Türkei: Prominenter Geschäftsmann und Erdogan-Gegner ist tot

Die Türkei verliert einen ihrer grössten Unternehmer: Mustafa Koç ist 55-jährig an einem Herzinfarkt gestorben. Der Milliardär gehörte zu den einflussreichsten Persönlichkeiten des Landes – und er war auch ein erklärter Gegner von Präsident Erdogan.

Mustafa Koç sitzt neben einer dunkelhaarigen Frau mir Perlohrringen.

Bildlegende: Koçs Konzern beschäftigt 85'000 Mitarbeiter und macht einen Umsatz von fast 40 Milliarden Dollar. Reuters

Am Anfang stand ein Krämerladen in Ankara, den Vehbi Koç 1917 eröffnete. Sein Enkel Mustafa, der nun unerwartet gestorben ist, dirigierte 99 Jahre später einen Mischkonzern mit fast 500 Unternehmen.

Produziert werden in diesem Imperium der dritten Familiengeneration – einem der 50 grössten der Welt ausserhalb der USA – Autos und Rüstungsgüter. Der Koç-Holding gehören Banken, und sie ist gross im Tourismus, in der Elektronik- und Baubranche. Koç, das bedeutet Einfluss und Reichtum. Ein Pfeiler der türkischen Wirtschaft.

Abneigung gegen religiös-konservativen Erdogan

Der Name Koç ist so alt wie die Republik Atatürks und steht für die Industrialisierung des Landes. Diese alteingesessene Istanbuler Unternehmerfamilie ist kemalistisch, säkular durch alle Generationen. Das Gegenbild des politischen Aufsteigers der letzten 15 Jahre, Recep Tayyip Erdogan. In den Augen der Koçs ist er ein ungebildeter Emporkömmling aus Anatolien. Konservativ und religiös.

Tiefe gegenseitige Abneigung prägt ihr Verhältnis zueinander.Koç hat Erdogan immer zu verstehen gegeben, dass er nicht nach seiner Pfeife tanzt. Hartnäckig weigerte sich der einzige Autoproduzent im Land, Erdogans Traum von einem nationalen türkischen Auto zu erfüllen. Wirtschaftlich unsinning, sagte Koç. Die Feindschaft gedieh. 2013 kam es zum Clash.

Den Gezi-Demonstranten Schutz geboten

Während der Gezi-Proteste unterstützte Koç die Erdogan-Gegner. Und sein Bruder Ali öffnete sein Luxus-Hotel am Gezi-Park für die Demonstranten. Mehr als 1000 flüchteten in das Hotel. Die Polizei setzte ihnen nach und sprühte bis morgens um 3 Uhr Tränengas in die Lobby. Es heisst, die Koç-Familie habe ihre Angestellten angewiesen, alle Demonstranten hereinzulassen.

Danach teilte Erdogan noch härter gegen seien kemalistischen Erzfeind aus: Koç sei Teil der sogenannten Zinslobby-Verschwörung, die an den zu hohen türkischen Zinsen verdient und den Protest gegen ihn und die Regierung im Geheimen geplant habe. Erdogan drohte dem Unternehmer in aller Öffentlichkeit und versuchte offenbar im Geheimen, Koç zu schaden, wie Tonbandmitschnitte vor zwei Jahren vermuten lassen.

Grosser Rüstungsauftrag wieder entzogen

Erdogan rät dort einem Industriellen-Freund, wie er Koç den Milliardenauftrag für den Bau von Kriegsschiffen entreissen könne, den die Regierung bereits vertraglich zugesagt hatte. Koç verlor den Auftrag und sagte danach nur: Die Türkei und ihre Bevölkerung hätten eine saubere Politik verdient. Erdogan seinerseits erklärte die gegen ihn gestarteten Korruptionsuntersuchungen für beendet.

Heute regiert Erdogan das Land weit autoritärer als während der Gezi-Proteste. Immer mehr Bürger betrachtet er als und behandelt er wie seine Feinde. Koç war nur einer unter vielen.