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International USA: Ein Schritt zurück in der Frage der Abtreibung

Zuerst Arkansas, dann North Dakota: Ein US-Bundesstaat nach dem anderen beschneidet das Recht auf Abtreibung massiv. Vor 40 Jahren wurde es Bundesebene eingeführt. Nun fürchten Frauenrechtlerinnen um das Recht auf Selbstbestimmung.

Erika Hayworth sitzt im Rollstuhl vor der Klinik, lange schwarze Haare mit grauen Strähnen, weisser Arztkittel, ernste Miene. Neben ihr prangt das Bild eines blutüberströmten Fötus. Religiöse Musik strömt aus einem CD-Player. Ein afro-amerikanisches Paar nähert sich. «Bitte, tut das nicht, es ist ein Mensch, es gibt die Adoption», ruft die Frau im Rollstuhl ihnen zu. Die Frau betritt die Klinik, der Mann bleibt draussen, zündet sich eine Zigarette an. Raucht und blickt auf die Strasse.

«Es wird dich verfolgen»

Die Frau appelliert ans Gewissen des Mannes: «Auch Männer bereuen eine Abtreibung. Du willst dich nicht fragen müssen, was gewesen wäre. Das wird dich verfolgen» ruft sie ihm zu. Sie versucht, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Er schüttelt den Kopf und sagt kaum hörbar: «Too many». Zu viele Kinder.

Szenen wie hier in San Francisco spielen sich täglich ab in den USA, überall, landauf landab. Abtreibungsgegner befinden sich auf einer Erfolgswelle wie noch nie: Gliedstaaten haben in den letzten zweieinhalb Jahren 135 Gesetze erlassen, die Schwangerschaftsabbruch teurer machen und den Zugang dazu erschweren.

Republikaner machen vorwärts

Das ist möglich, weil die Republikaner in den Wahlen 2010 die Parlamentsmehrheit in mehr als der Hälfte der Gliedstaaten errangen. Sie treiben dieses Thema voran. Arkansas und North Dakota haben es dieses Jahr erstmals gewagt, die Abtreibung in einem frühen Stadium zu verbieten.

Damit stellen sie einen Entscheid des Supreme Court, des Bundesgerichtes in Frage, das vor 40 Jahren Abtreibungen bis zur 24. Woche legalisierte. Es war ein historischer Entscheid. Es war aber auch der Moment, in dem die radikale Gegenbewegung in den USA geboren wurde, sagt Carole Joffe, Soziologie-Professorin an der University of California in San Francisco.

Radikale Gruppierung entstand

Damals, 1973, entstand plötzlich eine sehr aktive Gruppe von Abtreibungsgegnern, finanziert von der katholischen Kirche, später auch von evangelischen Kirchen und orthodoxen Juden. Es war das perfekte Thema, um konservative Kräfte gegen die linkspolitischen Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre zu mobilisieren, sagt die Professorin.

Bald zeigte sich, dass die Abtreibungsgegner eine äusserst disziplinierte und engagierte Gruppe seien, sagt Joffe. Die Republikaner merkten, dass ihnen das enorme Vorteile bringen könnte. Sie umarmten die Abtreibungsgegner, gaben ihnen zunehmend Einfluss, bis sie unter Präsident George W. Busch wichtige Stellen in der Regierung besetzen durften.

Mehrheit für Legalität

Umfragen zeigen zwar, dass die Mehrheit der US-Wählerschaft will, dass Abtreibung legal bleibt. Doch in einem Land, wo deutlich weniger als die Hälfte der Menschen bei Parlamentswahlen zur Urne gehen, können aktive Minderheiten ihre Agenda durchbringen, sagt die Soziologin. Gegen den Schwangerschaftsabbruch zu sein ist für konservative Politiker in den USA zum Lackmustest geworden.

Das funktioniere auch, weil es um mehr gehe, als um den Glauben an die Unantastbarkeit des Lebens sagt Carole Joffe, die die Debatte seit Jahrzehnten verfolgt. Abtreibungsgegner bekämpften auch die Verhütung, die sexuelle Aufklärung, Frauengesundheits-Zentren. Es gehe immer noch um den Kampf der Geschlechter, darum, welchen Platz Frauen in der Gesellschaft einnehmen.

Keine Diskussion

All das kümmert Erika Hayworth nicht. Sie sitzt an diesem sonnigen Morgen vor der Klinik, in der Hoffnung, Frauen im letzten Moment umzustimmen. Sie will nicht über das Recht der Frau über ihren Körper diskutieren. Für sie ist der Fall eindeutig: Es ist nie richtig, ein Leben zu nehmen, es ist nie gut sagt sie. Wieder nähert sich eine Frau dem Eingang.

«Bitte, es ist ein Mensch, wenn es reden könnte würde es sagen: Mami töte mich nicht! Schau auf das Ultraschall-Bild und hör auf dein Herz, bitte töte dein Baby nicht!» Die Frau verschwindet in der Klinik, die Tür geht zu.

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24 Kommentare

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  • Kommentar von A.Käser, Zürich
    Es muss ein unglaublich befriedigendes Gefühl sein,Macht über andere auszuüben und ihnen den eigenen Willen aufzwingen zu können.Jede Theorie ist gerade gut genug um zu proklamieren,was zu tun und zu lassen ist.Einstehen für das"Leben"ist das Eine.Die Verantwortung dafür übernehmen,das andere.Einer Frau,gegen ihren Willen ein Kind "aufzuzwingen"bedeutet,sie gegen ihr eigenes Verantwortungsbewusstsein in die Abhängigkeit ihres Umfeldes zu zwingen.Geschieht über Sex.Wie ist das beim Mann?
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  • Kommentar von h. anni, zürich
    Männer, ihr habt in dieser Frage gar nichts zu sagen, denn wenn Frau abtreibt, hat allenfalls sie einen lebenslangen Gewissenskampf! Bei einer Vergewaltigung würde ich ein Kind NIEMALS ausgetragen, denn meine Seele würde ermordet und ich brächte es nicht fertig, diesem Kind eine gute Mutter zu sein. Jedoch würde ich dann auch auf den Ultraschall verzichten, denn wenn man mal die Finger, Füsse etc. gesehen hat, fällt es bestimmt sehr schwer dieses Leben zu vernichten, denke ich jedenfalls.
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    1. Antwort von Oliver Affolter, Wädenswil
      Eine Frau wird nicht nur einen lebenslangen Gewissenskampf haben, sondern auch psychisch und ev. auch körperlich unter vollzogenen Abtreibung zu leiden haben. - Eine Vergewaltigung ist schlimm, aber auch ein solches Kind hat ein Recht auf Leben, dafür gibt es die Möglichkeit der Adoption. - Und wenn man ungeborene Kinder im Ultraschall sieht und sie dann trotzdem umbringt ... grauenhaft!
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    2. Antwort von Fabian Müller, Zürich
      @ Oliver Affolter: Ihr Kommentar ist ziemlich traurig und respektlos. Eine solche Aussage kann auch nur ein Mann machen. Ich bin überrascht, dass Sie nicht den berühmten Satz eines Republikaners zitiert haben: "Bei einer Vergewaltigung wird die Frau nicht Schwanger wenn Sie es nicht will!" Danach wurde er sogar von den konservativen Republikanern zum Rücktritt aufgefordert.
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    3. Antwort von h. anni, zürich
      @Affolter Ja, eine Vergewaltigung ist schlimm und eigentlich hätte der Vergewaltiger kein Recht mehr auf Leben. Schon gar nicht, wenn dann der Frau auch noch aufgezwungen werden soll, dieses Kind 1. auszutragen und 2. aufzuziehen, damit sie auch ja ihr bereits seelisch zerstörtes Leben lang niemals vergisst und ihr jeden Tag das Gesicht des Vergewaltigers vorgehalten wird. Pfui Teufel, so kann nur ein heuchlerischer Mann reden!! Sie haben absolut keinen Respekt vor den Frauen so sieht es aus.
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    4. Antwort von A.Käser, Zürich
      @O.Affolter/Und was ist mit jenen die vom Schreibtisch aus,das Töten via Krieg,Ausbeutung,Beherrschung anordnen?Was mit jenen,die dem"ach so wertvollen Leben"wenn es dann mal hier ist,jede Unterstützung verweigern?Vielleicht ist ja dieses"keimende Leben"möglicherweise nicht leistungsfähig oder sogar böse,gewalttätig,hat Freude an Vernichtung.Leben ist Liebe.Liebe ist frei und kann nicht VERORDNET werden.Begreifen dies irgend wann mal endlich auch alle"religiösen Lebens- und Liebes-Vernichter"?
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    5. Antwort von A. Maag, Zürich
      @h. anni, zürich: wie schon treffend gesagt wurde: "Wenn jemand ein Kind abtreibt, vor allem in einem Entwicklungsstadium, in welchem das Kind in einem Brutkasten überleben würde, und sich einredet, er habe nicht getötet, der ist schizophren."
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  • Kommentar von Oliver Affolter, Wädenswil
    Leben ist wertvoll. Ein Leben ist wertvoll. Ein Menschenleben ist wertvoll. Ein Menschenleben ist zu wertvoll, um es einfach weg zu machen. Ein Menschenleben ist zu wertvoll, um ihm einfach das Lebensrecht zu nehmen. Ein Menschenleben ist zu wertvoll, um ihm einfach das Lebensrecht zu nehmen und ihm durch eine Abtreibung ein Ende zu setzen.
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    1. Antwort von A.Käser, Zürich
      @O.Affolter/Und wie verhält sich unsere Gesellschaft diesem wertvollen Leben gegenüber?"Trotz der feierlichen Lobpreisungen des Werts des menschlichen Lebens und der individuellen Freiheit,behandelt die Gesellschaft in ihrer einseitigen Besessenheit von Macht,Sex und Geld sowie der damit verbundenen Notwendigkeit,sich jeden Augenblick von jeglichem Kontakt mit dem Tod oder dem wirklichen Leben abzulenken den Mensch als wertloses Objekt."Und unter diese"Umständen"sollte Liebe erkannt werden?
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