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International Sergej Kowaljow – der Dissident, der nicht verstummt

Er wird nicht müde, immer wieder seine Stimme gegen den Kreml zu erheben. Und dies, obwohl er dafür schon einmal ins Straflager musste: Der 85-jährige Sergej Kowaljow gilt in Russland als eine der wichtigsten Figuren im Kampf für die Menschenrechte.

Kowaljow im karierten Hemd in seiner Wohnung, ein SRF-Mikrofon vor ihm.
Legende: Das Verhältnis zwischen Menschenrechtlern und Politikern sei eben kompliziert, sagt Sergej Kowaljow. Peter Gysling

Am Moskauer Stadtrand, in seiner bescheidenen Wohnung, sitzt Sergej Kowaljow fast ein wenig schüchtern hinter seinem Pult. Doch die Papierstapel, Briefe, Manuskripte und Bücher, die sich links und rechts vor ihm auftürmen, machen deutlich: Dem ehemaligen Dissident geht die Arbeit trotz seines hohen Alters nicht aus.

Frustriert wirkt der 85-Jährige nicht, wenn man ihn über den Kampf zu Zeiten des Sowjetregimes befragt. Oder über sein idealistisch geprägtes Engagement, das ihn damals ins Straflager gebracht hatte, zusammen mit Mitstreitern wie Andrej Sacharow. «Ich und meine Kollegen haben vergeblich darauf gehofft, dass sich die Denk- und Handlungsweise der damaligen Machthaber ändern könnten», sagt er. «Natürlich – wir hatten alle gedacht, dass unsere Bemühungen irgendwann mal Früchte tragen.»

Enttäuschte Hoffnungen

Nach dem Zerfall der Sowjetunion war Kowaljow zuversichtlich. Er liess sich als Abgeordneter der liberalen Jabloko-Partei ins russische Parlament wählen, wirkte später im Kabinett von Präsident Boris Jelzin als Vorsitzender des Menschenrechts-Komitees. Unter Jelzin, so glaubte Kowaljow anfänglich noch, werde sich vieles zum Guten wenden. Mit dem ersten Tschetschenien-Krieg aber wandte sich Kowaljow dann enttäuscht vom ersten russischen Präsidenten ab.

Und jetzt, seit 2012, seit der dritten Wahl Vladimir Putins ins Präsidentenamt, kritisiert Kowaljow immer wieder das wachsende Demokratie-Defizit und das – aus seiner Sicht – aggressive Vorgehen des russischen Regimes. Mit seinem Eingreifen in der Ukraine gehe es dem Kreml doch einzig darum, das Nachbarland davon abzuhalten, sich Richtung Europa zu orientieren, sagt er.

Doch während Kowaljow bei der russischen Intelligenzia auf grössten Respekt stösst, wird seine Stimme im Kreml überhört. Das Verhältnis zwischen russischen Menschenrechtlern einerseits und den Politikern im Kreml andrerseits sei eben, so Kowaljow, aus ganz grundsätzlichen Gründen nicht einfach. Weil Politiker ganz anders als sie – die Idealisten – funktionierten. So sei es ihm schon anfangs der 90er-Jahre misslungen, Jelzins Tschetschenien-Politik in friedfertigem Sinne zu beeinflussen.

Andere Weltanschauung als die Politiker

Er habe seine Stimme wohl zu leise und auf zu unverständliche Art erhoben. «Das war mein grösster Fehler», meint er rückblickend. «Denn all diese Partei-Politiker wie Jelzin konnten unsere Anliegen in ihrer Tiefe nicht nachvollziehen.» Jelzin habe zwar auch den Wunsch gehabt, Gutes zu bewirken. «Wir waren aber verschieden geprägt worden: Jelzins Weltanschauung war jene des ersten Sekretärs des Gebietskomitees von Sverdlowsk. Meine war jene eines politischen Gefangenen.»

Man stelle sich vor, die Bundesrepublik Deutschland würde heute von einem Bundeskanzler regiert, der einst Oberstleutnant der DDR-Staatssicherheit war.

Menschenrechtler, so Kowaljow, orientierten sich strikte an Idealen, Prinzipien. Für Politiker stehe mehr der eigene Machterhalt, das politisch Machbare im Vordergrund. Politiker seien – auch wenn sie dabei gegen wichtigste Grundsätze verstössen – zu unvertretbaren Schritten bereit.

Als Beispiel führt er an, wie Jelzin damals seine Nachfolge geregelt hat. Jelzin habe mit Putin einen Geheimdienst-Oberstleutnant zu seinem Nachfolger auserkoren. Kowaljow schüttelt angewidert den Kopf.

Man solle sich doch mal vorstellen, die Bundesrepublik Deutschland würde heute von einem Bundeskanzler regiert, der einst Oberstleutnant der DDR-Staatssicherheit gewesen sei. Das schrieb Kowaljow vor ein paar Wochen in einem Aufruf, den er selbst als «Offenen Brief an den Westen» bezeichnet.

Putin ist in einer Sackgasse. Er ist gezwungen, seine bisherige Politik fortzusetzen.

Mit seiner jüngsten Politik habe Putin nicht nur sein Land in eine immer schwierigere Situation manövriert. Er habe auch sich selbst immer mehr in die Enge getrieben. Mit den Demokratie-Einschränkungen, der Georgienpolitik, der Krim-Annexion und dem Vorgehen in der Ost-Ukraine. «Putin ist in einer Sackgasse, er hat gar keine Wahl. Er ist gezwungen, seine bisherige Politik fortzusetzen: Mit immer neuen idiotischen Gesetzen und dem Erzeugen immer neuer Spannungen.»

Oder er müsste abtreten, sagt Kowaljow: «Aber das will er um keinen Preis!» Den Argumenten sogenannter Putin-Versteher, wonach der Westen in den letzten Jahren der Empfindlichkeit Putins zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe, kann Kowaljow nichts abgewinnen.

Im Gegenteil: Nach der Krim-Annexion und dem Aufflammen des Kriegsgeschehens in der Ost-Ukraine, so Kowaljow, hätte der Westen sehr viel rigider, sehr viel härter agieren und reagieren sollen.

Der Westen schimpft und fragt sich, was man denn überhaupt noch tun könnte.

«Man hätte auf Putin sehr viel früher und anders reagieren sollen», ist er überzeugt. Maximalen Gegendruck hätte es gebraucht. «Man hätte nicht von einem Neubeginn der Beziehungen faseln sollen. Jetzt gibt sich der Westen ohnmächtig, macht mit Sanktiönchen ein bisschen Druck, schimpft mit Worten und fragt sich, was man denn überhaupt noch tun könnte.»

Kowaljow, der renommierte Menschenrechtler, spart wie alle aus seiner Riege nicht mit äusserst dezidierter Kritik. So kennt man ihn hier in Russland, so wird er – auch dank seiner vielen Verdienste – auch breit akzeptiert. Er selbst sieht sich heute immer mehr auch als politischer Philosoph. Und er ist der Ansicht, dass die Welt letztlich weniger von der Machtpolitik geprägt sein sollte als von grundsätzlichen Ideen: von der Gewaltenteilung, Fairness, Menschenrechten, einer möglichst breit wirksamen Demokratie und zivilgesellschaftlicher Mitbestimmung.

27 Kommentare

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  • Kommentar von Björn Christen, Bern
    Sergej Kowaljow ist ein weiser Mann, der für seine Ideale in den Gulag ging, in der Hoffnung, dass sich in Russland eines Tages etwas zum Besseren ändern möge. Leider sind seine Hoffnungen enttäuscht worden. In Russland hat und wird sich nicht ändern, weil die Russen sehr obrigkeitshörige, vorallem durch ihren extremen Nationalismus sehr leicht manipulierbare Menschen sind. Das sieht man auch am blinden Support für Putin seitens 80% der Bevölkerung. Russland ist unheilbar krank!
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    1. Antwort von Alex Bergman, Brunnen
      Ich bin Russe und ganz gesund, Gott sei dank! Genau so wie die andere 80%. Und dort ist alles im Ordnung. Ich habe Anarchie überlebt und ich weiss, was bedeutet Chaos. Wegen extreme Nationalismus - sie mischen RF mit UA.
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    2. Antwort von Felix Buchmann, Bättwil
      Ich würde nicht so weit gehen, Russland als "unheilbar krank" zu bezeichnen. Auch Deutschland hat seinerzeit sehr lange gebraucht, bis es geistig in Europa angekommen ist. Hoffen wir, dass der russische Weg nicht ganz so schlimm verläuft. Wenn man sich mit dem Gedankengut extremer Ideologen wie Alexander Dugin befasst, welche grossen Einfluss auf die gegenwärtige Führung haben, kann man sich schon Sorgen machen....
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  • Kommentar von Thomas P. Treichler, Honolulu
    P.Fetz: Was Sie schreiben trifft haargenau auf Russland zu: Banken stehlen die Depositen der Kunden, das Regime represst, bespitzelt und erpresst das Volk, breite Unzufriedenheit, enorme Altersarmut, Hunger, das Fehlen jeglicher Rechtsstaatlichkeit, die Wirtschaft ist kontrolliert von korrupten Banden, die Justiz korrupt und politisiert, etc, etc.
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  • Kommentar von Felix Buchmann, Bättwil
    «Putin ist in einer Sackgasse, er hat gar keine Wahl. Er ist gezwungen, seine bisherige Politik fortzusetzen: Mit immer neuen idiotischen Gesetzen und dem Erzeugen immer neuer Spannungen.» – Weise Worte eines leidgeprüften Menschen, die man nicht reflexartig beiseite wischen sollte! Wer z.B. Minderheiten per Gesetz stigmatisiert, NGO's zu "Spionen" erklärt und auf dem "nationalistischen Tiger" (Zitat Joschka Fischer) reitet, macht ziemlich viel falsch....
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    1. Antwort von m.mitulla, wil
      Ja, klar, F.Buchmann. Es ist IMMER dasselbe ein Bösewicht namens Putin - und die anderen sind "die Guten", die selbstverständlich NIEMALS einen Krieg anzetteln würden (Bsp. Clinton und Joschka Fischer im Krieg gegen Jugoslawien mit zehntausenden Toten.. Es sollte ein Exodus aus dem Kosovo verhindert und die Rückkehr der Flüchtlinge ermöglicht werden - ein scheinheiliges, verlogenes Argument). Ich könnte noch viele andere aufzählen. NB: Otpor gehört auch zu den NGOs. Ihnen einen frohen Sonntag!
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    2. Antwort von Felix Buchmann, Bättwil
      Nicht immer ablenken, m.mitulla :-) Hier ist die Rede von Sergej Kowaljows Kritik an den Zuständen in Putins Russland.... Ihnen auch einen schönen Sonntag!
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    3. Antwort von Felix Buchmann, Bättwil
      P.S. Otpor: Ich kann beim besten Willen nichts Schlimmes darin erkennen, wenn eine Organisation demokratisch gesinnte Oppositionelle in autoritären Staaten berät, und z.B. Leute dafür schult, Demonstrationen auch dann friedlich zu halten, wenn es zu Provokationen durch das Regime kommt. Wir sind hier keine "Eunuchen", und es ist nicht anrüchig, jenen Menschen zu helfen, welche sich unter oft garstigen Bedingungen für westliche Werte stark machen!
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