Tunesien verhängt den Ausnahmezustand

Eine Woche nach dem Anschlag auf ein Strandhotel in Tunesien hat Präsident Béji Caid Essebsi für zunächst 30 Tage den Ausnahmezustand verhängt. Die Lage beurteilt er als äusserst kritisch.

«Wir sind in grosser Gefahr», erklärt Tunesiens Präsident Béji Caïd Essebsi in einer Fernsehansprache den 30-tägigen Ausnahmezustand. «Wir befinden uns im Kriegszustand.»

«  Wir befinden uns im Kriegszustand. »

Béji Caïd Essebsi
Präsident von Tunesien

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Ausnahmezustand in Tunesien

0:43 min, aus Tagesschau vom 4.7.2015

Das Land sei in einer schwierigen Lage und es sei notwendig, ausländische Investoren anzuziehen, fügte er hinzu. «Aber investitionsfreundliches Klima haben wir zur Zeit nicht.»

Essebsi reagiert damit auf die Ermordung Dutzender Urlauber durch einen Islamisten vor gut einer Woche in einem Hotel im Badeort Sousse. Ein 24-jähriger Täter hatte in der Anlage des «Imperial Marhaba» eine halbe Stunde lang um sich geschossen, bevor er selbst von Sicherheitskräften getötet wurde. 38 Urlauber kamen ums Leben. Die meisten waren Briten. Auch zwei Deutsche waren unter den Opfern.

Zu dem Anschlag bekannte sich die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Das Attentat auf das Hotel Riu Imperial Marhaba war das bislang blutigste in der Geschichte Tunesiens.

Was bedeutet der Ausnahmezustand?

Der neuen tunesischen Verfassung zufolge darf der Präsident den Ausnahmezustand im Falle einer akuten Bedrohung des Staates nach Beratungen mit dem Regierungschef und dem Parlamentspräsidenten verhängen. Bestimmungen in der Verfassung werden so ausser Kraft gesetzt. In der Regel werden die Bürgerrechte eingeschränkt, die Befugnisse der Sicherheitskräfte hingegen erweitert.

In Tunesien hatten die Behörden schon während der Jasminrevolution Anfang 2011 den Ausnahmezustand verhängt. Damals durften die Sicherheitskräfte unter anderem schiessen, wenn sich ein Verdächtiger widersetzte oder zu fliehen versuchte. Die Regierung hob die Massnahme erst im März 2014 nach mehrfachen Verlängerungen wieder auf.

IS auch in Nordafrika

Seit dem Sturz des langjährigen Machthabers 2011 Zine el-Abidine Ben Ali hat die islamistische Gewalt in Tunesien deutlich zugenommen. Viele Junge ziehen offenbar aus Frust über mangelnde Perspektiven in den «Heiligen Krieg». Mehr als 3000 Tunesier sollen sich bereits islamistischen Milizen im Irak, in Syrien und in Libyen angeschlossen haben.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Reaktionen nach Tunesien-Anschlag

    Aus Tagesschau vom 27.6.2015

    Einen Tag nach dem Attentat auf eine Hotelanlage in Tunesien mit 39 Toten hat die Regierung Massnahmen im Kampf gegen den Terrorismus beschlossen. Derweil verlassen hunderte Touristen das Land – der Wirtschaft drohen massive Probleme. Einschätzungen von Erwin Schmid, SRF-Sonderkorrespondent in Sousse, und Aussenminister Didier Burkhalter.

  • Anschlag trifft Tunesien mitten in der Hochsaison

    Aus Tagesschau vom 27.6.2015

    Nach dem Anschlag an einem Badestrand in Sousse hat der tunesische Sicherheitsrat Massnahmen im Kampf gegen den Terrorismus beschlossen. Derweil verlassen hunderte Touristen das Land. Einschätzungen von Erwin Schmid, SRF-Sonderkorrespondent in Sousse.

  • FOKUS: Touristen als Terrorziele

    Aus 10vor10 vom 26.6.2015

    Bereits im März gab es in Tunesien einen Anschlag auf ein Museum. Heute erschoss ein islamistischer Attentäter im Ferienort Sousse 37 Menschen. Mit Einschätzungen von Terror-Experte Michael Lüders aus Berlin.