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US-Zugeständnisse an Nordkorea «Japans Bauchschmerzen dürften noch grösser werden»

Legende: Audio Martin Fritz: «Japan bleibt in der Rolle des Zuschauers» abspielen. Laufzeit 06:36 Minuten.
06:36 min, aus SRF 4 News aktuell vom 13.06.2018.

In Japan war die Hektik vor dem Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un gross. Vor allem befürchtete man, dass die USA Nordkorea sicherheitspolitisch entgegenkommen – und dafür Japan im Stich lassen könnten. Diese Ängste seien nun keineswegs ausgeräumt worden, sagt Martin Fritz, SRF-Mitarbeiter in Japan.

Martin Fritz

Martin Fritz

Freier Journalist

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Der Journalist Martin Fritz arbeitete als Radio-Korrespondent für die ARD in Tokio. Als freier Journalist berichtet er auch über Nord- und Südkorea. Vorher war er fünf Jahre lang Südasien-Korrespondent in Neu-Delhi.

SRF News: Sieht sich Japan nach dem Treffen in Singapur als Verlierer?

Martin Fritz: Die Regierung und ihr Chef Shinzo Abe nicht. Wie bisher zeigt Abe eiserne Loyalität zu den USA. Aber es gibt auch Stimmen, vor allem in der Presse, die davor warnen, dass Japan doch mittelfristig ein Verlierer dieser Annäherung zwischen Trump und Kim sein könnte. Auf jeden Fall wünscht man sich in Japan möglichst baldige Abrüstungsschritte von Nordkorea.

Die USA sind durch die Langstreckenraketen Nordkoreas direkt bedroht. Japan liegt aber auch in Reichweite von Nordkoreas Mittelstreckenraketen. Gab es Hinweise am Gipfel, dass Nordkorea auch diese abbauen muss?

Das ist genau der Punkt, auf den viele japanische Kommentatoren hinweisen. Das Wort «Raketen» kam in keiner Erklärung Trumps und auch nicht im Gipfeldokument vor. Aber für Japan ist ein Stopp der Raketenentwicklung in Nordkorea lebenswichtig. Und das erklärt auch, warum Japans Verteidigungsminister Itsunori Onodera heute bekräftigt hat, dass Japan seinen Schutzschirm gegen Raketen ausbauen wird.

Auch in Japan sind US-Truppen stationiert. Diese will Trump womöglich auch zurückholen. Dann würde sich Japan wesentlich unsicherer fühlen.

Trump machte Kim Zugeständnisse. Er wolle die US-Truppen aus Südkorea nach Hause holen. Für Japans Sicherheit sind diese Truppen jedoch entscheidend. Wie sehr beunruhigt das die Japaner?

Diese Wende Trumps nährt die grösste Angst der Japaner, dass sie im Verteidigungsfall von den USA im Stich gelassen werden. Verteidigungsminister Onodera sagte heute, diese koreanisch-amerikanischen Manöver seien wichtig für die Sicherheit in Ostasien. Auch in Japan sind US-Truppen stationiert. Diese will Trump womöglich auch zurückholen. Dann würde sich Japan wesentlich unsicherer fühlen.

Warum ist Japans Verteidigung derart von den USA abhängig?

Die Verfassung beschränkt Japans Verteidigung auf reine Abwehrmassnahmen. Das heisst, die Streitkräfte dürfen zum Beispiel nicht vorbeugend eine Raketenbatterie in Nordkorea ausschalten, sondern sie dürfen nur zurückschiessen, wenn Japan angegriffen wird. Daher muss sich Japan auch militärisch auf die USA verlassen. Regierungschef Abe will die Verfassung ändern, damit die eigene Armee flexibler sein kann. Diese Änderung hat er versprochen – aber bisher noch nicht erreicht.

In der Frage, was mit den einst nach Nordkorea entführten Japanern geschehen ist, soll der Gipfel Fortschritte gebracht haben. Es solle etwas passieren, so Trump im Wortlaut. Das klingt reichlich schwammig...

In der Tat. Aber die japanische Regierung hat das so verstanden, dass der Ball nun in ihrem Feld gelandet ist. Schon nächste Woche soll sich ein japanischer Diplomat am Rande einer Konferenz in der Mongolei um neue Kontakte zu Nordkorea bemühen. Und auch die noch lebenden Verwandten der Entführten schöpfen Hoffnung. Das Ergebnis des Gipfels sei ein Wunder, hat gestern eine Mutter gesagt. Ihr Kind wurde als 13-Jährige 1977 nach Nordkorea verschleppt.

Entführung japanischer Staatsbürger

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Entführung japanischer Staatsbürger

Zwischen 1977 bis 1983 verschleppten nordkoreanische Agenten mindestens 13 Japaner nach Nordkorea. Dies geschah angeblich, um von ihnen Sprache und Kultur des wichtigen Nachbarlandes zu lernen. Trotz der Rückkehr einiger Verschleppter im Jahr 2004 ist die Entführungsfrage bis heute ein wichtiger, offener Punkt in den japanisch-nordkoreanischen Beziehungen.

Für Abe ist die Klärung dieser Entführtenfrage so zentral, dass auch er ein Treffen mit Nordkoreas Machthaber will. Ist das realistisch?

Japan hat für Nordkorea keine Priorität. Die Feindschaft ist wegen der Kolonisierung Koreas durch Japan offiziell gross. In Japan leben auch viele Nordkoreaner, die schlecht behandelt werden. Und hinzu kommt auch dieses lange Schweigen Nordkoreas zur Entführtenfrage.

Japan hat für Nordkorea keine Priorität. Die Feindschaft ist wegen der Kolonisierung Koreas durch Japan gross.

Das bedeutet womöglich nichts Gutes. Das Schicksal dieser Menschen ist vielleicht dunkler als bisher bekannt oder befürchtet. Deshalb will Nordkorea dieses heisse Eisen womöglich nicht anpacken. Und das macht einen schnellen Gipfel zwischen Kim und Abe sehr unwahrscheinlich.

Das heisst, für Japan bleibt die Lage auch nach dem Gipfel schwierig – und trotzdem wird Japan nicht viel mehr tun können als zuschauen?

Tatsächlich wird Japan bei diesem Prozess auf der koreanischen Halbinsel Zuschauer bleiben. Und die dadurch verursachten Bauchschmerzen dürften womöglich noch grösser werden. Denn wenn die USA und Nordkorea tatsächlich demnächst verhandeln, könnte Trump dabei womöglich Zugeständnisse machen, die Japan wehtun könnten.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Häusermann (Ebenda)
    Denuklearisierung heisst für mich, weg mit den Atomsprengköpfen und Wasserstoffbomben. Damit machen Raketen nur noch wenig Sinn.
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  • Kommentar von Charles Grossrieder (View)
    Ich denke kaum, so lange Japan den Asiatischen Staaten vor allem China naehert. NK und Japan sind zwar nicht die besten Freunde, aber Streit wird kaum einer suchen. Und Japan hat eine sehr moderne Abwehr. Shinzo Abe spielt seine Karten richtig, wuerde ich meinen. Kim Jong-un wird sich hueten Dummes zu machen, ohne Einverstaendniss der Chinesen, welche bei dem Deal sicher auch instrumental sind.
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  • Kommentar von Frédéric Weil (Derrick)
    "America first": Da ist Trump doch zumindest kosequent, denn es interessiert nur Amerika, nicht den Rest der Welt. Wofür auch, Amerika braucht die Welt ja nicht und global ist ja eh ein Unwortund hat mit Amerika nichts zu tun.
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