Was tun gegen die Parallelwelt in Grossbritannien?

Die Übergriffe auf Frauen in Köln heizen die Debatte an, wie mit Einwanderern umgegangen werden soll, die völlig andere Wertvorstellungen haben. Das Problem kennt auch Grossbritannien: Dort wurden in den vergangenen Jahren massive Missbrauchsfälle durch Pakistaner bekannt.

Symbolbild: Eine verschleierte Frau geht vor einem Geschäft mit ausgestellten pakistanischen Frauenkleidern vorbei.

Bildlegende: Grossbritannien hat ein Problem mit den pakistanischen Parallelgesellschaften. Reuters

Wie geht man mit Gruppen um, die nicht genügend in die Gesellschaft integriert sind, völlig andere Wertvorstellungen haben und sich womöglich in einer Parallelgesellschaft abschotten? In Grossbritannien kennt man dieses Problem. So gaben letztes Frühjahr – nicht zum ersten Mal – schockierende Fälle zu reden, in denen sich Pakistaner über lange Zeit an jungen Britinnen vergangen hatten.

Aus Laxheit und aus Gründen falscher politischer Korrektheit habe Grossbritannien den Abschottungsprozess und die daraus entstehenden Probleme über Jahre ignoriert, sagt SRF-Korrespondent Martin Alioth. Immerhin scheint die Regierung das Problem erkannt zu haben. Doch konkrete Massnahmen zur Durchbrechung der Segregation der Gesellschaft seien nicht in Sicht, so Alioth.

SRF News: Weshalb haben Regierung und Behörden in Grossbritannien über Jahre weggeschaut und die brutalen Übergriffe von Pakistanern an jungen Britinnen nicht beim Namen genannt?

Martin Alioth: Aus Gründen der falsch verstandenen politischen Korrektheit. Man wollte um jeden Preis verhindern, dass die ethnische und religiöse Zugehörigkeit der Täter offengelegt wurde. Man wollte nicht öffentlich machen, dass es sich bei den Tätern mit überwältigender Mehrheit um pakistanische oder kaschmirische, muslimische Männer handelte und bei den Opfern um junge, weisse, oft minderjährige Britinnen. Das durfte aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen nicht ausgesprochen werden.

Der britische Premier David Cameron hat das Thema der schlecht integrierten pakistanischen Gemeinschaften im letzten Oktober am Parteitag aufgegriffen und angeprangert. Wie konnte es überhaupt zu dieser Segregation, zu solch abgeschotteten Parallelgesellschaften kommen?

Verantwortlich dafür sind wohl ganz natürliche, «unschuldige» Mechanismen: Die Vorfahren der heutigen Pakistani in Grossbritannien kamen Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre in den Norden Englands. In den Textilfabriken fanden sie Arbeit, sie siedelten sich in ihrer neuen Heimat gemeinsam an. Es wurden sogar eigens Quartiere für sie gebaut. Dabei ist jedoch keinerlei Böswilligkeit irgend einer Seite zu erkennen: Den Einwanderern war es recht, in eigenen Siedlungen und Quartieren zu wohnen, das Land war ihnen schon so fremd genug. Und auch die Einheimischen hatten dagegen nichts einzuwenden. Weil sich in den vergangenen Jahrzehnten an dieser Struktur nichts geändert hat, sind diese Parallelgesellschaften geradezu zementiert worden.

«  Die Parallelgesellschaften wurden in den letzten Jahrzehnten geradezu zementiert. »

Was sind die Hintergründe der sexuellen Übergriffe von Pakistani an jungen Britinnen?

Ich glaube, die Vorfälle haben sehr viel mit den Wertvorstellungen im ländlichen Kaschmir zu tun. Sie wurden von der britischen Gesellschaft und dem Schulsystem nicht hinterfragt, aufgeweicht oder widerlegt. Im Gegenteil: Im Geiste des bis vor rund zehn Jahren in England allseits akzeptierten Multikulturalismus, in dem alle alles dürfen und Parallelgesellschaften sogar ermutigt wurden, änderte sich an den Werten der Einwanderer und ihrer Nachkommen nichts. Anders als in vergleichbaren europäischen Ländern, in denen die Integration und Assimilierung von fremden Kulturen teils besser gehandhabt wurden.

In mehreren Prozessen hat man vor einigen Jahren damit begonnen, diese Fälle von Missbräuchen britischer Mädchen rechtlich aufzuarbeiten. Genügt das? Bräuchte es nicht auch eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Problem?

Die braucht es tatsächlich immer noch. Premier Cameron ist in seiner Rede im Oktober pointiert auf einige dieser Missstände eingegangen. Er sprach von Chancengleichheit, Rassismus, Integration und nannte als Beispiele Zwangsheiraten und genitale Beschneidungen. Das sind Praktiken, die nur aufgrund eines andersartigen Verständnisses von Familie oder der Rolle der Frau überhaupt vorkommen. Cameron versprach, diese abartigen Praktiken zu kriminalisieren und gesamtbritische Standards für die Gesellschaft durchsetzen zu wollen. Dies tangiert jedoch erneut das Strafrecht. Ob eine Rede des Premiers jedoch reicht, die Gesellschaft zu ermutigen, ihre Wertvorstellungen zu ändern und zu harmonisieren, wage ich zu bezweifeln. So könnte ich nun auch keine Massnahmen benennen, die inzwischen ergriffen wurden, um einer solchen Harmonisierung Vorschub zu leisten.

Das Gespräch führte Eliane Leiser.

Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.