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International Unfall oder Attentat? Smolensk-Unglück spaltet Polen

Ein polnisches Regierungsflugzeug zerschellt am 10. April 2010 bei Smolensk. Keiner überlebt das Unglück. Unter den Toten: Militärs und Spitzenpolitiker wie Staatspräsident Lech Kaczynski. Nationalgesinnte Polen glauben deshalb an ein Attentat – und trüben das Gedenken.

Tag der Erinnerung an die Toten der Flugzeugkatastrophe von Smolensk: Die Polen gedenken mit Gottesdiensten, Kundgebungen und Kranzniederlegungen dem Flugzeugunglück von Smolensk. 96 Tote waren beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine vor drei Jahren ums Leben gekommen.

Unter den Opfern befanden sich der damalige Staatspräsident Lech Kaczynski und seine Frau. Auch Spitzenvertreter des polnischen Militärs und der politischen Elite Polens kamen ums Leben.

Die Maschine war beim Landeanflug im Nebel abgestürzt. Kaczynski und die übrigen Mitglieder der Regierungsdelegation waren auf dem Weg zu Feierlichkeiten im Gedenken an das Massaker von Katyn.

Während russische und polnische Ermittler von Pilotenfehlern ausgehen, glauben vor allem Anhänger der nationalkonservativen Opposition an einen Mordanschlag.

Nationalistische Opposition glaubt an Attentat

Auch Jaroslaw Kaczynski glaubt an einen Mordkomplott gegen seinen Bruder. Als Chef der nationalkonservativen Oppositionspartei «Recht und Gerechtigkeit» (PiS) sorgt er mit seinen Ansichten für eine eine Polarisierung der polnischen Gesellschaft.

SRF-Korrespondent Marc Lehmann berichtet, dass etwa ein Drittel der Polen von der Attentatstheorie überzeugt sind. So hatten am Dienstagabend etwa tausend Menschen vor der russischen Botschaft in Warschau demonstriert und «Es war ein Anschlag» skandiert.

Polen und Russen gedenken gemeinsam

Am Absturzort rund 400 Kilometer westlich von Moskau gedachten eine russische und eine polnische Delegation gemeinsam der Toten. Nach der Zeremonie begaben sich die aus Warschau angereisten Trauergäste zur nahen Gedenkstätte für die polnischen Opfer des Katyn-Massakers.

Ministerpräsident Donald Tusk trauerte auf dem Warschauer Militärfriedhof. Er legte einen Kranz am Denkmal für die Toten von Smolensk nieder.

«Ich glaube daran, dass der Tag kommt, an dem gemeinsames Gedenken und Gebet ohne böse Gefühle möglich sind», sagte er. Viele PiS-Anhänger nehmen Tusk übel, dass er am Jahrestag des Unglücks ins Ausland reiste.

Donald Tusk verbeugt sich vor dem Denkmal zu Ehren der Smolensk-Opfer
Legende: Ministerpräsident Tusk ehrt die Toten von Smolensk. Weil er danach zu einer Auslandsreise antritt, wird er kritisiert. Keystone

Tusk stehe seit langem im Kreuzfeuer der Kritik der nationalkonservativen Opposition, sagt Lehmann. Ihm werde eine «moralische Mitverantwortung» für die Katastrophe angelastet.

«Er sei vor den Russen eingeknickt und habe es zugelassen, dass die Schuld alleine der polnischen Seite in die Schuhe geschoben worden sei.» Russische Untersuchungen hatten die Hauptverantwortung für das Unglück den polnischen Piloten zugeschrieben.

Wrackteile bleiben in Russland

Das Wrack der Unglücksmaschine des Typs Tupolew TU-154M befindet sich noch immer in Russland. Die polnische Regierung hat sich bisher vergeblich um die Rückgabe der Wrackteile an Polen bemüht.

Für die Anhänger der Verschwörungstheorien ist der Verbleib des Wracks in Russland ein weiterer Hinweis, dass es sich nicht um ein reines Unglück gehandelt habe. Nach wie vor kursieren Gerüchte über eine Explosion in der Unglücksmaschine.

Das Massaker von Katyn

Im April und Mai 1940 tötete der sowjetische Geheimdienst etwa 4400 polnische Offiziere in der Nähe des Dorfes Katyn. Die Sowjetunion lastete die Taten dem nationalsozialistischen Deutschland an. Bis 1990 wurde diese Version im Ostblock propagiert. Erst Michail Gorbatschow gestand am 13. April 1990 die sowjetische Verantwortung. 

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