Lohngleichheit in Island Wikinger setzen auf Kontrollen und Strafen

Der Inselstaat plant als weltweit erstes Land Strafen für diskriminierende Frauenlöhne. Das Parlament wird zustimmen.

Da Wichtigste in Kürze:

  • Island zählt bei der Gleichstellung von Mann und Frau zu den fortschrittlichsten Ländern.
  • Lohngleichheit ist seit drei Jahren Gesetz, doch Frauen verdienen im Inselstaat im Schnitt noch immer 15 Prozent weniger als Männer.
  • Der Gleichstellungsminister will deshalb Unternehmen ab 2018 zwingen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu zahlen.

Mit dem neuen Gesetz sollen Unternehmen mit mehr als 25 Angestellten alle drei Jahre Prüfung ablegen und nachweisen, wie sie die Gleichstellung umsetzen. Wenn nichts geschieht, drohen Sanktionen vom Staat.

Diese Überprüfbarkeit hat es bisher nicht gegeben, womit trotz gesetzlich vorgeschriebener Lohngleichheit die Unterschiede geblieben sind. Nun soll Transparenz geschaffen werden, was die Ursachen der Unterschiede sind, wie Nordeuropa-Mitarbeiter Bruno Kaufmann erklärt: Wird wirklich der gleiche Job gemacht, sind die Arbeiten unterschiedlich oder hängt es am Geschlecht?

Beste Chancen auf Erfolg

Der isländische Industrieverband beklagt sich zwar lautstark über das neue Gesetz. Es sei eine Zwangsjacke und bringe Mehrkosten wegen des Kontrollpersonals.

Das Gesetz hat trotzdem beste Chancen, wenn es Ende Mai ins Parlament kommt. Die Mehrheitsverhältnisse sind klar, wobei die bürgerliche Regierung, die diesen Vorschlag eingebracht hat, intern gewisse Widerstände hat. Doch auch die rot-grüne Opposition unterstützt das Vorhaben.

«  Die Frauen der seefahrenden Wikinger haben immer schon an Land das Zepter mitgeführt. »

Bruno Kaufmann
Nordeuropa-Mitarbeiter SRF

«Auf der Seefahrer-Insel haben die Frauen schon seit den Wikingern das Zepter an Land mitgeführt», sagt Kaufmann. Das Land konnte sich es sich nie leisten, einen Teil der Bevölkerung zu unterdrücken. Nicht erstaunlich also, dass Island 1980 als erstes Land der Welt in einer Direktwahl eine Staatspräsidentin kürte.

Ein weiteres Zeichen, dass Island bei der Gleichberechtigung einen Schritt weitergekommen ist: Die hartgesottenen Wikinger mit ihren Bärten, die Kinderwagen durch die Strassen Reykjavíks stossen. Neun von zehn Vätern nutzen den vor 15 Jahren eingeführten dreimonatigen Vaterschaftsurlaub.

Bundeshausredaktor Dominik Meier: «Die Schweiz tut sich schwer»

Bundeshausredaktor Dominik Meier: «Die Schweiz tut sich schwer»
Von solch tiefgreifenden Massnahmen zur Lohngleichheit wie in Island ist die Schweiz weit entfernt. Der Arbeitsmarkt soll möglichst frei von Lohnvorschriften sein, lautet das Credo. Der vom Bundesrat vor Jahren angestossene Lohngleichheitsdialog mit externen Firmen zur freiwilligen Angleichung von Löhnen wurde zum Rohrkrepierer.

Der Entscheid des Bundesrats, Firmen mit über 50 Mitarbeitenden müssten ihre Löhne alle vier Jahre analysieren und extern überprüfen lassen, wird von der bürgerlichen Mehrheit als «Lohnpolizei» abgelehnt. Es herrscht zudem ein Zahlenstreit: Laut BFS lässt sich ein Lohngefälle Mann/Frau von durchschnittlich acht Prozent nicht mit Berufserfahrung, Ausbildung oder Alter erklären. Diese Zahl hält der Arbeitgeberverband für zu hoch und kritisiert unter anderem, der Effekt von Baby-Pausen sei nicht berücksichtigt.

Seit fast drei Jahren wogt die Debatte nun hin und her. Der Bundesrat hält an seinen Plänen fest. Vom Tisch ist nur die Idee eines öffentlichen Registers mit Firmen, die Lohnanalysen verweigern. Frühestens Ende Jahr entscheidet das Parlament. Ein Absturz ist heute das wahrscheinlichste Szenario.

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann lebt in Schweden und berichtet als freier Korrespondent für Radio SRF über die nordischen und baltischen Staaten. Der Politikwissenschaftler forscht ausserdem zu Fragen der modernen Demokratie.