«Solche Erdbeben kann es jederzeit wieder geben»

ETH-Seismologe Domenico Giardini kritisiert, dass in der Erdbebenregion Mittelitaliens immer erst nach einer Katastrophe besser gebaut werde. In der Region sei auf jeden Fall wieder mit Beben zu rechnen.

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«Beben sind in dieser Region immer wieder zu erwarten»

1:13 min, aus Tagesschau am Mittag vom 24.8.2016

Dass es in Italien immer wieder zu schweren Erdbeben kommt, hat geologische Gründe. Das Land liegt an einer tektonischen Bruchstelle, zwischen der eurasischen und der afrikanischen Platte. Diese Spannungen können sich schlagartig entladen – wie im aktuellen Fall.

Es seien immer wieder Beben zu erwarten, sagt Domenico Giardini, Professor für Seismologie an der ETH Zürich. Italien sollte deshalb seiner Meinung nach endlich vorsorgen und die Bauweise verbessern. «In diesen Gebieten wartet man immer erst, bis das Beben kommt», kritisiert der Experte. Bereits in L'Aquila und Assisi habe es viel zu viele Schäden gegeben. «Es dürfte wirklich nicht mehr passieren, dass wir ganze Dörfer verlieren.»

«Je näher das Beben an der Oberfläche, desto grösser die Schäden»

Das Epizentrum des verheerenden Bebens in Mittelitalien lag gerade mal zehn Kilometer unter der Erdoberfläche. Deshalb auch seine zerstörerische Kraft, erklärt Dominik Zbinden vom Schweizerischen Erdbebendienst. «Grundsätzlich kann
man sagen: Je näher das Beben an der Oberfläche ist, desto grösser sind die Schäden.» Denn bei einem Beben entstehe Energie in Form von sogenannten seismischen Wellen, die sich vom Zentrum wegbewegen würden. «Ist der Weg kürzer, dann gelangt umso mehr Energie an die Oberfläche.»

Stefan Wiemer, Direktor des Schweizerischen Erdbeben-Dienstes an der ETH Zürich, erklärt in «10vor10», warum die Erdbeben in Mittelitalien so massive Auswirkungen hatte. «Das Beben war nur wenige Kilometer tief und war so näher dran. Dann hatte das Beben eine hohe Magnitude [Stärke]. Und nicht zuletzt, konnte die Bausubstanz dort diesem Beben nicht standhalten. Diese meist historischen Gebäude waren für eine solche Erdbebenstärke nicht ausgelegt.»

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Stefan Wiemer, Erdbeben-Dienst ETH Zürich

4:25 min, aus 10vor10 vom 24.8.2016

Ein vergleichbares Erdbeben könne auch in der Schweiz stattfinden, wie es das in der Vergangenheit schon gegeben habe. «Die Schweiz teilt mit Italien diese Erdplattengrenze und damit das gleiche Erdbebenrisiko.»

«Es wird in der Zukunft nicht mehr so ruhig bleiben»

Die Schweiz sei ein Erdbebenland und seit 70 Jahren gab es kein Erdbeben mehr in der Schweiz, sagt Wiemer. «Bei der ETH zeichnen wir jedes Jahr 500 bis 700 kleinere Beben auf. Aber ein Beben dieser katastrophalen Grösse wie in Italien mit der Magnitute 6 kommt vielleicht alle 50, 100 oder 150 Jahre vor. In den letzten 30 bis 40 Jahren hatten wir eine relativ ruhige Periode aber es wird in der Zukunft nicht so bleiben.»

Naturgefahren seien vergleichbar mit Hochwasser, sind also das Risikopotenzial, das in der Schweiz am grössten sei. Man denke aber nicht so häufig an Erdbeben, weil sie seltener vorkommen. «Aber wenn sie dann kommen, können Erdbeben katastrophal sein. In der Schweiz sind wir halbwegs gut vorbereitet. Man hat viel gemacht in den letzten 20 Jahren. Die Baunormen sind verschärft worden aber es gibt noch eine Menge zu tun.»

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • «Erdbeben nahe der Erdoberfläche sind besonders zerstörerisch»

    Aus SRF 4 News aktuell vom 24.8.2016

    Auch die Experten des Schweizerischen Erdbebendienstes haben das Erdbeben in Mittelitalien beobachtet.

    Andrea Christen hat Dominik Zbinden, Seismologe beim Erdbebendienst gefragt, was er zur Stärke und zum Epizentrum wisse.

    Andrea Christen