Schlacht um Mossul Unterwegs an der Front in West-Mossul

Seit Monaten versuchen irakische Truppen, Mossul von der Herrschaft der Terrormiliz IS zu befreien. Noch immer halten die Terroristen die Altstadt im Westen der Stadt. SRF-Korrespondent Pascal Weber war an der Frontlinie unterwegs.

«Wenn nur die Zivilisten nicht wären»

Pascal Weber in der Nähe der Front.

Bildlegende: Major Mohammed zeigt auf die Frontlinie. Er hofft, dass Mossul in einigen Wochen befreit sein wird. SRF

Major Mohammed schaut traurig auf die Trümmerlandschaft vor ihm. «Wenn die Zivilisten nicht wären, dann hätten wir den IS schon lange aus Mossul vertrieben.» Der mit Munitionsresten übersäte Platz, auf dem wir stehen, war einmal eine zentrale Kreuzung von West-Mossul.

Die Front zwischen der irakischen Armee und dem IS ist knapp einen Kilometer entfernt. «Das ist Zinjili. Ein, zwei Tage noch, dann haben wir dieses Quartier erobert.» Weil der IS die Menschen in seiner Gewalt als menschliche Schutzschilder benutzt, kommt die Armee bei der Rückeroberung nur langsam voran. «Drei, vier Wochen noch», schätzt Major Mohammed. «Dann haben wir Mossul befreit.»

Was für Major Mohammed ein schöner Tag ist

Im Feldlazarett.

Bildlegende: Dem beinamputierten Omar (links im Bild) fällt es schwer, die Freude seines Vaters über die Befreiung zu teilen. SRF

«Wir sind frei! Wir sind frei, mein Sohn!» Der ausgemergelte Vater wirft sich auf seinen Jungen. Dieser liegt auf einer Feldbahre und weiss nicht, was er sagen soll. Sein linkes Bein fehlt zur Hälfte. «Vor vier Tagen wurde mir der Unterschenkel amputiert. Eine Mörsergranate hatte uns getroffen.» Omar ist elf Jahre alt.

Der Preis, den die Zivilbevölkerung von Mossul für die Befreiung zahlt, ist unvorstellbar hoch. «Am ersten Tag des Angriffs auf Zinjili starben alleine in meiner ersten Notaufnahmestelle 70 Menschen. Kinder, Frauen, alte Männer.» Major Mohammed ist der Chefarzt der 9. Division der irakischen Armee. Heute ist in diesem Lazarett ein ruhiger Tag. Ein älterer Mann ist gestorben. Zwei Soldaten sind schwer verletzt. Drei Kinder sind soweit transportfähig gemacht, dass sie ins nächst grössere Spital gebracht werden konnten. Für Major Mohammed sind solche Tage schöne Tage.

Die Ruhe am Morgen

Irakischer Soldat.

Bildlegende: Aufwachen in einem verlassenen Haus gemeinsam mit der neunten Division. Die Stimmung ist seltsam ausgelassen. SRF

Der Teekocher zischt. Langsam wird es draussen hell. Das Licht ist golden, die Hitze noch erträglich. Tagsüber wird es in Mossul 44 Grad heiss. Unter dem Helm und der schusssicheren Weste ist es fast nicht auszuhalten. Kameramann Diego Wettstein und ich haben mit einer Gruppe von Soldaten in einem Haus übernachtet, das offensichtlich einmal einer wohlhabenderen Familie gehört hatte oder wahrscheinlich immer noch gehört.

Aber die Familie hatten flüchten müssen. Jetzt wohnen hier Soldaten der neunten Division – und wir. Die Stimmung an diesem Morgen ist seltsam heiter. Die Soldaten wollen wissen, was wir von diesem Krieg halten, und scherzen mit uns. Bis einer sagt: «In der Nacht hatten wir wieder viele Tote. Eines war noch ein Baby. Ich glaube, es war höchstens drei, vier Monate alt.» Der Teekocher zischt nicht mehr.

Zivilisten beim Automechaniker

Knabe im Auto.

Bildlegende: Leben nahe der Front: Der 11-jährige Ahmad fährt Auto als wäre nichts dabei. SRF

Der kleine Ahmad ist erst 11, doch er fährt bereits Auto. «Ich bin zu alt dafür, ich kann nicht mehr», sagt Vater Hamed. Nur knapp zwei Kilometer hinter der Front kehrt das Leben langsam wieder zurück nach West-Mossul. «Es wird so langsam wieder besser hier.» Doch Hamed Abdullah ist müde. Unendlich müde. «Die letzten Tage unter dem IS waren die Hölle. Wir hatten nichts mehr zu essen, kein Trinkwasser und jede Woche erschossen sie 15 bis 20 Zivilisten. Einfach so, zur Abschreckung.»

Was Hamed, seine zwei Söhne und alle anderen Zivilisten in dieser Strasse durchgemacht haben, ist für uns aus dem sicheren Westen kaum vorstellbar. «Besser wird es nur, wenn wir uns komplett verändern. Wenn die gleichen Politiker an der Macht bleiben wie zuvor, dann wird sich nichts ändern. Denn die Politiker waren es, die den IS überhaupt erst ermöglicht haben.»

Der Ruf nach Rache

Pascal Weber spricht mit Flüchtling.

Bildlegende: Safaa erzählt von den Gräueltaten des IS und hofft auf Rache für die Untaten. SRF

«...und dann haben sie mit dem Maschinengewehr auf die Menschen geschossen, tak-tak-tak-tak... – sie kennen keine Gnade, für niemanden.» Safaa sitzt mit ihrer Mutter und ihrem Vater auf einem klapprigen Lastwagen und wartet darauf, in ein Flüchtlingslager ausserhalb von West-Mossul gefahren zu werden.

Erst vor drei Stunden ist sie dem IS entkommen und konnte sich auf die sichere Seite der Armee retten. «Vor einer Woche haben sie ein Massaker verübt, bei der ehemaligen Pepsi-Fabrik. Sie wollten sich rächen, weil zuvor mehrere Menschen geflüchtet waren. Sie haben die Leute aufgereiht und erschossen. Gott nehme Rache an ihnen.» Es ist dieser Ruf nach Rache, der uns so pessimistisch stimmt für die Zukunft nach diesen Tagen in West-Mossul.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Umkämpftes Mossul

    Aus Tagesschau vom 10.6.2017

    Seit Monaten versucht die irakische Armee – zusammen mit einer US-geführten internationalen Koalition – die zweitgrösste Stadt des Irak zurückzuerobern. Nahost-Korrespondent Pascal Weber hat sich in den hart umkämpften Westteil von Mossul gewagt.