Benedikt als Banker einen Bonus verdient?

Rücktritt hoch angerechnet

Benedikt XVI. verkündete seinen historischen Schritt leise, nebenbei und in Latein. Die Welt, nicht nur die Welt der Medien, wurde durchgeschüttelt. Letztmals war vor 700 Jahren ein Papst zurückgetreten. In einem deutschen Magazin war zu lesen, der Rücktritt sei die einzige historische Tat des Papstes. Judith Hardegger, Theologin und Redaktorin bei SRF Sternstunden, stimmt dieser Einschätzung teilweise zu. «Ich rechne ihm den Rücktritt hoch an. Es war nicht seine einzige Leistung, aber seine grösste.»

Ranghohe Personen werden nach ihrem Rücktritt an ihren Leistungen gemessen. Die katholische Kirche ist ein historisch einzigartiges Erfolgsmodell. Trotz Krisen, zweitausend Jahre «Firmengeschichte» sind unerreicht. Hätte der Papst in der Wirtschaftswelt einen Bonus verdient? Die Antwort fällt negativ aus. Die Ökumene stehe still, «und das ist noch nett formuliert», sagt Hardegger. «Er hat die ‹Firma› nicht weitergebracht, eher noch zurück.»

Kaum Unterschiede zu Johannes Paul II.

Nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Oberhaupt von über einer Milliarde Katholiken war die Begeisterung nicht nur in Deutschland gross. «Wir sind Papst» wurde zur Schlagzeile und Analyse der Befindlichkeit gleichermassen. Die Euphorie wirkte erstaunlich, wenn man weiss, dass Ratzinger zuvor die Glaubenskongregation geleitet hatte, jene Institution, die die urkonservativen Werte der Kirche bewahren soll. Hier wird beispielsweise die Notwendigkeit von Exorzismus im 21. Jahrhundert debattiert. Die grossen Emotionen von 2005 seien dann schnell abgeflacht, sagt Judith Hardegger. «Er lebte mehr in der Theologie des Mittelalters.» Aber: «Jedes Land wäre stolz, den Papst zu stellen.»

Auch ein Papst muss sich dem Vergleich mit seinem Vorgänger stellen. Johannes Paul II. habe nach aussen seine Aufgabe immer gerne gemacht, so Hardeggers Beobachtung. Bei Benedikt hingegen habe das Amt immer schicksalsschwer gewirkt. Aber rein kirchenpolitisch seien kaum Unterschiede auszumachen.

Grabenkriege und Wunschdenken

Benedikt schrieb während seiner Zeit im Amt mehrere Bücher, die zu Bestsellern wurden. In seinen Publikationen habe er den Wissenschaftler ausleben können, so Hardegger weiter. Allerdings habe er Jesu in seinen Analysen nicht historisch und damit wissenschaftlich betrachtet, sondern mystisch. «Er ist ein sehr intelligenter Mann», so die Theologin. «Aber wie konnte er ausgerechnet die erzkonservative Piusbruderschaft wieder ins Boot der katholischen Kirche zurückholen?» Ein gewisser Realitätsverlust sei bei Ratzingers Biografie zwangsläufig: Er sei schon sehr früh in den Vatikan gekommen. «Ein Elfenbeinturm», so Hardegger, abgehoben, abgeschlossen, elitär.

Die Theologin glaubt nicht, dass ein Nachfolger schnell gefunden wird. Mit der geforderten Zweidrittelmehrheit werde der Prozess lange dauern, länger als bei der Wahl Ratzingers. Es sei mit Grabenkämpfen zu rechnen, zwischen den Konservativen und den Liberalen unter den Kardinälen. Wenn sie sich einen wünschen könnte, dann gerne einen «Globetrotter mit Bodenhaftung und Kontakt zur Basis». Auch wenn diese Eigenschaften dann im Elfenbeinturm Vatikan verloren gingen. «Vielleicht schafft es ja ein Afrikaner, aber das ist vermutlich Wunschdenken.»