Saudis verhandeln im Geheimen Welche Rolle spielt Israel im Katar-Konflikt?

Während Saudi-Arabien den Bruderstaat Katar in die Isolation drängt, verhandelt es laut einem Bericht der «Times» hinter geschlossenen Türen mit dem Erzfeind Israel. Was ist da geschehen? Einschätzung eines Politologen aus Doha.

Porträtaufnahme Baskans.

Bildlegende: Birol Baskan ist Experte für die Golfregion und lehrt an der Georgetown-Universität in Katars Hauptstadt Doha. ZVG

SRF News: Die britische «Times» hat berichtet, Saudi-Arabien und Israel führten geheime Wirtschaftsverhandlungen. Wie plausibel ist das?
Birol Baskan: Weil beide Länder die gleichen strategischen Ziele haben, überraschen mich die Meldungen über Geheimgespräche nicht. Überraschen würde mich bloss, wenn sie offen gelegt würden. Im Sicherheitsbereich verhandeln die beiden Länder schon seit einiger Zeit, allerdings nur hinter verschlossenen Türen. Eine Annäherung an Israel wäre für Saudi-Arabien wegen der Palästinenserfrage sehr heikel. Sie würde den Dschihadisten Munition liefern, um die Saudis anzugreifen. Deshalb müssen sie sie vorläufig geheim halten.

Welche strategischen Ziele verbinden die beiden Länder?

Seit den 1980er-Jahren ist Iran für Saudi-Arabien zum Problem Nummer eins geworden: Vor allem wegen seiner revolutionären Rhetorik, seines Versuchs, die Revolution zu exportieren und seiner engen Beziehungen zu schiitischen Gruppierungen in Libanon, Jemen, dem Irak und Syrien. Gleichzeitig hat Saudi-Arabien akzeptiert, dass Israel nicht von der Landkarte verschwinden wird – auch wegen der militärischen Schwäche der arabischen Länder. Zudem sind Israel und Saudi-Arabien enge Verbündete der USA. Israel fühlt sich von Iran ebenfalls bedroht, vor allem durch dessen Atomprogramm, aber auch weil das Land die Hisbollah und die Hamas unterstützt. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sich die Israelis und die Saudis annähern.

«  Eine Annäherung an Israel würde den Dschihadisten Munition liefern, um die Saudis anzugreifen. »

Abgesehen vom gemeinsamen Feind Iran: Inwiefern würden beide Staaten von einer Normalisierung der Beziehungen profitieren?

Davon würden beide Seiten gleichermassen profitieren. Israel sucht schon seit seiner Staatsgründung 1948 nach Verbündeten in der Nachbarschaft. Die Israelis haben also nichts zu verlieren bei solchen Verhandlungen, und die Saudis erhoffen sich in den Bereichen Wirtschaft, Militär und Sicherheitstechnik Impulse von Israel.

«  Die Palästinenserfrage ist in der Prioritätenliste der Golfstaaten weit nach hinten gerückt. »
Eine Frau und ein Mann im Nachrichtenstudio davor einen Breaking-News-Einblender.

Bildlegende: Al Jazeera wird mit Hunderten Millionen von Katars Regierung unterstützt – einer Regierung, die nicht demokratisch ist. Keystone

Während die Saudis ihren arabischen Bruderstaat Katar mit Sanktionen isolieren, nähern sie sich ihrem Erzfeind Israel an. Was ist da passiert?

Seit den 1990er-Jahren ist Katar das Problemkind der Golfstaaten – nicht zuletzt seit das Emirat den Fernsehsender Al-Jazeera gegründet und mit schier unerschöpflichen Mitteln ausgestattet hat. Seither ist der Sender zu einer der kritischsten und wichtigsten Stimmen gegen die autokratischen arabischen Machthaber der Region geworden. Gleichzeitig hat sich Katar Iran angenähert – auch weil beide Länder gemeinsam ein riesiges Gasfeld ausbeuten. Katar kann sich deshalb schlechte Beziehungen zu Iran gar nicht leisten. Aber Saudi-Arabien hat diese freundschaftlichen Beziehungen immer kritisch gesehen.

Man muss auch wissen, dass das Herrscherhaus in Katar zwar konservativ ist, aber nicht islamistisch. Schon der Vater des heutigen Emirs hatte versucht, sein Land zu reformieren und modernisieren. Er importierte Wissen und Technologie aus dem Westen und wollte den Klammergriff der Kleriker auf die Bevölkerung lockern. Dennoch pflegt das Herrscherhaus der Al Thani gute Beziehungen zur länderübergreifenden Bewegung der Muslimbrüder und zu anderen arabischen Bewegungen, die in ihren Heimatländern verfolgt werden.

«  Wenn es Saudi-Arabien gelingt, Katar auf die eigene Linie zu zwingen, die Hamas ins Abseits zu drängen und erst noch Iran die Stirn zu bieten, dann profitiert auch Israel. »

Als nach 2011 in Ägypten, Tunesien oder Libyen Muslimbrüder in Machtpositionen gelangt waren und Katar von seinen guten Beziehungen zu ihnen profitierte, schrillten in den anderen Königshäusern am Golf die Alarmglocken. Denn die Anhänger der Bruderschaft wurden in den eigenen Ländern immer mutiger und bejubelten lautstark die Aufstände in Libyen und Syrien. Die Golfmonarchen mussten befürchten, dass ähnliche Forderungen auch in ihren Ländern gestellt würden.

Ägyptens Präsident Al-Sisi, König Salman und Trump berühren eine leuchtende Weltkugel.

Bildlegende: Der Kampf gegen Iran eint US-Präsident Trump und den saudischen König Salman. Keystone

Den Konflikt zwischen den Saudis und Katar gibt es schon länger. Weshalb ist die Situation gerade jetzt eskaliert?

Der Besuch von US-Präsident Donald Trump dürfte wohl der Auslöser für die Eskalation gewesen sein. Es scheint, dass es den Saudis und Emiratis gelungen ist, Trump von ihrer Sichtweise zu überzeugen. Denn der neue US-Präsident hat kaum Ahnung von den Verhältnissen im Nahen Osten. Er ist ein Geschäftsmann und hat bedenkenlos grünes Licht gegeben. Allerdings wäre der Konflikt mit Katar ohnehin irgendwann eskaliert.

«  Der Besuch von US-Präsident Donald Trump dürfte wohl der Auslöser für die Eskalation zwischen den Saudis und Katar gewesen sein. »

Laut Israels Verteidigungsminister eröffnet die Katar-Krise dem Land neue Möglichkeiten zur Kooperation mit den Golfstaaten. Was meinte er damit?

Die Hamas ist eine Abspaltung der Muslimbrüder und ihre Führung war regelmässig zu Gast in Katar, unterhielt dort ein ständiges Büro. Zudem betrachtet Katar die Hamas als rechtmässige Vertretung der Palästinenser, und das stört Israel gewaltig. Wenn es Saudi-Arabien in der gegenwärtigen Krise also gelingt, Katar auf die eigene Linie zu zwingen, die Hamas ins Abseits zu drängen und erst noch Iran die Stirn zu bieten, dann profitiert auch Israel.

«  Der Palästinenserkonflikt wird leider wohl noch weitere 70 Jahre ungelöst bleiben, denn es fehlt leider an einer geeigneten Führung. »
Hanija winkt, hinter ihm ein jüngerer Mann.

Bildlegende: Ismail Hanija ist seit Mai offiziell der neue Hamas-Chef. Er sucht wieder die Nähe zu Iran. Reuters

Was bedeutet das für die Palästinenserfrage?

Solange Israel nicht auch die Hamas als Verhandlungspartnerin akzeptiert und solange diese weiterhin Israel auslöschen will und die militärische Konfrontation sucht, sehe ich da in absehbarer Zukunft keine Lösung. Wenn es Saudi-Arabien gelingt, die Unterstützung der Hamas durch Katar zu unterbinden, dann wird Iran liebend gern in die Bresche springen und versuchen, die Hamas erneut ins eigene Lager zu ziehen. Der Palästinenserkonflikt wird leider wohl noch weitere 70 Jahre ungelöst bleiben, denn es fehlt leider an einer geeigneten Führung.

Ist die Palästinenserfrage den Golfstaaten nicht mehr so wichtig?

Sie verlor bereits während des arabischen Frühlings an Bedeutung. Das Palästinenserproblem ist zwar eine humanitäre Tragödie, aber die neuen Tragödien in der Region werden als noch viel schlimmer wahrgenommen. Denken Sie an die Kriegsopfer in Syrien, Jemen und im Irak oder an die Menschen, die den IS erdulden müssen. Deshalb ist die Palästinenserfrage in der Prioritätenliste weit nach hinten gerückt.

Das Gespräch führte Matthias Kündig.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Nationalflagge von Saudi-Arabien.

    Die gemeinsamen Interessen von Saudi-Arabien und Israel

    Aus Echo der Zeit vom 3.7.2017

    Saudi-Arabien und weitere Golfstaaten setzen Katar immer stärker unter Druck. In diesem Zusammenhang lässt ein Artikel der «Times aufhorchen. Laut der englischen Zeitung führen Saudi-Arabien und Israel Wirtschaftsverhandlungen. Ein Gespräch mit dem Golfexperten Birol Baskan.

    Matthias Kündig