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Deutschland und Frankreich Vernunftehe unter Beschuss

Eine Liebesbeziehung ist sie nicht, aber der Schlüssel für den Zusammenhalt Europas: Die Beziehung Deutschland-Frankreich. #SRFglobal mit einer Bestandsaufnahme – und einer Einschätzung, was eine Präsidentin Le Pen für diese Beziehung bedeuten würde.

Legende: Video Die Angst vor Deutschland abspielen. Laufzeit 00:47 Minuten.
Aus SRFglobal vom 03.05.2017.

Die französische Journalistin und ehemalige Auslandkorrespondentin von «Le Monde», Cécile Calla, lebt seit Jahren in Berlin und erinnert sich noch gut an die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung. Das jahrelange Gleichgewicht zwischen Deutschland und Frankreich war plötzlich gestört: «Französische Magazine zeigten kurz nach der Wiedervereinigung den deutschen, aggressiven Adler auf dem Cover und symbolisierten damit die Angst, die viele vor dem grossen wiedervereinigten Deutschland hatten.»

Bildschirm in TV-Regie
Legende: Le Pen und die Beziehung Frankreich-Deutschland Die französische Journalistin Cécile Calla über Deutschland-Frankreich und Marine Le Pen. SRF

Der Vertrag von Maastricht, der gemeinsame Wirtschaftsraum und die Einführung des Euro nahmen den Franzosen die Ängste, Deutschland würde einen eigenen Weg gehen und Europa wieder dominieren. Die Franzosen rechneten es den Deutschen hoch an, dass sie ihre heissgeliebte D-Mark aufgaben.

Alte Ängste - neue Parolen

Die Eurokrise und das immer grösser werdende Gefälle zwischen Deutschland und Frankreich bringen jetzt aber diese alten Ängste wieder hoch. Ängste, welche die Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen geschickt bewirtschaftet.

SRF-Deutschlandkorrespondent Adrian Arnold begegnete Marine Le Pen anfangs dieses Jahres in Koblenz und war schockiert, wie aggressiv Le Pen gegen Deutschland und Kanzlerin Angela Merkel aufspielt: «Das heutige Europa ist ein Europa Deutschlands, wo alles durch Deutschland entschieden wird, im Interesse Deutschlands und zum Nachteil von vielen Nachbarländern. (..) Der Euro ist eine deutsche Währung, keine europäische. (..) Wir wollen keine Europapolitik, die uns Frau Merkel mit dem Knüppel aufzwingt.»

Sie will alte germanophobe Reflexe revitalisieren. Ich glaube aber nicht, dass sie damit noch viele Franzosen wirklich erreichen kann.
Autor: Cécile CallaFranzösische Journalistin über Marine Le Pen

Cécile Calla sieht darin einen Versuch, alte Ängste hervorzuholen: «Sie will alte germanophobe Reflexe revitalisieren. Ich glaube aber nicht, dass sie damit noch viele Franzosen wirklich erreichen kann.» Vor der Wirtschaftsmacht Deutschland aber haben laut Calla viele Franzosen Respekt oder sogar Angst und da gibt es dann eben doch durchaus etwas fruchtbaren Boden für Le Pens Parolen aus der Mottenkiste der Geschichte.

Pickelhaube und «Krankreich»

Auch die französische Presse ist nicht zimperlich, wenn es um Anti-Deutschland-Reflexe geht: Mit den Schlagworten «Immigration und Terrorismus» versehen, wurde Angela Merkel als «bösartige Gottheit Europas» betitelt. Und bei der politischen Gegenseite, bei der links-radikalen «Marianne», wurde die Kanzlerin mit preussischer Pickelhaube gezeigt, die Europa ihre Politik diktiere.

Legende: Video Deutschland lässt niemanden kalt abspielen. Laufzeit 00:50 Minuten.
Aus SRFglobal vom 03.05.2017.

«Deutschland lässt sicherlich niemanden kalt in Frankreich», meint SRF-Frankreichkorrespondent Michael Gerber und verweist auf die Faszination, die die deutsche Wirtschaftsleistung und konsequente Reformpolitik auf viele Franzosen ausübt. «Kritische Stimmen am rechten und linken Rand aber sehen in Deutschland ein Symbol für die Schreckensherrschaft über ganz Europa, die sehen Angela Merkel als dominierende Person, die ganz Europa ihren Sparzwang aufdrängt, die auch Frankreich bremst und den ohnehin schon stotternden Wirtschaftsmotor abmurkst.»

Schlagzeile
Legende: Aus Frankreich wird KRANKreich Schlagzeilen der deutschen BILD-Zeitung. SRF

Und da ist es sicherlich auch nicht hilfreich, wenn der deutsche Boulevard Frankreich konsequent immer wieder als «Krankreich» tituliert und schon fast hämisch auf die schleppenden Reformanstrengungen der französischen Regierung verweist.

Die Beziehung der beiden Länder im Zentrum Europas ist keine einfache. Schwächelt die Beziehung Frankreich-Deutschland oder gerät gar in eine tiefe Krise, dann kommt ganz Europa ins Wanken. Und dies wäre wohl mit einer Präsidentin Le Pen der Fall, damit rechnen die meisten Beobachter. Sollte sich Frankreich von Europa und von Deutschland abwenden, dann wäre die EU in der heutigen Form wohl bald Geschichte.

Freund ist man nicht, man wird es

An der Beziehung Frankreich-Deutschland muss also kontinuierlich gearbeitet werden. Denn wie schon François Hollande sagte: «Man ist nicht Freund, man wird Freund.»

Legende: Video Zwei Länder - zwei Freundinnen abspielen. Laufzeit 03:20 Minuten.
Aus SRFglobal vom 03.05.2017.

Heute ist die Beziehung der beiden Länder eher «eine Vernunftehe und keine Liebesgeschichte» meint auch Cécile Calla. Die Beziehung braucht Pflege und dies nicht nur auf der politischen Bühne: Eine zentrale Rolle spielt dabei das deutsch-französische Jugendwerk: 200‘000 Jugendliche aus Deutschland und Frankreich können sich gegenseitig kennenlernen. Aus diesem Jugendaustausch entstehen immer wieder dauerhafte Freundschaften, wie das Beispiel von Lucie Rebaï und ihrer deutschen Freundin Laura Keller in #SRFglobal zeigt, die seit dem Austausch eng befreundet sind. So wird im Kleinen aus der Beziehung schnell mehr als nur eine Vernunftehe.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von martin blättler (bruggegumper)
    Charles De Gaulle:Staaten haben keine Freunde-sie haben Interressen. Die Franzosen haben nun mal andere Interressen als die Deutschen.
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  • Kommentar von Marcel Chauvet (xyzz)
    Angst vor Deutschland? Das ist doch reine Panikmache. Z.B. der Handel: Frankreich ist nicht nur Importeur, sondern auch Exporteur und braucht daher D als Abnehmer. Export 2016:489 Mrd.US$, Import 2016: 561 Mrd.US$, Defizit: 72 Mrd.US$, Defizit im Handel mit D: 16 Mrd.US$. Dass F um diese 16 Mrd. ein solches Gewese macht, ist mir unverständnlich. Wenn überhaupt, dann müsste F das Defizit im Außenhandelt mit China (-33 Mrd.US$) ins Visier nehmen.
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  • Kommentar von Mike Grund (Mike)
    Ich sehe ein Deutschland, dass der europäischen Wirtschaft und diversen Ländern auch auf politischer Ebene sagen will, wo es lang geht. Ich sehe Deutschland, welches wieder Militärausgaben von über 40 Miliarden US Dollar pro Jahr hat. Mit welcher Legitimation es dies nach von ihm verursachten zwei Welkriegen hat, ist mir schleierhaft und unfassbar. Ich hoffe, dass früher oder später die "richtigen" Führungsländer in Europa (für mich Frankreich und Grossbritanien) Verantwortung übernehmen.
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    1. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      Verehrtester, Sie fragen nach der Legitimation der deutschen Militärausgaben? Wenn es nach Trump und der NATO geht, müsste Deutschland 2 % seines BIP für Militär ausgeben. Die von Ihnen genannten 40 Mrd.US$ sind da ein lächerlicher Betrag, 2 % machen das doppelte, also über 70 Mrd. EURO (nicht nur US$) aus, das wird wie gesagt von den USA und den NATO-Ländern gefordert und sie würden darüber hoch erfreut sein, wenn Deutschland dieses Ziel erreichen würde.
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