Taliban überrennen Kundus und befreien hunderte Islamisten

Zwei Jahre nach dem Abzug der deutschen Bundeswehr droht die nordafghanische Provinzhauptstadt Kundus in die Hände der Taliban zu fallen. Die Islamisten haben heute mehr als die Hälfte der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht und hunderte islamistische Kämpfer aus einem Gefängnis befreit.

Innert weniger Stunden haben die islamistischen Taliban in einer Offensive grosse Teile der Provinzhauptstadt Kundus im Norden Afghanistans eingenommen. Dabei wurden laut Angaben der lokalen Sicherheitskräfte hunderte islamistische Kämpfer aus dem Gefängnis befreit. Davor hätten mit schweren Granaten bewaffnete Islamisten die Sicherheitskräfte beim Hauptgefängnis überwältigt.

Schwarzer Rauch über Kundus.

Bildlegende: Innert weniger Stunden nahmen die Taliban am Montag grosse Teile der Provinzhauptstadt ein. Keystone

Auch das öffentliche Spital, mehrere Regierungs- sowie das Gerichtsgebäude haben die Taliban innert weniger Stunden unter ihre Kontrolle gebracht. Über dem zentralen Platz der Stadt haben sie bereits ihre Fahne gehisst. Der Palast des Provinzgouverneurs und das Polizei-Hauptquartier sind laut Polizeiangaben dagegen noch in der Hand der afghanischen Sicherheitskräfte.

Regierungstruppen seien unterwegs, um diese bei den nach wie vor andauernden Kämpfen zu unterstützen. Dies sagte der Provinzgouverneur am Flughafen der Stadt, an den er aus seinem Amtssitz geflüchtet war.


Die Taliban sind zurück in Kundus

2:38 min, aus Echo der Zeit vom 28.09.2015

Angaben zu Opfern der Kämpfe lagen zunächst nicht vor. Mit Ausbruch der Kämpfe seien sämtliche Ausländer zum Flughafen geflüchtet, berichtet ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation am Telefon. Lediglich die Einheimischen seien noch in der Stadt. Diese wurden von den Taliban aufgefordert, bis zum Ende der Kämpfe in ihren Häusern zu bleiben.

Prekäre Sicherheitslage in der gesamten Provinz

Zwei Jahre nach dem Abzug der deutschen Bundeswehr droht Kundus als erste Provinzhauptstadt Afghanistans an die Taliban zu fallen. Mehrfach hatten die Aufständischen in diesem Jahr bereits Angriffe auf Kundus unternommen. Im Juni drangen sie laut Augenzeugenberichten bis an den Stadtrand vor. Ebenfalls im Juni nahmen die Taliban den Distrikt Dascht-e-Archie ein, die anderen sechs Distrikte rund um die Stadt sind umkämpft.

Karte von Afghanistan mit Kundus im Nordosten.

Bildlegende: Die Provinz Kundus mit der gleichnamigen Hauptstadt galt lange als eine der sichersten Regionen Afghanistans. srf

Dabei erbeuteten die Islamisten laut einem afghanischen Regierungsmitarbeiter 25 bis 30 teils gepanzerte Kampffahrzeuge vom Typ Humvee. Mit diesen waren die afghanischen Sicherheitskräfte von der US-Armee ausgerüstet worden. Ausserdem sollen die Islamisten in der Provinz Kundus über eine schnelle Eingreiftruppe mit rund 600 Mann verfügen, wie sie in hochprofessionellen Armeen üblich sind.

Angeblich sollen die Taliban bereits vor dem heutigen Angriff auf Kunduz 80 Prozent der gleichnamigen Provinz kontrolliert haben. Als die deutsche Bundeswehr 2003 ihren zehnjährigen Einsatz in Kundus begonnen hatte, galt die Region noch als eine der sichersten des Landes. Bereits bei Beendung des Einsatzes 2013 hatte sich die Sicherheitslage jedoch deutlich verschlechtert.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die Macht der Taliban

    Aus 10vor10 vom 16.12.2014

    In einer Schule der pakistanischen Stadt Peshawar haben mehrere Taliban-Kämpfer während fünf Stunden rund 500 Schüler und Lehrer als Geiseln genommen. Mehr als 130 Menschen wurden getötet. «10vor10» fragt angesichts des Abzugs westlicher Truppen, welche Macht die Taliban in Afghanistan und Pakistan heute ausüben.