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International «US-Angriffe können IS kaum stoppen»

Solange der derzeitige Regierungschef im Irak am Ruder ist, wird die IS-Miliz bei ihrem Vormarsch leichtes Spiel haben, meint Nahost-Experte Ulrich Tilgner. Zudem könnten die amerikanischen Luftschläge der Offensive der Islamisten nur die Wucht nehmen, sie aber nicht stoppen.

Legende: Video Tilgner: IS für viele Iraker das kleinere Übel abspielen. Laufzeit 1:45 Minuten.
Aus 10vor10 vom 08.08.2014.

Die Extremisten des Islamischen Staates (IS) stützen sich auf einen grossen Rückhalt bei ihren Glaubensbrüdern, den Sunniten im Irak, erklärt Tilgner in der Sendung «10vor10».

Das kleinere Übel: IS-Milizen

In grossen Teilen der Bevölkerung würden die Milizionäre nicht selten als das kleinere Übel empfunden. Im Gegensatz zu den jeweiligen Regierungen in Irak, Syrien oder im Libanon. Daraus erwachse der Rückhalt der Extremisten in weiten Teilen der Bevölkerung, die die Aufständischen gewähren lasse. Selbst dann, wenn man Vorbehalte gegenüber manchen Aktionen oder Einstellungen habe.

In der Umkehr lasse die IS-Miliz die Leute vor Ort «das tun, was sie möchten» - solange es keine Andersgläubigen sind. Dazu gehörten eben auch Proteste gegen die Regierung in Bagdad, die den Islamisten obendrein in die Karten spielen. Für Minderheiten wie Christen oder Jesiden allerdings, die jetzt zu Tausenden aus ihrer angestammten Heimat in Nordirak vertrieben worden sind, werde in der Folge «das Leben unerträglich», ergänzt Tilgner.

Politisches Risiko der Bombardements

Vor diesem Hintergrund würde, neben der begrenzten Wirkung, bei den US-Luftschlägen immer auch ein gewisses politisches Risiko mitfliegen, fährt der Irak-Experte fort.

Denn die Vorbehalte gegen die Amerikaner in der Bevölkerung würden zunehmen, wenn die «gezielten Luftangriffe» eben nicht nur IS-Kämpfer treffen, sondern etwa auch Mitglieder von Stammesmilizen, mit denen die Extremisten paktieren. «Wenn die getötet werden, dann wird die Wut gegen die USA steigen», ist sich Tilgner sicher. Dann werde die Erbitterung zunehmen und die IS würde «beim Vormarsch auf Bagdad mehr Unterstützung erfahren».

US-Angriffe sollen IS isolieren

Die Taktik von US-Präsident Barack Obama sei es deshalb, die IS-Truppen bis zu einem Regierungswechsel in Bagdad zu isolieren – durch begrenzte und präzise Attacken aus der Luft, die kaum zivile Opfer fordern. Ob diese Rechnung des Weissen Hauses aufgeht sei allerdings ungewiss, gibt Tilgner zu Bedenken.

Denn Washington habe das Problem, das der derzeitige Regierungschef Nuri al-Maliki, der in der irakischen Bevölkerung kaum mehr Rückhalt hat, seinen Stuhl nicht räumen will – obwohl er keine Mehrheit mehr im Parlament hat. Der Schiit Maliki führe zudem auch das Verteidigungs- und Innenministerium und «errichte eine Diktatur». Das schüre bei den Irakern auf der Strasse, insbesondere wenn sie zur sunnitischen Bevölkerungsruppe gehören, nur noch weiter die Abneigung gegen die Administration in Bagdad, erläutert Tilgner und fährt fort: «Genau das machen sich die IS-Extremisten zu Nutze». Und deshalb könnten die Rebellen nach jetzigem Stand der Dinge weiter «relativ leichtes Spiel haben».

Legende: Video Tilgner: Premier Maliki muss seinen Sessel räumen abspielen. Laufzeit 1:56 Minuten.
Aus 10vor10 vom 08.08.2014.

Abdankung Malikis notwendig

Vor diesem Hintergrund sei die Abdankung des schiitischen Premiers eine der Voraussetzungen um den IS-Truppen den Boden ihrer Unterstützung in der Bevölkerung zu entziehen, meint Tilgner. Die notwendige Einigkeit der Maliki-Gegner im Parlament sei bereits hergestellt. Jetzt brauche es noch «das Moment, das Iran Maliki fallen lässt». Dann «steht er alleine da, und dann muss er gehen» – zumal, wenn ihm gleichzeitig Washington noch den Rücken zudreht.

Ein erster Hinweis auf die Haltung der Amerikaner sei, dass die US-Bomber derzeit die IS-Einheiten nahe der Kurden-Hochburg Erbil angreifen und nicht etwa vor Bagdad, erläutert Tilgner. Die Obama-Administration wolle in keinem Fall das Signal einer Unterstützung für Maliki aussenden.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von André Piquerez, ebikon
    denke die Aktion der Amerikaner ist zwar sehr wichtig für die Kurden aber für den rest des Iraks nicht...die IS könnten das jetzt nutzen um mit dem Hass gegen die westlichen Amerikaner der bei all diesen Sunniten tief drin ist mehr Anhänger zu bekommen...war Saddam Hussein nicht Sunnit?von daher...wenn die IS noch mehr Anhänger bekommen werden sie noch viel gefährlicher,Waffen haben sie wahrscheinlich eh massenhaft...jetzt kann es doch sein dass die IS bald Bagdad angreifen anstatt die Kurden..
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    1. Antwort von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
      @A. Piquerez: Der Kampf wird jetzt im Nordwesten des Iraks und im Nordöstlichsten Zipfel von Syrien zwischen den Kurden und der IS ausgetragen. Da ist der Schlüssel und hier wird die Zukunft der IS entschieden. Bagdad wird momentan von sehr starken schiitischen Milizen gesichert. Somit kann sich die IS kaum noch eine 3. Front leisten.
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  • Kommentar von Roman Studer, Aarau
    Der Westen muss lernen, dass es auch anderes Gedankengut gibt und aufhören seine Wertvorstellungen und Ideolodien in der ganzen Welt mit Krieg und Agression zu verbreiten. Das ist nicht besser nur anders gegenüber deN Taten der IS.
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    1. Antwort von Albert Planta, Chur
      Der Westen soll also die IS trotz deren totalitären und menschenfeindlicher Ideologie gewähren lassen. Ihnen ist aber schon bekannt, dass die IS auch europäische Kalifate errichten will?
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    2. Antwort von Marlene Zelger, 6370 Stansd
      Aha, Roman Sturer, Sie finden es demnach falsch, wenn die radikalislamische Terrororganisation bekämpft wird? Und gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie es ok finden, wenn der radikale Islamismus sein Gedankengut, also seine Weltvorstellung und Ideologien (Scharia) mit Mord, Verfolgung und Terror in der Welt verbreite will?
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    3. Antwort von Patrik Saxer, Zürich
      Da ist mehr als nur viel wahres dran. Der Westen denkt in seinem unermesslichen Kontroll-Wahn, dass sie der Welt vorschreiben müssen, an welchen Wertvorstellungen man festzuhalten hat. Die sogenannte "IS" folgt dem letzten Gesandten Gottes und will nach Gottes Gesetz leben, deshalb überhaupt das Ganze. Es geht hier um keine Kleinigkeiten. Dann kommen aber Atheisten und Satanisten (US-Regierung) und wollen diesen Menschen ihre Vorstellungen aufzwingen, wie es im Irak geschehen ist, ohne Erfolg.
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    4. Antwort von G. Niedermann, Zürich
      Herren Studer und Saxer, dann darf aber auch nie mehr von einer globalisierten Welt gesprochen werden. Soll die Menschheit zusehen, wie Millionen von Frauen beschnitten oder gar getötet, zwangsverheiratet oder vergewaltigt werden? Sollen Regierungen nun mit Kalifen oder Terroristen Bündnisse schliessen? Die Menschen leiden sehen und dafür der Westen noch mehr Asylanten aufnehmen? Ich bin stolz darauf, wurde die Muslimbrüderschaft von arabischen Staaten selbst verboten!
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    5. Antwort von Harald Girschweiler, 9500 Wil SG
      @R. Studer: Es sind die Kurden die kämpfen u. lediglich modernere Waffen von den USA und der NATO fordern. Ich glaube kaum, dass Sie den Kurden vorwerfen können, dass sie unsere Wertvorstellungen übernehmen müssen. Die chald. Christen im Nordosten des Iraks und auch die Yesidis würden sich Ihren Vorstellungen kaum anschliesen. Ich würde sagen Sie argumentieren an den Tatsachen völlig vorbei.
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  • Kommentar von Alaphia Zoyab, Aarau
    In einem anderen Beitrag wurde der Irak als «Friedhof amerikanischer Ambitionen» beschrieben. Ich fand das eigentlich ziemlich treffend. Infrastruktur & Wirtschaft sind ein Trümmerfeld. Die Abfallentsorgung, Medizin, Bildung & Industrie der letzte 30 wohl aber sicher der letzten 20 Jahre, aufgrund der Gefahr aus der Luft, oder durch zerstörte Gebäude, für die Tonne. Nahrung ist Mangelware & Benzin muss auf dem Schwanzmarkt gehandelt werden. Da gestaltet es sich schwer ein Land aufzubauen.
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    1. Antwort von G. Niedermann, Zürich
      Frau Zoyab, wie sah Europa oder z.B. Deutschland nach dem 2. Weltkrieg aus? Würden alle Menschen im Irak zusammenhalten und sich nicht wegen religiösen Differenzen fortlaufend bekriegen, könnten sie Wunder vollbringen. Bestimmt würden viele Gelder auch aus USA für den Aufbau gerne eingesetzt. Hört mit dem gegenseitigen Gemetzel auf und steht zusammen.
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    2. Antwort von Eddy Dreier, Burgdorf
      Man nennt das "Teile und Herrsche". Unter diesem Grundsatz kann man Bomben an ein Auto anbringen und es dann via Fernsteuerung in die Luft jagen. Dann bringt man die Nachricht, ein Selbstmordattentäter habe sich in die Luft gejagt und schon hat man zwei Volksgruppen, die sich gegenseitig bekämpfen. Der Grundsatz sagt: Teile ein Volk in Gruppen und man kann beliebig über sie herrschen, da sie nicht mit der Bekämpfung der Herrschaft beschäftigt sind. Das ist die Rolle der USA im Irak.
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    3. Antwort von G. Niedermann, Zürich
      Genau Herr Dreier, die USA trägt die Verantwortung an den täglichen Kämpfen zwischen Sunniten und Shiiten. So einfach ist die Schuldzuweisung.
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    4. Antwort von Eddy Dreier, Burgdorf
      Sie müssen noch lernen, die Interessen anderer zu verstehen. Welches Interesse sollte die USA haben, einen Saddam (ehemaliger Verbündeter) zu töten und das Land danach einfach sich selbst zu überlassen, wo man doch die Befreiung propagierte. Das würde keinen Sinn ergeben. Hingegen solange sich Shiiten und Sunniten bekämpfen, kann die USA hinter deren Rücken irakisches Erdöl verschiffen...
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