Private Hacker attackieren das Kalifat

Osama bin Laden verschickte noch Videokassetten an TV-Redaktionen. Heute sind die Dschihadisten virtuoser. Sie rekrutieren und organisieren Anschläge im Internet und spielen Katz und Maus mit staatlichen Nachrichtendiensten. Letztere erhalten nun Unterstützung von einer privaten Organisation.

Koranverse auf einem iPhone.

Bildlegende: Dschihadismus im Cyberspace: Im Vergleich zum Terrornetzwerk IS war al Kaida dilettantisch unterwegs. Keystone

Es gibt Einfacheres, als mit der Ghost Security Group in einen Dialog zu treten. Das private Antiterrornetzwerk besitzt zwar eine professionell gemachte Webseite und stellt sich in einem Video vor. Doch eine physische Adresse gibt es nicht, keine Telefonnummer, keinerlei echte Namen von Aktivisten. Einer heisst IntelGhost, ein anderer DeepSix, ein dritter WildWeasel. Immerhin: Es gibt eine E-Mail-Adresse.

Dort wird die Bitte um ein Interview beantwortet. Anonym, aber freundlich. Der Chef, ein Mann namens Digita Shadow, sei bereit, Fragen zu beantworten. Digita Shadow muss dann kurzfristig wegfliegen – woher und wohin auch immer. Dafür steht Raijin Raising, auch dies ein Pseudonym, zur Verfügung. Am liebsten per E-Mail, ausnahmsweise auch mit Stimme. Diese wurde zuvor aber stark verfremdet.

Fokus von Nordkrea auf den IS verlegt

Man müsse sich schützen, denn die Gegner, die dschihadistischen Terroristen, schliefen schliesslich nicht. Todesdrohungen sind an der Tagesordnung. Raijin Raising ist von Haus aus Multimedia-Spezialist und Webdesigner. Er hat einen Beruf, welchen sagt er nicht, und betreibt den Antiterrorkampf als Steckenpferd – oder besser als Mission.

Als die Terrormiliz IS den ersten Journalisten köpfte, sei das für ihn der Schlüsselmoment gewesen. Früher hatte er hauptsächlich nordkoreanische Webseiten und Internetkonten verfolgt. Vor knapp zwei Jahren schwenkte er um. Langweilig werde es nie, sagt er. Die Dschihadisten seien online unglaublich aktiv – vor der Nase der Weltöffentlichkeit. Teils im offenen Internet, aber auch im sogenannten Darknet, dem riesigen, aber nur mit Codes zugänglichen Teil des World Wide Web.

Von Hackergruppe Anonymous losgesagt

Raijin Raising beobachtet zurzeit vor allem die Aktivitäten der Armee des Terror-Kalifats. Oder er lanciert gefälschte IS-Webseiten. Wirklich aktiv wurde die Ghost Security Group nach dem Attentat auf das Magazin «Charlie Hébdo» in Paris.

Sie spaltete sich vom internationalen Hackerkollektiv Anonymous ab, um mehr Wirkung zu erzielen. Es sei zwar in Ordnung, Terrorwebseiten zu zerstören und Facebook- oder Twitterkonten lahmzulegen, sagt Raijin Raising. Gelegentlich tun das die Ghost-Security-Aktivisten weiterhin. Doch weit mehr nütze es, minutiös zu lesen und zu hören, was der IS in der Cyberwelt tue. Und diese Informationen an Polizeibehörden und Geheimdienste weiterzuleiten, die dann handeln könnten.

Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen

Anders als die anarchischen und staatsfeindlichen Anonymous-Leute kooperiert die Ghost Security Group mit Staaten; vor allem mit den USA. Nicht direkt, sondern zum Beispiel über Michael Smith, dem Chef der Antiterror-Beratungsfirma Kronos Advisory. Dieser hat ein Gesicht und gibt Interviews. Und er leitet Informationen weiter.

Offiziell äussern sich die meisten Geheimdienstvertreter nicht zur Tätigkeit der Ghosts. Inoffiziell tun sie es. Und dies durchaus positiv. Der amerikanische Ex-General und CIA-Chef David Petraeus lässt sich mit der Einschätzung zitieren, die Daten seien wertvoll für jene, die professionell den Antiterrorkampf führten.

Die Internet-Aktivisten wollen massgeblich dazu beigetragen haben, im Sommer 2015 einen zweiten Terroranschlag in Tunesien zu vereiteln, einen weiteren in New York und einen in Kansas City. Auch bei der Festnahme eines IS-Terroristen, der einen saudischen Soldaten getötet hat, wollen sie mitgeholfen haben.

Freiwillige Helfer verschiedener Herkunft

Wie gross der Beitrag der Ghost Security Group tatsächlich war, lässt sich nicht verifizieren. Ebenso wenig ist bekannt, wie viele Leute das Netzwerk zählt. Raijin Raising sagt nur soviel: Es seien Leute mit unterschiedlichen Fähigkeiten, darunter Ex-Hacker, Programmierer, Propagandaspezialisten, Risikoanalysten, IT-Spezialisten, Journalisten und Militärs. Unterstützt würden sie von Tausenden von Helfern rund um die Welt.

Die Bedrohungsanalyse der Antiterrorkämpfer am Computerbildschirm dürfte präzis sein. Die Schlussfrage drängt sich daher auf: Steht die Schweiz im Fokus von Terroristen? Raijin Raising winkt ab. Zwar sei ganz Europa eine Hauptzielscheibe des IS. Spezielle Hinweise, die auf Attentate in der Schweiz hindeuteten, gebe es aber nicht. Zumindest momentan nicht.