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International Vom «Schlamm-Catchen» in die Hofburg

Am Sonntag wählt Österreich einen neuen Bundespräsidenten. Die letzte Woche vor der Entscheidung war geprägt von der Debatte über ein völlig verunglücktes TV-Duell der beiden Kandidaten. Einer Beschimpfungs-Orgie voller gegenseitiger Verachtung und Beleidigungen.

Legende: Video So gingen die Kontrahenten aufeinander los abspielen. Laufzeit 3:17 Minuten.
Vom 20.05.2016.

Das Amt des Bundespräsidenten hätten Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen beschädigt, klagten Beobachter des Wahlkampfes in Österreich diese Woche. Die «Kronen Zeitung» konstatierte «unterstes Niveau». «Und die wollen in die Hofburg?», fragte das für gewöhnlich selbst wenig zimperliche Boulevardblatt.

Hohn, Spott und gegenseitige Verachtung

Es waren die Reaktionen auf ein denkwürdiges TV-Duell, Link öffnet in einem neuen Fenster am Pfinstsonntag. , Link öffnet in einem neuen FensterDer Privatsender ATV hatte Hofer und Van der Bellen während 45 Minuten in einem leeren Studio und ohne Vorgaben debattieren lassen. Einen Moderator gab es nicht. «Wir versprechen, dass wir uns gut benehmen werden», versprach Norbert Hofer eingangs noch. Doch bald lief alles aus dem Ruder.

Legende: Video Der bereits legendäre «Wischer» abspielen. Laufzeit 0:33 Minuten.
Vom 19.05.2016.

Da waren nur noch Spott, Hohn und gegenseitige Verachtung. Hofer bezeichnete seinen Kontrahenten als Kandidaten der Schickeria und «Lebensverlängerer des Systems». Van der Bellen reagierte auf eine Provokation seines Kontrahenten mit einer mittlerweile landesweit bekannten «Scheibenwischer»-Geste. Verunglimpfungen wie «Nachplapperer», «Lügner» oder «Schweinerei» schlugen sich die beiden Kandidaten in der Folge um die Ohren.

«Amt des Bundespräsidenten beschädigt»

Einen wesentlichen Teil der Sendung nahmen Vorwürfe darüber ein, was jeweilige Unterstützer des anderen in sozialen Netzwerken an Beleidigungen gepostet hatten. Zu einer inhaltlichen Debatte über Themen wie das Verhältnis zur EU, die Bekämpfung der Rekordarbeitslosigkeit und die Flüchtlingskrise kam es kaum.

Van der Bellen und Hofer an einem Tisch in leerem TV-Studio
Legende: «Inhaltliche Debatte pur» sollte das ATV-Fernsehduell bieten. Ohne Moderator, ohne Vorgaben. Es wurde zum Debakel. Keystone

Die Reaktionen auf das «rhetorische Freistilringen», wie die Agentur APA das Duell in der Folge bezeichnete, waren verheerend. Auch von einem «Schlamm-Catchen» war die Rede. Beide Kandidaten hätten sich auf Kindergartenniveau blamiert und das Amt des Bundespräsidenten beschädigt, sagte der Politikberater Thomas Hofer. In traditionellen und sozialen Medien wurde das missratene TV-Duell heftig diskutiert.

Van der Bellen bedauert, Hofer findet's in Ordnung

Die Kandidaten selbst werteten das aus dem Ruder gelaufene TV-Duell rückblickend unterschiedlich. Für die «Scheibenwischer-Geste» mochte sich Alexander Van der Bellen zwar nicht entschuldigen. Angesichts der gegenseitigen Verunglimpfungen sehe er keinen Anlass für eine einseitige Entschuldigung, sagte der unabhängige Kandidat.

Legende: Video So bewerten die Kandidaten das Duell im Rückblick abspielen. Laufzeit 0:38 Minuten.
Vom 20.05.2016.

Allerdings räumte der 72-Jährige ein, dass einiges schiefgegangen sei: «Wir sind entgleist», sagte er am Donnerstagabend in einer Debatte beim ORF: «Da ist einiges schief gegangen. Wir haben dem Gegenüber zuwenig Respekt gezeigt und uns teilweise nicht ganz präsidentiell verhalten.»

Norbert Hofer, ansonsten als das «freundliche Gesicht» der rechtspopulistischen FPÖ bekannt, vermochte der Kritik weniger abzugewinnen. «Wir sind am Höhepunkt des Wahlkampfes [...] und wenn man da zwei Gladiatoren in eine Arena sperrt, kann es schon passieren, dass die beiden etwas heftiger miteinander diskutieren

Rückkehr zu präsidialerer Rhetorik

Unter Leitung von Moderatorin Ingrid Thurnher verlief das letzte Aufeinandertreffen vor laufenden Kameras, Link öffnet in einem neuen Fenster dann – zumindest in der Wortwahl – wieder deutlich gesitteter, ja geradezu staatstragend. Heftig gestritten wurde dennoch. Einmal mehr wurde ausführlich über das Amtsverständnis des Bundespräsidenten debattiert. Und Norbert Hofer zoffte sich mit der ORF-Moderatorin über die Darstellung eines angeblichen Attentats, das der FPÖ-Kandidat während einer Israel-Reise beobachtet haben will.

Die erste Auslandsreise als Bundespräsident dürfte Hofer dann in die Schweiz führen. Diese Absicht bekräftigte der Verfechter von mehr direkter Demokratie auch im ORF-Duell. Und tatsächlich stehen die Chancen dafür ziemlich gut: Die letzte Umfrage vom 12. Mai sah Hofer mit 53 Prozent der Stimmen vor Van der Bellen. Die Entscheidung fällen 6,4 Millionen Wahlberechtigte am Sonntag.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Jana Vilim (Jana Vilim)
    Kommentar von Peter Gnam in der Kronen Zeitung vom 17.5.: "Da sind zwei aufeinander getroffen, die sich nicht unter Kontrolle hatten, die fast schon cholerisch auf jeden Untergriff mit einem noch ärgeren zurückgeschlagen haben." Wichtiger als die gesprochenen Worte sind dann der Tonfall und die Mimik. Besonders interessant war dabei der blanke Hass, der Van der Bellen aus jeder Falte seines Gesichtes zu sickern schien, insbesondere, wenn es sich zu einem sarkastischen Lächeln verzog.
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  • Kommentar von Rolf Bolliger (robo)
    Auch ich habe das Gespräch gesehen. Natürlich wären etwas stillere und emotionslosere Momente gewünscht gewesen! Nur, wer heute ich der Politik "Klartext" spricht, dem anderen seine Abneigungen zeigt und die Antworten des Gegners dementsprechend ausfallen, spricht man (vorallem die FPOe-Hasser-Gilde) sofort von einer unwürdigen Schlammschlacht! Ueberlassen wir es den Oesterreichern, wer sie in die Wiener Hofburg schicken wollen!
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    1. Antwort von Niklaus Bächler (SVP-Hinterfrager)
      Dass sie Freude daran finden, wenn ein Rechtspopulist solche Phrasen drischt, weiss ich zur Genüge. Doch noch trauriger ist es, dass die Bürger an solchen fremdenfeindlichen Sprüchen Gefallen finden und diese billigste Politik eines Herr Hofer nicht zu durchschauen vermögen. Dies beunruhigt den verantwortungsvollen, mündigen Bürger. Manchmal zweifele ich nicht nur an der Intelligenz solcher Politiker, sondern denke, dieser muss sich wohl dem bescheidenen Niveau seiner Anhänger anpassen!
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  • Kommentar von M. Jaeger (jegerlein)
    Wann waren da die Beschimpfungen??? Habe alles angesehen und nichts boshaftes entdeckt. Ein normales Streitgespräch war das und erst noch eines der harmloseren Sorte. Was sind wir eigentlich für Mimöschen geworden wenn wir das als Beschimpfung bezeichnen?
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    1. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      Ich finde, dass die österreichische Diskussionskultur, verglichen mit der in der Schweiz grundsätzlich unter aller Kanone ist. Diese zwei Buben sollten doch, wenn sie schon das höchste Staatsamt anstreben, dem werten Publikum ein "bisserl" was über ihre Vorhaben und Ziele sagen. Beschimpfen können Sie sich ja unter Ausschluss der Öffentlichkeit, auf der Toilette wo man sich meistens anschließend wieder begegnet. Das wäre dann das richtige Ambiente, nicht auf der Bühne im vollen Rampenlicht.
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