Spanien erholt sich – wirtschaftlich

Die fetten Jahre für Spaniens Fussball sind vorbei. Dafür gehts mit der Wirtschaft erstmals seit dem Europameistertitel 2008 wieder aufwärts.

Spanischer Fan nach der Niederlage gegen Holland.

Bildlegende: Sommer 2014: Spanien scheidet an der WM frühzeitig aus, holt aber in Sachen BIP auf. Reuters

Seit 2008 befand sich Spaniens Fussballnationalmannschaft im Höhenflug. Ebenso lang liegt die Wirtschaft der viertgrössten Volkswirtschaft im Euroraum am Boden. Beides hat nun ein Ende: Nach dem 1:5 gegen Holland und dem 0:2 gegen Chile an der WM in Brasilien muss der amtierende Welt- und Europameister frühzeitig abreisen.

Dafür erholt sich das Krisenland zusehends. Im ersten Quartal 2014 legte Spaniens Bruttoinlandprodukt (BIP) um ein halbes Prozent im Vergleich zum Vorquartal zu – es ist das höchste Wachstum seit dem 1:0 gegen Deutschland im EM-Final 2008.

Ob Spaniens Trainer Vicente del Bosque nach dem frühen Aus seinen Vertrag bis 2016 erfüllen darf oder will, ist mehr als fraglich. Sicher ist, dass Spanien ab heute mit Felipe VI. einen neuen König hat.

Natürlich beeinflusst weder die eine noch die andere Personalie die wirtschaftliche Entwicklung. Gut möglich aber, dass es dereinst heissen wird: «Im Sommer 2014, als Spanien die Herrschaft im Fussball verlor und trotzdem wieder Hoffnung schöpfte.»

3,5 Millionen Arbeitslose

Zuerst aber ein Blick zurück. Als ums Jahr 2000 der Euro eingeführt wurde, sanken die Zinsen in Spanien massiv. Gemäss SRF-Wirtschaftsexperte Reto Lipp auf ein «zu tiefes Niveau». Die Folge: Staat, Unternehmen und Private verschuldeten sich stärker – eine an und für sich rationale Entwicklung.

Doch die steigenden Zinsen als Folge der Eurokrise im Jahr 2008 brachten das Land schliesslich an den Rand des Ruins. Banken mussten gerettet werden, Wohneigentum wurde gepfändet. Zu den grössten Verlieren gehörte die Jugend: Jeder zweite ist heute arbeitslos. Insgesamt stehen 3,5 Millionen Spanier ohne Job da (25 Prozent).

ES Magere Jahre Kaum Wachstum, immer mehr Arbeitslose in Spanien.

Doch seit einigen Monaten scheint es bergauf zu gehen. Im dritten Quartal 2013 wuchs Spaniens BIP zum ersten Mal wieder, wenn auch nur um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Grund für das Anziehen: Die Unternehmen investieren wieder mehr, die Leute fragen wieder mehr nach. 2014 rechnet Spaniens Zentralbank mit einem BIP-Wachstum von 1,2 Prozent, 2015 sollen es bereits 1,7 Prozent sein.

Ein im Mai von Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy angekündigtes Konjunkturprogramm soll das Wachstum weiter ankurbeln. Über 6 Milliarden Euro will man in Kredite an KMU, Energieeffizienz, Forschung, Transport und Produktion investieren. Das soll letzlich auch zur Bildung von neuen Arbeitsplätzen führen.

Um die enorme Staatsverschuldung zu bekämpfen – im ersten Quartal betrug sie fast 97 Prozent des BIP –, plant Spanien unter anderem eine Privatisierung seines Flughafenbetreibers Aena. Man will sich von 49 Prozent der Beteiligungen trennen. Die Massnahme soll rund 2,2 Milliarden Euro in die leeren Kassen spülen.

Rezession auf dem Papier vorbei

Trotz guter Noten von Experten, sinkender Zinsen und aufgegleister Reformen: Spaniens grösstes Problem bleibt die Arbeitslosigkeit. Viele gut ausgebildete junge Spanier besuchen heute einen Deutschkurs in Madrid oder Barcelona, um morgen nach Deutschland oder in die Schweiz zu reisen. «Dieser Verlust an Knowhow ist beängstigend», sagt Reto Lipp. Auch wenn Spanien wirtschaftlich wieder zulege und die Rezession auf dem Papier vorbei sei: «Die Folgen der Krise werden das Land noch lange beschäftigen.»

Über den offiziellen Twitter-Account der spanischen Nationalmannschaft entschuldigte sich Goalie Sergio Ramos nach der Niederlage gegen Chile bei allen Fans, die dem Team vertraut hatten. Und er liess die Welt wissen: «Vor uns liegt eine schöne Zukunft.»