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Autokraten im Aufwind «Putin muss keine Rücksicht auf die Meinung zu Hause nehmen»

Der russische Präsident hat ein gutes Jahr hinter sich. Er konnte sich militärisch und strategisch gut positionieren.

Legende: Audio Russland kann auf ein gutes Jahr zurückblicken abspielen. Laufzeit 08:04 Minuten.
08:04 min, aus SRF 4 News aktuell vom 22.12.2016.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Jahr 2016 verlief für Russland sehr erfolgreich. Aus der Sicht vieler Russen hat Präsident Wladimir Putin das Land wieder gross gemacht.
  • Militärisch beweist Russland seine Präsenz in Syrien. Jüngstes Beispiel ist Aleppo. Die syrische Regierung konnte die Stadt nach rund einem Jahr Belagerung mit Hilfe der russischen Armee den Gegnern von Präsident Assad entreissen.
  • Weltpolitisch scheint sich der Wind für Russland gedreht zu haben: Die Wahl von Donald Trump in den USA und die Abstimmung zum Brexit hat man in Russland erfreut zu Kenntnis genommen.

SRF News: würden Sie das vergangene Jahr als Erfolg bezeichnen, was die Aussenpolitik von Wladimir Putin betrifft?

David Nauer: Zweifellos. Die Zeitschrift «Forbes» hat Putin kürzlich zum mächtigsten Mann der Welt gekürt. Moskau hat in diesem Jahr mehrfach den Takt in der Weltpolitik vorgegeben. Im US-Wahlkampf spielte Russland eine Rolle und in Syrien ist Russland wohl die entscheidende Kriegspartei.

Was sind Putins Interessen in Syrien?

Zusammengefasst geht es in Syrien weniger um Syrien, als vielmehr um die geopolitische Machtposition Russlands. Darum dieses grosse Engagement des Kremls. In den letzten Jahren sind in der arabischen Welt, aber auch in Osteuropa, immer wieder autoritäre Herrscher gestürzt worden.

Russland sah hinter diesen Revolutionen immer wieder die lange Hand Washingtons, also den Versuch des Westens, unliebsame Regierungen zu stürzen, um befreundete Politiker an die Macht zu bringen.

Selbst der Krieg in Syrien wird so gedeutet. Es wird behauptet, die Amerikaner hätten die syrische Opposition aufgestachelt, um Assad zu stürzen und einen prowestlichen Präsidenten in Syrien an die Macht zu bringen. Nur deswegen sei es zum Krieg gekommen, und dem müsse man einen Riegel schieben.

Militärisch und wirtschaftlich ist Russland nicht so stark, im Vergleich zu dem, was Putin aussenpolitisch bewirkt. Was ist sein Erfolgsgeheimnis?

Tatsächlich ist Russland wirtschaftlich nur eine Mittelmacht. Sein Bruttoinlandprodukt ist kleiner als das von Australien. Auch militärisch kann Russland nie mit den westlichen Armeen mithalten. Aber der Kreml kompensiert seine Schwäche sehr geschickt und auch mit einer hohen Risikobereitschaft.

Kein einziges Land ist bereit gewesen, Soldaten nach Syrien zu schicken. Nur Russland hat es getan. Putin hat im Vergleich zu westlichen Staatschefs einen riesigen Vorteil, weil er keine Rücksicht auf die öffentliche Meinung zu Hause nehmen muss. Es gibt so gut wie keine Opposition in Russland. Putin hat eine riesige Handlungsfreiheit in der Aussenpolitik und das macht ihn stark.

Der Wirtschaft in Russland geht es ziemlich schlecht, unter anderem wegen der Sanktionen der EU. Trotzdem ist Putin im Land selbst sehr beliebt. Wie schafft er das?

Das hat sicher mit der Propaganda zu tun. Am russischen Staatsfernsehen werden die aussenpolitischen Erfolge massiv übertrieben und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten untertrieben. Die Propaganda fällt bei den Russen auf fruchtbaren Boden, denn in Russland gibt es eine ganz andere politische Kultur als bei uns.

Vereinfacht gesagt sind viele Russen bereit, den Gürtel enger zu schnallen, wenn es dem Land dient.

Dieser Gedanke, dass man Teil eines Imperiums ist und dass dieses Imperium eben Opfer fordert, ist weit verbreitet. Putin ist für viele in Russland derjenige, der Russland wieder gross gemacht hat.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

David Nauer

David Nauer

David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Halbeisen (ch)
    Ja der gute Putin. Es gibt in Russland sicher in den Souvenir-Läden eine Putin-Matrjoschka zu kaufen. Das ist eine hohle Holzpuppe in 10 Grössen, die man ineinander stecken kann. Damit will ich nicht sagen dass Putin hohl ist, aber er wird halt sehr verehrt. Vielleicht findet man nächstens heraus, dass Putin ein entfernter Verwandter des letzten Zaren Nikolaus II. Da wäre die Freude gross in Russland.
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    1. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      ich habe mir auch so ein Puppe an einem Kiosk in Moskau gekauft. Die kleinste ist Lenin, die grösste Putin
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  • Kommentar von paul waber (sandokan)
    Das russische Volk ist stolz auf ihre Nation und trägt die Entscheidungen Putins, auch wenn es wirtschaftlich besser gehen könnte. Der Westen verabschiedet sich von den Nationalstaaten mit dem Resultat grosser Verunsicherung und Orientierungslosigkeit...
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  • Kommentar von Bojan Antonović (Bojan Antonović)
    Im Gegenteil: Das erste, was Westler von ihren russischen Freunden hören, ist, dass man Politikern nicht trauen soll. Putin stellt sich jedoch stundenlang im TV den Anrufern, auch zu unangenehmen Themen. Wann hat man Merkel so gesehen? Ein CH-Bundesrat tritt bei "Arena" auf, ist aber nicht das Gleiche. Die Schweizer verzichten auf 6 Wochen Ferien, damit es der Wirtschaft gut geht, obwohl Entlassungen nach 20 oder 30 Jahren massivst zunehmen.
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