«So erholt sich der Dorsch nicht mehr»

Der Dorsch in der Ostsee ist derart überfischt, dass nur ein zeitweiliges Fangverbot die Bestände retten kann. Zu diesem Schluss kommt der deutsche Meeresforscher Rainer Froese. Er kritisiert den EU-Entscheid für kleinere Fangquoten scharf und schlägt stattdessen Übergangshilfen für Fischer vor.

Dorsch.

Bildlegende: Der Dorsch ist vom Aussterben bedroht. Nur ein vorübergehendes Fangverbot könnte die Bestände retten. Keystone

Wie die Fischbestände schützen, ohne Fischern mit zu tiefen Fangquoten die Existenz zu entziehen? Dass dieses Dilemma nächstes Jahr noch grösser wird, zeigt der Beschluss der EU-Fischereiminister am Beispiel der Ostsee. Meeresforscher Rainer Froese vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel spricht Klartext.

SRF News: Geht es dem Dorsch dermassen schlecht, dass die Fangquoten im nächsten Jahr um 56 Prozent gesenkt werden müssen?

Rainer Froese: Dem Dorsch in der westlichen Ostsee geht es seit Jahren sehr schlecht. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Nachwuchs ganz ausbleibt, war aufgrund der kleinen Bestände auf über 50 Prozent beziffert worden. Das ist jetzt eingetreten: Im nächsten Jahr wird es keine jungen Dorsche geben, ein ganzer Jahrgang fällt aus.

Ist man also sehenden Auges ins Problem hineingelaufen?

Das kann man genau so sagen. In anderen Ländern wie beispielsweise den USA oder in Australien wäre die Fischerei unter diesen Umständen längst eingestellt worden, damit der Bestand sehr schnell aus dem gefährlichen Bereich herauskommt. In der EU dagegen hat man die die Quoten so hoch festgelegt, dass sie die Fischer gar nicht ausfischen konnten.

«  Man hat die erlaubten Mengen um bis zu 50 Prozent höher angesetzt, als die Fischer tatsächlich fangen könnten. »

Rainer Froese
Meeresforscher, Kiel

Haben die Fischer einfach eine starke Lobby?

Die Lobby der Fischer ist offensichtlich zu effektiv, was die kurzfristigen Ziele angeht: möglichst viel und möglichst jetzt fangen. Bei den mittelfristigen Zielen – der Erhaltung des Bestandes, von dem man langfristig leben will – ist die Lobby nicht gut. Doch die Politik hat Jahr für Jahr darauf gehört, mit dem Ergebnis, dass der Bestand jetzt vor dem Zusammenbruch steht.

Die EU-Länder haben eine Senkung der Quoten um 56 Prozent beschlossen. Reicht das aus meeresbiologischer Sicht, nachdem die EU-Kommission 88 Prozent forderte?

Selbst mit 88 Prozent Reduktion hätte der Bestand gemäss Untersuchungen bestenfalls erhalten, aber nicht wieder aufgebaut werden können. Der jetzige 56-Prozent-Entscheid übertrifft die wissenschaftlich genannte Obergrenze gar um das Dreifache. Der Bestand wird sich so nicht erholen, und die Gefahr eines Zusammenbruchs wird noch grösser.

«  Vielleicht bleibt der Nachwuchs nochmals aus und wir verlieren den Bestand. »

Rainer Froese
Meeresforscher, Kiel


Die Ostsee bald ohne Dorsch?

4:07 min, aus Rendez-vous vom 11.10.2016

Was wäre der richtige Weg gewesen?

Man hätte sich mit den Fischern, Anglern und allen Betroffenen zusammensetzen und beschliessen müssen, für zwei Jahre auf die Dorsch-Fischerei zu verzichten. In dieser Übergangszeit gewährte Kredite hätten bei rückkehrenden Gewinnen zurückgezahlt werden können. Bei vernünftiger Bewirtschaftung des Dorschs hätten Fischer bis zu viermal höhere Gewinne als heute. Warum das nicht gemacht wurde, ist mir schleierhaft.

Warum ist der Dorsch so beliebt?

Der Dorsch hat ein wunderbares Filet, weisses Fleisch und schmeckt sehr gut. Der Traditionsfisch kann in vielen Gerichten verarbeitet werden. Er hat sozusagen die Welt verändert, indem er als Trockenfisch die ersten Seereisen ermöglichte.

«  Dass man den Dorsch jetzt zusammenbrechen lässt, ist ein Armutszeugnis des Fischerei-Managements. »

Rainer Froese
Meeresforscher, Kiel

Hat der Konsument eine Alternative zum Dorsch?

Den Beständen in der westlichen und östlichen Ostsee geht es schlecht und jenen in der Nordsee erst recht schlecht. Noch einigermassen gut steht es um den Bestand in der Barentssee nördlich von Norwegen. Wenn man also unbedingt Dorsch essen will, müsste er aus diesem Gebiet kommen.

Das Gespräch führte Simon Leu.