«TV-Duellitis» in Österreich Jeder gegen jeden

Bis zu 60 Mal treten österreichische Politiker vor der Wahl zum Duell an. Zu viel des Guten?

TV-Duelle sind spannend. Da können kleine Ausrutscher politische Karrieren beenden, Skandale entstehen, die das mediale Geschehen wochenlang dominieren oder ganze Wahlen allein durch Gestiken und Körperhaltung entschieden werden. Besonders beliebt ist das Format in Österreich.

«  Was soll schon schlecht sein an politischen Diskussionen fürs Publikum. »

Peter Filzmeier
Politologe

In zehn Fernsehduellen treten dort die fünf Spitzenkandidaten der Parlamentsfraktionen in Österreich gegeneinander an, jeweils 45 Minuten gefolgt von Faktencheck und Analyse mit dem Politologen. Zusammen mit den zahlreichen Diskussionen auf privaten Fernsehstationen und auf den Online-Kanälen der Zeitungen kommt man auf nicht weniger als 60 Bildschirmtermine.

Der gesittete Ton

Zu viel des Guten? Nein, findet der Politologe Peter Filzmeier, der für den Österreichischen Rundfunk (ORF) die Fernseh-Duelle analysiert: «Es gibt ein Ächzen und Stöhnen – aber nur bei den beruflichen Beobachtern, die sich die Duelle alle ansehen müssen. Das Publikum wählt einfach aus, was es sehen will – und was soll schon schlecht sein an politischen Diskussionen fürs Publikum.»

Dass sich auch der amtierende Regierungschef am Fernsehen der Opposition stellt, hat in Österreich Tradition. In den 1970er Jahren hat Kanzler Bruno Kreisky damit begonnen. Auffallend ist bei diesen Debatten: der gesittete Ton. Allen voran der von Herausforderer und Favorit Sebastian Kurz von der neu aufgestellten ÖVP.

«  Sie freuen sich, wenn viele die Grünen wählen, ich freue mich, wenn viele die ÖVP wählen. »

Sebastian Kurz
Kandidat ÖVP

Auch Strache ist freundlich

Er gibt sich gern als Sachpolitiker, der über den Niederungen politischer Schlammschlachten steht. «Sie freuen sich, wenn viele die Grünen wählen, ich freue mich, wenn viele die ÖVP wählen», sagte er beispielsweise in einer Diskussion.

Auch Heinz Christian Strache, Chef der rechts-populistischen Freiheitlichen, gibt sich zurückhaltender als sonst. Das sei so, weil auch er nach den Wahlen mitregieren wolle, sagt Politologe Filzmeier: «Er darf sich selbst durch Radikalität im Wahlkampf nicht ins Abseits stellen.»

Der Fauxpas im Netz

Zunehmend angespannt bei den Fernsehauftritten wirkt der amtierende Kanzler Christian Kern von den Sozialdemokraten. Nach einem Wahlkampf mit vielen Pannen kämpft er in der Schlussphase gegen das Verlierer-Image.

In Anspielung auf ein lukratives Angebot aus der Bauwirtschaft, das er offenbar ausgeschlagen hat, beteuert er seinen Siegeswillen: «Ich habe einen Job sausen lassen, der mir ein Millioneneinkommen beschert hätte. Das habe ich nicht gemacht, weil ich beim ersten Gegenwind sagen werde: Das interessiert mich nicht mehr.»

Die grösste Wahlkampf-Panne unterlief der SPÖ allerdings nicht am Fernsehen: Ein von der Partei engagierter Wahlkämpfer stellte – angeblich ohne Wissen der SPÖ-Führung – zwei Facebook-Profile mit übler Anti-Sebastian-Kurz-Propaganda ins Netz. Ob Kern im Fernsehen noch gerade rücken kann, was zuvor im Netz schief lief, entscheidet sich am 15. Oktober.