Zum Inhalt springen

International Terror und kein Ende – was tun?

In der SRF-Sondersendung zur Anschlagsserie in Brüssel waren sich die Gesprächsteilnehmer einig: Der Kampf gegen den Terror kann nicht an Nachrichtendienste und Polizei delegiert werden. Und Toleranz gegenüber einer intoleranten Ideologie habe verheerende Folgen.

Legende: Video Sondersendung: Terror in Brüssel, 22.03.2016 abspielen. Laufzeit 57:00 Minuten.
Aus Tagesschau Spezial vom 22.03.2016.

SRF-Korrespondent Sebastian Ramspeck beschreibt den aktuellen Zustand der Metropole Brüssel mit einem Begriff: «Schockstarre». «Doch die Reaktionen sind sehr individuell. Die einen sind panisch, andere demonstrativ besonnen.» Manche Menschen sprächen derweil offen davon, dass sie die Stadt am liebsten verlassen möchten.

Legende: Video Wie reagiert die Bevölkerung in Brüssel? abspielen. Laufzeit 0:35 Minuten.
Vom 22.03.2016.

Gemeinsam sei aber allen die Verunsicherung – und die Frage: Wie konnte sich in einer multikulturellen, weltoffenen Grossstadt eine militante Islamistenszene ausbilden? Und warum konnten weder die Behörden noch die Zivilgesellschaft dies verhindern?

Eine «Kultur des Wegschauens»

Sicherheitsexperte Kurt Spillmann sieht im belgischen Föderalismus einen wesentlichen Teil des Problems: Es fehle an Austausch und Kooperationsbereitschaft bei den flämischen und wallonischen Administrationen; dies schlage sich auch in der Terrorbekämpfung nieder. Christian Weisflog, Auslandredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung», will nicht vorderhand den belgischen Behörden Versagen vorwerfen: «Auch in nicht-föderalistischen Staaten hat es schwere Anschläge gegeben.»

Legende: Video Die Anschläge der letzten 12 Monate abspielen. Laufzeit 1:46 Minuten.
Vom 22.03.2016.

Für Weisflog liegen die Probleme tiefer. Er hält es für äusserst schwierig in «Parallelgesellschaften» wie der Islamisten-Hochburg Molenbeek überhaupt an Informationen zu kommen: «Wer mit der Presse spricht, ist ein Verräter. Das heisst nicht, dass diese Menschen den Terror gutheissen, aber man verrät niemanden nach aussen.»

Ermöglicht habe dies auch eine «Kultur des Wegschauens»: «Unsere liberale Staatsordnung hat dazu beigetragen, dass die Parallelgesellschaften wuchern konnten. Wir müssen vielleicht auch über unseren ideologischen Schatten springen.»

«Nicht in unserem Namen»

Elham Manea, Politikwissenschaftlerin an der Universität Zürich, stimmt zu: Sicherheitsmassnahmen allein seien nicht genug. «Die radikalen Islamisten arbeiten nicht in einem Vakuum, sondern in einem sozialen Kontext. Wir dürfen nicht zu einem Punkt kommen, an dem abgeschlossene Gesellschaften akzeptiert werden.»

Es gehe nicht um den Kampf gegen den Islam, sagt die Muslimin, sondern um dem Kampf gegen eine faschistoide Ideologie – unter der am allermeisten die Muslime selbst litten, die stigmatisiert würden: «In unserem Namen darf das alles nicht passieren.»

Muss Europa seine Grundwerte neu verhandeln?

Für Sicherheitsexperte Spillmann ist derweil klar: Europa war jahrelang zu nachlässig. «Wir müssen unsere Werte und unsere Spielregeln durchsetzen und verteidigen – auch gegenüber den Neuankömmlingen.» Zu lange sei man in Westeuropa einem «etwas naiven Ideal einer multikulturellen Gesellschaft» gefolgt. Dies hätten die Extremisten europaweit ausgenutzt.

Legende: Video Elham Manea: Keine Akzeptanz für geschlossene Gesellschaften abspielen. Laufzeit 0:37 Minuten.
Vom 22.03.2016.

Im Umgang mit radikalen Islamisten plädiert auch Weisflog für eine Lösung, die vordergründig dem freiheitlich-demokratischen Dogma widerspricht: «Es braucht mehr Intoleranz. Denn nur dann ist eine gesamtgesellschaftliche Toleranz möglich.» Die «einfachen Antworten» der Rechtspopulisten seien damit aber nicht gemeint: «Die staatliche Integrationspolitik muss überdacht werden, um Fehlentwicklungen rückgängig zu machen.»

Keine Toleranz an der falschen Stelle

Nationalratspräsidentin Christa Markwalder stimmt einer «Nulltoleranz» gegenüber Extremisten zu. «Unsere grundsätzlich offene und tolerante Haltung darf aber nicht unter diesen Attacken leiden. Und wir dürfen Muslime auf keinen Fall unter Generalverdacht stellen.» Denn dann hätten die Terroristen gewonnen.

Legende: Video Christa Markwalders Reaktion auf die Anschlagsserie abspielen. Laufzeit 0:39 Minuten.
Vom 22.03.2016.

Die Berner FDP-Politikerin hält indes fest, dass die Schweiz durchaus eine Integrationsleistung vorzuweisen habe: «Integration kostet und wir müssen investieren. Mit Grossstädten wie Brüssel und Paris ist die Situation in der Schweiz aber nicht zu vergleichen.» Mit diesem Votum stimmen alle Gesprächsteilnehmer überein.

Doch auch hierzulande sei eine unmissverständliche Rolle des Staates gefordert: «Die gesellschaftliche Diversität muss in Quartieren oder auch in Schulen abgebildet werden. Es kann nicht sein, dass irgendwo 90 Prozent aus einer Gruppe bestehen», fordert etwa Manea. Denn, so schliesst Weisflog, wenn man «Parallelgesellschaften entdeckt, ist es meistens schon zu spät.»

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

47 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Terror und kein Ende- was tun.? Hart und schnell bekämpfen, und vor allem dem Terror nicht zu viel Aufmerksamkeit zukommen lassen in den Medien. Keine Veröffentlichungen über das entsetzliche Leid der Menschen. Darauf warten Sie ,es zu lesen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christophe Bühler ((Bühli))
    Die Toleranz des Rechststaates muss dort aufhören, wo die Intoleranz der anderen den Rechtstaat bedroht. Dies sollte für weiteremigrierende Flüchtlinge ebenso gelten, wie für Grenzkontrollen. Integration ist Privatsache, wer nach gut 10 Jahren noch keine Landessprache versteht und in Ansätzen spricht, scheint mir nicht integriert und soll wieder gehen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Christophe Bühler ((Bühli))
      Staatlich verordnete Multikulti Integration fördert Parallelgesellschaften, bauscht den Sozialstaat ins Unendliche auf und diskriminiert die Einheimischen positiv. Hier braucht es einen Integrationsvertrag mit jedem MIgrant(in)
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von elize naude (elize)
      ich finde integration fängt beim immigrant an. ich bin seit einige jahren mit ein ch-er verheiratet und für mich war es selbstverständlich das ich die erste schritt machen musste... wenn ich nicht dazu bereit bin, dann habe ich hier nichts verloren & es fängt bei der sprache an... es liegt an mich teilzuhaben in dieser gesellschaft... "apartheid" / mensch 2.klasse gibt es leider in jedem gesellschaft, hat mit der faktor mensch zu tun... tolleranz beruht IMMER auf gegenseitigkeit...
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Armin Spreter (aspre)
    Solange die nationalen Verfassungsschützer, Nachrichtendienste und Polizei eifersüchtig über ihren eigenen Datenbestand hinsichtlich der Terrorismusbekämpfung wachen und nicht gewillt sind, einen effizienten und raschen Informationsaustausch international zu forcieren, hat der internationale Terrorismus auch weiterhin leichtes Spiel.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen