Saudi-Arabien will weg vom Öl – aber nicht zu schnell

Saudi-Arabien pumpt Milliarden in seine Infrastruktur. Das ist auch nötig. Denn der öffentliche Verkehr ist quasi inexistent. Damit will Riad sich für die Zeit nach dem Öl rüsten – und eine zunehmend unzufriedene Jugend in Zaum halten.

Autos in der saudischen Hauptstadt Riad.

Bildlegende: Lebenselixier: Die Mobilität in Saudi-Arabien hängt vom Auto ab – und vom Öl. Reuters

Eine Blechlawine rollt über die glatten Strassen der saudischen Hauptstadt. Unzählige Autos schlängeln sich durch den dichten Verkehr Riads. Die Metropole scheint an Fahrzeugen zu ersticken. Sechs- oder gar achtspurige Strassen teilen Riad wie ein Schachbrett in Felder. Eine Stadt mit 4,7 Millionen Einwohnern, entworfen auf dem Reissbrett. Und doch überwältigt vom Blech auf dem Asphalt.

Saudi-Arabien zählt mehr als 221‘000 Kilometer an Strassen und nur gut 1300 Kilometer an Bahnstrecken. Es gibt keine Alternative zum Individualverkehr – ausser dem Flugzeug. Ohne Auto von A nach B kommen? Fast unmöglich.

Milliarden in die Infrastruktur

Das will das Königreich nun ändern – schnell und mit der grossen finanziellen Kelle. Die Hauptstadt bekommt ein Metro-System für 22,5 Milliarden Dollar. Insgesamt soll das Schienennetz 176 Kilometer lang werden und sechs Linien umfassen. Anfang 2014 soll es mit den Bauarbeiten losgehen. Es handelt sich nach saudischen Angaben um das weltweit grösste Infrastrukturprojekt dieser Art.

Auch in die Pilgerstadt Mekka pumpt die Regierung von König Abdullah Geld. Der öffentliche Nahverkehr soll für 16,5 Milliarden Dollar ausgebaut werden. Zudem sind weitere Bahnstrecken geplant, darunter eine 2750 Kilometer lange Verbindung von Riad in die Nähe der jordanischen Grenze.

Die Arabische Halbinsel.

Bildlegende: Die Arabische Halbinsel. Google Maps

Für Mobilität, gegen Unruhen

Warum die Mega-Investitionen? Zum einen will die Regierung natürlich die Mobilität der mehr als 27 Millionen Saudis erhöhen und damit ihre Lebensbedingungen verbessern. Doch das ist nicht der einzige Grund. Fredy Gsteiger, SRF-Auslandredaktor, sagt: «Man will zeigen, dass Saudi-Arabien der wirtschaftliche Protz auf der Halbinsel ist.» Denn man sehe es ungern, dass die kleineren Nachbarn wie Katar oder die Vereinigten Arabischen Emirate kühnere Projekte lanciert haben. «Da ist viel Neid im Spiel.»

Zudem will die Regierung Unruhen vorbeugen. «Die relative Ruhe ist trügerisch. Die grösste Bedrohung sind nicht die liberalen Intellektuellen oder die schiitische Minderheit, sondern die nachrückende Jugend», sagt Gsteiger.

Die Arbeitslosigkeit hat die 10-Prozent-Marke geknackt. Und sie steigt weiter. Die Bevölkerung wächst allein in diesem Jahr um geschätzte 1,5 Prozent. Immer mehr junge Menschen strömen auf den Arbeitsmarkt. «Dort kann man sie nicht einfach in Ministerien unterbringen, wo sie Geld verdienen aber nicht wirklich etwas Sinnvolles tun», sagt Gsteiger und fügt an: «Es müssen echte Arbeitsplätze in Saudi-Arabien geschaffen werden.»

Es steht und fällt mit dem Öl

Die Wirtschaft ist eindimensional, Öl macht rund 90 Prozent der Exporteinnahmen aus und fast die Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung. Saudi-Arabien muss sich rüsten für die Zeit nach dem schwarzen Gold. «Die Wirtschaft muss diversifiziert werden», sagt Gsteiger.

Das versucht die Regierung jetzt. Doch sie scheint sich nicht zu schnell vom Öl lösen zu wollen. Der staatliche Ölkonzern Saudi Aramco hat kürzlich Gas- und Dampfturbinen, Generatoren und weitere Technik für fast eine Milliarde Dollar bestellt. Die Anlagen sollen Erdöl-Raffinerien mit Strom versorgen.