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Rafsandschani ist tot Von der rechten Hand Chomeinis zum Reformer

Der verstorbene iranische Ex-Präsident Rafsandschani galt als ein Architekt der iranischen Revolution, wurde später aber zum Reformer.

Legende: Audio «Ein moderater Politiker und Kleriker» abspielen.
2:16 min, aus HeuteMorgen vom 09.01.2017.

SRF News: Welche Bedeutung hatte Akbar Haschemi Rafsandschani für Iran?

Iren Meier: Rafsandschani prägte die Geschicke Irans während der letzten fast 40 Jahre in entscheidender Weise. So spielte er bei der islamischen Revolution im Jahr 1979 eine zentrale Rolle. Danach war er ein relativ moderater Politiker und Kleriker, der sich schliesslich auf die Seite der Reformer schlug.

Legende: Video Rafsandschani ist tot abspielen. Laufzeit 0:22 Minuten.
Aus Tagesschau Spätausgabe Wochenende vom 08.01.2017.

Was war sein Beitrag zur Islamischen Revolution in Iran?

Rafsandschani war ursprünglich ein Schüler von Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini und am Sturz des Schahs beteiligt. Nach der Revolution war er ein enger Vertrauter Chomeinis. Er galt als mächtigster Politiker und Kleriker hinter dem Revolutionsführer. Rafsandschani war eines der wichtigsten Gesichter der Revolution: Von 1980 bis 1989 war er Parlamentspräsident der neuen Islamischen Republik. Während acht Jahren, von 1989 bis 1997, war er Staatspräsident und von 2007 bis 2011 leitete er den Expertenrat. In den frühen Jahren der Islamischen Republik wurden unter Rafsandschani Oppositionelle und Gegner der Revolution verfolgt, es kam auch zu Menschenrechtsverletzungen. Ausserdem war Rafsandschani massgeblich an der Beendigung des jahrelangen irakisch-iranischen Krieges beteiligt. Dieser dauerte von März 1980 bis August 1988 und forderte Hunderttausende Tote auf beiden Seiten.

Da wurde deutlich, dass sich Rafsandschani von den Hardlinern absetzte.

Später wandelte sich Rafsandschani vom Konservativen zum Reformer: Wie hat sich das konkret gezeigt?

Schon in seiner Zeit als Präsident sah man, dass Rafsandschani das Land öffnen wollte. Er unterstützte seinen Nachfolger im Präsidentenamt, den Reformer Mohammed Chatami und nahm eine klare Position gegen den darauf folgenden Präsidenten und Hardliner Mahmud Ahmadinedschad ein. Da wurde deutlich, dass sich Rafsandschani von den Hardlinern und Konservativen absetzte. In aller Deutlichkeit und öffentlich tat er dies 2009, als er die Protestbewegung und die Opposition unterstützte. Diese forderten mehr Demokratie in Iran, doch die Bewegung wurde vom staatlichen Machtapparat brutal niedergeschlagen. Danach unterstützte Rafsandschani bis zu seinem Tod ganz offen Präsident Hassan Rohani und dessen Reformpolitik. Auch war der Ex-Präsident entschieden für das Atomabkommen mit den USA, das zu einem Ende der jahrelangen Sanktionen des Westens gegen Teheran führen soll. Eine Rolle könnte hier auch gespielt haben, dass Rafsandschani einer der reichsten Männer Irans war – er machte sein Geld unter anderem mit Pistazien, auf denen er nahezu ein Monopol hatte.

Rafsandschani, ein Mann mit weissem Turban, wirft den Stimmzettel in die Plastikurne, hinter ihm ein grosses Wandbild von Ajatollah Chomeini.
Legende: Rafsandschani bei der Stimmabgabe 2012 – unter den Augen des verstorbenen Revolutionsführers Chomenei. Reuters

Präsident Rohani will bei der Präsidentenwahl im Mai nochmals antreten. Schwächt der Tod Rafsandschanis jetzt Rohanis Wahlchancen?

Diese Gefahr besteht tatsächlich. Präsident Rohani und die Reformer verlieren einen ihrer einflussreichsten Alliierten. Rohani steht unter grossem Druck. Seine Gegner im Regime machen Stimmung gegen ihn und versuchen, seine Reformen zu bremsen, wo sie nur können. Rafsandschani wird dem Land auch als vermittelnde Stimme zwischen den Lagern fehlen. Obwohl er mit Revolutionsführer Ali Chamenei politisch gebrochen hatte, bestand weiterhin eine Brücke zwischen den beiden Männern – und damit eine Brücke zwischen den Lagern.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

Iren Meier

Porträt Iren Meier

Iren Meier ist SRF-Auslandredaktorin mit dem Spezialgebiet Türkei. Sie war von 2004 bis 2012 Nahost-Korrespondentin und lebte in Beirut. Von 1992 bis 2001 war sie als Osteuropa-Korrespondentin tätig – erst in Prag, dann in Belgrad.

8 Kommentare

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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Ali Akbar Hashemi Rafsanjanis Spitzname war "Kuseh", das heisst "Hai" wie auch "bartlos". Für einen Mullah hatte er einen schwachen Bart. Er war schlau, und er konnte grausam sein wenn es seine Interessen verlangten. Aber er war immer berechenbar. Sein Widerpart wird fehlen, denn er war eine Opposition im Rahmen des Möglichen. Opposition wie man sie im "Westen" versteht ist nicht möglich, die sitzt im Evin-Gefängnis. Deshalb wird er den Iranern fehlen.
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    1. Antwort von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
      2) Nicht weil er so guter Mensch war, sondern weil er einen kleinen Spalt geöffnet hat, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. Das ist zwar noch nicht Freiheit, aber zumindest eine Idee davon.
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  • Kommentar von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
    Schade um einen lernwilligen und lernfähigen Mann. Die politische Geschichte zeigt leider, dass solche Situationen gerne von Gegnern solcher Leute tat- und in diesem Fall wohl schlagkräftig ausgenutzt werden. Eine erneute Eskalation des innerislamischen Konflikts ist deshalb zu befürchten.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Ein objektiver, sachlicher Bericht aus dem Iran. Danke an die Auslandkorrespondentin Iren Meier, die sachlich schreibt und auf Polemik und versteckte Anschuldigungen verzichtet - einmal mehr.
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