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Russischer Besuch zum Jubiläum Warum Putin so gern in Wien ist

Putin kommt zum sechsten Mal nach Wien. Dass er so gerne nach Österreich reist, hat klare Gründe.

Legende: Video Putin in Wien abspielen. Laufzeit 1:56 Minuten.
Aus Tagesschau vom 04.06.2018.

Bereits in den 80er Jahren reiste Wladimir Putin nach Österreich in die Winterferien. Damals war er noch als KGB-Agent in der DDR stationiert. Die österreichische Gastfreundschaft wirkt offensichtlich bis heute. Die guten Beziehungen zwischen Russland und Österreich sind aber viel älter. «Österreich ist einer der ersten Verbündeten Russlands vor 500 Jahren gewesen», sagt Professor Wolfgang Mueller, Historiker an der Uni Wien.

Putins Arbeitsbesuch

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Putins Arbeitsbesuch in Wien gilt dem 50-Jahre-Jubiläum des Gasliefervertrags von 1968. Nach dem Handshake in der Präsidentschaftskanzlei folgt ein Pressegespräch zwischen Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Präsident Putin in der Hofburg. Danach wird im Bundeskanzleramt von Bundeskanzler Kurz und Putin ein Memorandum unterzeichnet. Nach einer kurzen Visite des österreichischen Bundesheers nimmt Putin am österreichisch-russischen Geschäftsrat teil und besucht schliesslich noch das Kunsthistorische Museum.

Das scheint heute anlässlich des Besuchs zum 50-Jahr-Jubiläum des Gasliefervertrags wieder ähnlich zu sein.

Putins Rechtsdrall gefällt

Die neue Regierung von Sebastian Kurz hat eine wahre Charme-Offensive Richtung Moskau gestartet. Nach dem Mordversuch gegen den russischen Spion Sergej Skripal und seine Tochter wiesen zahlreiche europäische Staaten russische Diplomaten aus.

Wladimir Putin an einem Kopfhörer.
Legende: Es dürfte Putin gefallen, was er von Österreichs Konservativen zu hören bekommt. Reuters/archiv

Nicht so Österreich. «Wir haben uns in Österreich in Abstimmung mit der Bundesregierung entschieden, das nicht zu tun», erklärte Bundeskanzler Sebastian Kurz. «Österreich ist ein neutrales Land und sieht sich als Brückenbauer zwischen Ost und West», hiess es in der gemeinsamen Erklärung des konservativen Regierungschefs und seiner Aussenministerin Karin Kneissl von der rechtspopulistischen FPÖ.

Der wohl grösste Russlandfreund in der Regierung ist Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Seine Zuneigung zu Russland ist vergleichsweise jung. Noch 1992 hatte er die Entfernung des Heldendenkmals der roten Armee am Wiener Schwarzenbergplatz gefordert, denn dieses sei «ein Triumphmal eines imperialistischen Eroberers».

Seit Wladimir Putin aber Rechtsparteien in ganz Europa unterstützt, hat er auch Straches FPÖ auf seiner Seite. Und Strache macht sich seither immer wieder für die Abschaffung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland stark und bezeichnete sie als «Schuss in beide Knie der europäischen Wirtschaft». Damit steht er keineswegs alleine.

...und die Sanktionen missfallen

Auch in der Wirtschaft drängen viele auf eine Abschaffung der Sanktionen, die nach der russischen Annexion der Krimhalbinsel ausgesprochen wurden. Allen voran Rainer Seele der Chef des Energiekonzerns OMV, der umsatzstärksten österreichischen Firma. Diese hat seit 1968 mehr als 200 Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas nach Österreich transportiert und dort vermarktet.

Rainer Seele, der auch Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer ist, sagte zur Tagesschau: «Über 80 Prozent der deutschen Wirtschaft lehnen die Sanktionen gegen Russland ab. Europa hat einen sehr hohen wirtschaftlichen Preis dafür zu zahlen. Und man muss sich nach einer gewissen Zeit hinterfragen, ob solche Sanktionen langfristig zielführend sind.»

Nicht immer dicke Freunde

Über solche Empathie könnte fast vergessen gehen, dass die beiden Länder keineswegs immer eine friedliche Beziehung führten.

In den beiden Weltkriegen bekämpften sich die beiden mit Hunderttausenden von Opfern. Die Rote Armee befreite 1945 Wien von den Nazis und Aussenminister Wjatscheslaw Molotow unterzeichnete 1955 im Schloss Belvedere den österreichischen Staatsvertrag, der die Republik Österreich in ihrer heutigen Form definierte.

In der Folge fanden immer wieder politische Gipfeltreffen in Wien statt, etwa 1961 mit Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy oder 1979 mit Leonid Breschnew und Jimmy Carter.

In dieser Zeit des Kalten Krieges mischte sich die Sowjetunion oft und ungeniert in die österreichische Politik ein. Österreich kuschte meist. Oder wie es der Russlandexperte Wolfgang Müller formuliert: «Die österreichische Aussenpolitik zeichnet sich dadurch aus, dass man versucht, möglichst wenig Schwierigkeiten mit Russland zu bekommen. Und wenn irgendwo mal Kritik angebracht wird, dann tunlichst äusserst dezent.»

Auch in Zeiten schwerer Verstimmung zwischen Russland und der Europäischen Union hat Wladimir Putin in Österreich also einen treuen Verbündeten in der EU.

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41 Kommentare

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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Eine Wiederbelebung eines offenen, kritischen und konstruktiven Dialogs zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn wäre dringend notwendig. Ein Lob an Österreich. Seit dem Beginn des Ukraine-Konflikts befinden sich die Beziehungen zwischen RU und den europäischen Nachbarn in einer tiefen Krise. Versöhnung ist Arbeit. Russland und EU waren auf dem Weg schon ziemlich weit – und sind jetzt gerade dabei, das alles wieder aufs Spiel zu setzen. Sanktionen aufheben. Europa braucht Russland.
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Die gleichen Leute die bei unserer Regierung jeweils ein "Kuschen" oder einen "Kniefall" hart kritisieren, geraten wenn es die Oesterreichische Regierung betrifft in Lobhudeleien.
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    2014 feiern die Schweiz und Russland 200 Jahre diplomatische Beziehungen. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und Russland sind eng. Zahlreiche grosse Schweizer Unternehmen sind in Russland präsent. Die EU zeigt sich sehrabweisend zu Russland. Mehr diplomatische Schritte seitens CH mit Österreich von wären von grosser Wichtigkeit. Je mehr Probleme die EU habe, desto mehr Probleme gibt es für Russland.Putin hat sich gegen Vorwürfe gewehrt, sein Land strebe eine Spaltung der EU an.
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    1. Antwort von Konrad Schläpfer (Koni)
      Da hat wohl jemand etwas falsch verstanden, Nicht Putin will die EU spalten sondern die USA will keine friedliche Zusammenarbeit der EU und Russland zulassen. Sie fürchten einen Machtverlust über die EU.
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    2. Antwort von M. Kaiser (Klarsicht)
      Viele in der CH und in der EU glauben immer noch , das gelobte Land liege im Westen, sehen aber vor Verblendung nicht , dass das Riesenreich Russland uns mehr Sicherheit und Wohlstand für die Zukunft bieten kann. Russland ist schon lange kein klassisches Kommunistenland mehr wie zu Stalins Zeiten. Die Russen zusammen mit dem restlichen Europa ist eine Weltmacht die selbst die Chinesen in ihre Grenzen verweisen kann. Die USA soll in ihrem Land endlich Ordnung schaffen, dann reden wir weiter.
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    3. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Hr. Kaiser, Russland bietet uns weder Sicherheit noch Wohlstand. So viel wäre mal klar, wenn man die Augen offen hält. Daneben ist mir persönlich niemand bekannt der glaubt "das gelobte Land" liege im Westen.
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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Österreich als kleiner Staat hat seit Jahrhunderten gelernt, diplomatisch und konstruktiv mit verschiedenen Nachbarn und Mächten umzugehen. In der Zeit des kalten Krieges war die Beziehung mit Ungarn ein wichtiges Bindeglied zur UdSSR. Viele Ungarn waren flexibel im Umgang mit dem Kommunismus und hatten Beziehungen zum Westen. Davon profitierte auch Österreich. Man beschuldigt RU schlimmen Vorgängen, die man (federführend die USA) laufend selber begeht. Heuchelei der sogenannten Guten.
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Hr. Szabo, Sie können keinen vergleichbaren Fall aufzählen, wo die USA als Aggressor bei einem Nachbarn in Friedenszeiten eingefallen wären und Land dauernd besetzen und letztlich sogar annektieren.
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