«Der ANC krankt an Dreierlei»

Der ANC steckt in der Krise. Nach dem Tod von Nelson Mandela hat die südafrikanische Regierungspartei viel mehr als ihren Wählermagneten verloren. Südafrika-Expertin Dagmar Wittek erklärt im Interview, womit die Partei noch zu kämpfen hat.

Ein Wandgemälde mit dem Gesicht von Präsident Jacob Zuma. Ihm wurde der Mund weggekratzt.

Bildlegende: Der ANC unter Südafrikas Präsident Jacob Zuma verliert zunehmend den Kontakt zur Bevölkerung. Keystone

SRF: Wie sieht die Zukunft des ANC nach dem Tod von Nelson Mandela aus?


ANC - Wie weiter?

3:48 min, aus HeuteMorgen vom 07.12.2013

Dagmar Wittek, ZDF-Journalistin in Johannesburg: Der Afrikanische Nationalkongress (ANC) krankt an Dreierlei. Erstens fehlt der Partei der Nachwuchs. Das heisst in der Führung des ANC sitzen vor allem Männer der alten Freiheitskämpferriege.

Zweitens krankt der ANC daran, dass viele aus der alten Riege ein Anspruchsdenken entwickelt haben. Ein Gefühl, ein Recht auf gewisse Vorzüge und mehr Luxus als der durchschnittliche Südafrikaner zu haben.

Drittens hat der Führungskader des ANC den Kontakt zur Basis verloren. Dass rund 50 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem Euro am Tag leben, ist für die meisten im ANC eine reine Statistik, aber keine bedrohliche und harte Lebensrealität mehr.

Wird der Tod von Mandela die Partei einen oder weiter schwächen?

Ich fürchte der Tod Mandelas wird die Partei eher noch schwächen. Der ANC ist ohnehin schon zutiefst zerstritten. Seit Jahren wird in der Partei bereits die Spaltung in linken, eher sozialistisch orientierten, und den konservativen marktwirtschaftlich orientierten Flügel vorausgesagt.

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Neuwahlen als Bewährungsprobe für den ANC

1:35 min, aus Tagesschau vom 7.12.2013

Seit Wochen nun gibt es mächtig Zoff innerhalb der Regierungsallianz, vor allem innerhalb des Gewerkschaftsdachverbands Cosatu. Auch hier geht es um die ideologische Ausrichtung. Der Streit ist so gravierend, dass es zu einer Spaltung der Cosatu kommen könnte. Das würde wiederum die Regierungsallianz deutlich belasten. Nach Einschätzungen von Politologen ist mit dem Tod von Mandela nun die grösste moralische Instanz der Partei weggefallen. Korruption und mangelnde Dienstleistungsorientierung im ANC werden sich somit weiter breit machen. Ein Negativtrend verschärft sich damit.

Wofür steht der ANC heute?

Die Partei ist die Partei der breiten Bevölkerung und damit der schwarzen Mehrheit. Das ist geschichtlich so entstanden durch den Freiheitskampf.

Auch wenn die Partei die eigenen Ansprüche des sozialen Ausgleichs zwischen Arm und Reich in fast 20 Jahren an der Macht nicht erfüllen konnte. Das ist es, was sich die Partei auf die Fahnen geschrieben hat. Sie sagt, sie sei die Partei der Arbeiter und der ehemals Unterdrückten. Doch de facto ist in Südafrika immer noch jeder Vierte arbeitslos. Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt jenseits der Armutsgrenze.

Fairerweise muss man auch sagen, dass der ANC sehr gute Gesetze erlassen hat, die einen sozialen Ausgleich erwirken sollen. Der Knackpunkt jedoch ist die Umsetzung. An der hapert es. Täglich aufflammende, häufig gar gewalttätige Proteste der Bevölkerung belegen diese Unzufriedenheit der Wähler. Das ist natürlich potenziell gefährlich.

2014 wird in Südafrika gewählt. Wird dies die Partei in Zugzwang bringen?

Sicherlich, denn die Basiswähler sind unzufrieden und nach 20 Jahren ANC-Regierung auch durchaus am Ende ihrer Geduld. Möglicherweise sind sie gar bereit es mit einer anderen Partei zu versuchen.

Nelson Mandela war ein Mann der Partei, ein Urgestein des ANC und in der Tat auch wirklich eine moralische Instanz. Auch wenn er politisch nicht mehr aktiv war, sein Geist schwebte bei Versammlungen immer über den Führungsköpfen. Nun, da er nicht mehr da ist, könnte es durchaus sein, dass viele Wähler das Gefühl haben, das Herzstück des ANC ist gegangen. Die Kernwerte von Demokratie, Gerechtigkeit und sozialem Ausgleich sind nun nicht mehr garantiert.

Ich gehe davon aus, dass dem ANC in den kommenden Wahlen im April ein mächtiger Denkzettel verpasst wird, die bisherige bequeme Zweidrittelmehrheit verloren geht und der ANC deutlich an Stimmen verliert.

Das Leben Mandelas

Zwischen Gefängnis und Friedensnobelpreis: Der interaktive Zeitstrahl zeigt die wichtigsten Lebensstationen von Nelson Mandela im Rückblick.

Zwischen Gefängnis und Friedensnobelpreis: Der interaktive Zeitstrahl zeigt die wichtigsten Lebensstationen von Nelson Mandela im Rückblick.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Mandela - Vom Hirtenjungen zur Ikone für Versöhnung

    Aus Tagesschau vom 6.12.2013

    1918 kommt Mandela in einem kleinen Dorf in der Transkei an der Ostküste Südafrikas zur Welt. Er wird Anwalt und setzt sich für die Rechte der Schwarzen ein. 1964 wird er zu lebenslanger Haft verurteilt. 27 Jahre seines Lebens verbringt er im Gefängnis. Als er 1990 entlassen wird, setzt er sich für die Versöhnung der Rassen in seiner Heimat ein. Das bringt ihm den Friedensnobelpreis. 1994 wird er zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt.