Fünf Szenarien Warum kein Weg aus der Korea-Krise führt

Wie könnte der Konflikt mit Nordkorea gelöst werden? Wir haben die verschiedenen Szenarien unter die Lupe genommen.

Video «Nordkorea droht mit Angriff auf Guam» abspielen

Nordkorea droht mit Angriff auf Guam

2:08 min, aus Tagesschau vom 10.8.2017

Die Nordkorea-Krise ist eine Bedrohung für weite Teile der Welt. Die Gefahr besteht, dass der Konflikt eskaliert, bis hin zu einem veritablen Krieg, allenfalls gar mit Atombomben. Es wäre also dringlich, Wege zu finden, um die Wogen zu glätten. Doch das ist schwierig. Was wäre überhaupt denkbar?

  • Noch härtere Sanktionen

Der naheliegende Weg, den man bisher meistens gewählt hat. Die Sanktionsschraube wurde zwar seit 2006 immer weiter angezogen, zunächst nur geringfügig, in jüngster Zeit stärker. Unbestritten ist, dass die Sanktionen dem Regime in Pjöngjang das Leben schwerer machen. Aber offenkundig ist ebenfalls, dass sie es nicht von seinem Ziel abgebracht haben, Atombomben herzustellen. Es gäbe durchaus noch Möglichkeiten, die Massnahmen zu verschärfen, etwa indem Nordkorea von den internationalen Finanzströmen abgeriegelt würde.

Bewertung: Selbst wenn die UNO noch härtere Boykotte beschlösse: Das Kim-Regime wird weitermachen mit seinem Raketen- und Atomprogramm. Es ist seine Überlebensversicherung. Seine einzige. Das Programm hat absolute Priorität. Auch wenn der wirtschaftliche Handlungsspielraum enger wird, wird Pjöngjang genügend Mittel zusammenkratzen, um sich seine Drohpolitik weiter leisten zu können. Eher lässt Pjöngjang seine Bevölkerung noch stärker leiden, als dass es darauf verzichtet. Ausserdem: Vor allem China und Russland setzen bisher die Sanktionen nicht konsequent durch. Anzeichen, dass sich das bald ändert, gibt es nicht.

  • Ein militärischer Angriff

US-Präsident Donald Trump scheint damit zu liebäugeln. Doch seine Generäle und auch die meisten US-Aussenpolitiker sehen dies nicht als realistische Option. Obschon die nordkoreanische Armee kein starker Gegner wäre und sich vermutlich innerhalb von Tagen besiegen liesse.

Bewertung: Die «Kollateralschäden» eines US-Angriffs wären enorm, und zwar nicht nur in Nordkorea selber, sondern vor allem auch bei den amerikanischen Alliierten Südkorea, Japan oder Taiwan. Nordkorea besitzt vermutlich über Dutzende von Raketenabschuss-Standorten und über hunderte von Artilleriestellungen. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass sie sich allesamt mit einem massiven US-Angriff ausschalten liessen.

Das heisst: Nordkorea wäre noch imstande, unzählige Raketen oder Artilleriegeschosse auf seine Nachbarländer abzufeuern und dort ein Blutbad mit hunderttausenden von Toten anzurichten. Möglicherweise könnte es gar radioaktives Material einsetzen, wenn auch nicht in Form einer fixfertigen Atombombe. Die südkoreanische Hauptstadt Seoul liegt nur wenige Dutzend Kilometer von der Grenze entfernt. Also: Ein Militärangriff hätte unabsehbare Folgen und fällt als vernünftige Variante ausser Betracht.

  • Verhandlungen

China plädiert seit langem für eine Rückkehr zu den sogenannten Sechsergesprächen (Nordkorea, Südkorea, USA, China, Japan, Russland). In einer derart angespannten Lage wie gerade jetzt, wäre es sicher von Vorteil, wenn die Beteiligten wenigstens miteinander sprächen, wenn sie sich in einem permanenten Verhandlungsprozess befänden.

Video «Insel Guam als Angriffsziel» abspielen

Angriffsziel Guam

0:53 min, aus Tagesschau am Mittag vom 10.8.2017

Bloss: Alle müssten mitmachen wollen. Die USA machen für ihre Beteiligung die – durchaus verständliche – Vorbedingung, Nordkorea solle zunächst seine Raketen- und Atomtests einstellen. Nordkorea verweigert das. Und signalisiert, es sei im Moment an Verhandlungen gar nicht interessiert. Zumal das Atomprogramm gar nicht zur Disposition steht. Allenfalls, so signalisiert Pjöngjang seit Jahren, möchte man direkte Verhandlungen auf Augenhöhe mit der Supermacht USA.

Bewertung: Eine neue Verhandlungsrunde hat zurzeit wenig Chancen. Denn Nordkorea will zuerst mal eine voll funktionstüchtige und einsetzbare Atombombe haben, mit der es auch die USA angreifen kann, bevor es in substanzielle Gespräche einwilligt. Und selbst wenn man irgendwann wieder miteinander spricht, wird kaum das erwünschte Ergebnis herauskommen. Denn für das Kim-Regime sind seine Bomben und Raketen nicht verhandelbar.

  • China macht Druck

Peking hätte es in der Hand, den nordkoreanischen Machthabern das Leben noch viel schwerer zu machen. Es könnte wohl denn Druck genügend erhöhen, um in Pjöngjang einen Sturz des Regimes zu provozieren. Bloss: China ist zwar das nordkoreanische Atomprogramm ein Dorn im Auge. Es ist verärgert über die ständigen Provokationen aus Pjöngjang, die dazu führen, dass die USA ihre militärische Präsenz im Westpazifik erhöhen. Aber noch viel weniger als nordkoreanische Atombomben will Peking einen Regimewechsel in Pjöngjang.

Denn nach einem solchen verlöre es höchstwahrscheinlich seinen Allianzpartner. Die beiden Korea könnten wiedervereinigt werden, mit Südkorea, einem US-Alliierten, als Seniorpartner. Chinas Schreckensvorstellung: Ein vereinigtes, nicht China-freundliches, vielmehr pro-amerikanisches Korea mit US-Truppen an der chinesischen Grenze.

Bewertung: China wird den Druck auf Nordkorea bestenfalls moderat und damit weitgehend wirkungslos erhöhen. Solange das Verhältnis zwischen der etablierten Supermacht USA und dem aufstrebenden China von Rivalität, Misstrauen und gar Feindseligkeit geprägt ist, wird China dem Kim-Regime nicht in den Rücken fallen. Und auf eine harmonischere chinesisch-amerikanische Partnerschaft deutet derzeit nichts hin.

  • Nichts tun

Einfach mal abwarten. Nordkorea wird – eher früher als später – einen funktionsfähigen Atomsprengkopf haben und imstande sein, diesen auf eine Interkontinentalrakete zu pflanzen. Es wird also voll und ganz eine Atommacht sein. Die restliche Welt wird das verbal heftig kritisieren, aber zusehen und allenfalls die Sanktionen homöopathisch verschärfen. Die Bedrohung durch das zwar nicht irrational handelnde, aber trotzdem schwer berechenbare Regime wird also bleiben. Die Nordkoreaner werden weiter unterdrückt werden. Viele von ihnen in bitterer Armut leben. Bis sie irgendwann imstande sind, die eigenen Machthaber in Pjöngjang zu stürzen.

Bewertung: Eine Lösung der Nordkorea-Krise kommt am ehesten von innen. Möglicherweise wird das aber noch Jahre dauern. Man sieht auch andernorts – von Syrien bis Venezuela – wie lange sich skrupellose Potentaten an der Macht halten können. Und völlig offen ist, ob das Kim-Regime irgendwann ganz einfach implodiert, ob es einen einigermassen friedlichen Machtwechsel gibt. Oder ob das Land zunächst in einen blutigen Bürgerkrieg schlittern wird.

  • Gesamtbilanz

So dringend eine rasche Lösung des Nordkorea-Konflikts ist, so unmöglich scheint es zurzeit, sie zu finden. Einstweilen gibt es nur unterschiedlich schlechte Szenarien.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Kriegsrhetorik zwischen Trump und Kim

    Aus Tagesschau vom 9.8.2017

    Die Rhetorik wird immer aggressiver im Atomstreit zwischen Nordkorea und den USA. US-Präsident Trump und der nordkoreanische Führer Kim drohen sich gegenseitig. Ein Schweizer Sicherheitsexperte und US-Korrespondent Thomas von Grünigen schätzen ein.