«Wir bleiben hier, so lange unser Anführer das will»

Vor mehr als einem Monat gingen in Pakistan Zehntausende auf die Strasse, um Premierminister Nawaz Sharif aus dem Amt zu jagen. Seither herrscht politischer Stillstand. Vor dem Parlament aber campieren noch immer einige Hundert Menschen. Sie wollen eine Revolution – und noch viel mehr.

Könnte man mit dem Kricketschläger einen Umsturz erzwingen, wäre das in Islamabad schon längst geschehen. Denn dort, vor dem Parlament, auf der Strasse der Verfassung, duellieren sich tagsüber Demonstranten in dieser Sportart.

Die Hauptakteure, der Politiker Imran Khan und der Kleriker Tahir-ul-Qadri aber schlafen, um für die Brandreden am Abend fit zu sein. Hunderte von Demonstranten haben sich für einen längeren Aufenthalt eingerichtet. Sie waschen Kleider, dösen in Zelten oder laden ihre Handys an einer mobilen Aufladestation.

Für Schulen, Trinkwasser und gegen Korruption

Die Strasse der Verfassung gleicht einem Marktplatz. Ein mächtiger Paschtune aus Waziristan posiert vor seinem bunt bemalten Jeep. Er brüstet sich mit seinen drei Frauen und 22 Kindern und sagt nebenbei: «Ich will Freiheit, Freiheit von Korruption.»

Andere wittern ein Geschäft. Sie bieten gebratene Maiskolben feil oder bemalen Schaulustige in den Farben von Imran Khans Partei. Die 28-jährige Aman, eine arbeitslose Lehrerin, kam, weil sie an die Revolution glaubt. Sie haust seit Beginn der Demonstrationen vor mehr als einem Monat unter einer Plane. Ihre Forderung: gute Schulen, sauberes Trinkwasser und das Ende der Korruption.

«Die Zeiten der Armeeputsche sind vorbei»

«Wir bleiben hier, so lange Anführer Qadri das will», sagt Aman. Das könnte noch dauern. Denn Qadri und Khan fordern weiterhin, dass Premierminister Nawaz Sharif zurücktritt. Dieser habe die Wahlergebnisse vor mehr als einem Jahr gefälscht.

Letzten Monat versuchten Tausende von Demonstranten Sharifs Haus zu stürmen. Sie besetzten für kurze Zeit das Staatsfernsehen. Die Armee übernahm die Verantwortung für die Sicherheit, liess Demonstranten verhaften. Die meisten aber bleiben unbehelligt. Einige befürchteten einen Militärputsch, andere eine Eskalation der Gewalt. Passiert ist nichts von beidem. Nawaz Sharif sitzt die Krise aus, unterstützt von der Mehrheit der Parlamentarier. Und die Armee hält sich still.


Reportage vom Protestcamp in Islamabad

4:51 min, aus Echo der Zeit vom 19.09.2014

«Die Zeiten der Armeeputsche sind in Pakistan vorbei», glaubt Imtiaz Gul, Autor und politischer Beobachter in Islamabad. Die Armee habe Khan und Qadri lediglich dazu benutzt, um Nawaz Sharif eine Lektion zu erteilen. Dieser wollte die Beziehungen zu Indien verbessern und mit den Taliban sprechen, statt sie zu bekämpfen.

Die Armee wollte das nicht. Nawaz Sharif und sein Bruder, der den Bundesstaat Punjab regiert, sind nun politisch geschwächt. Die Mehrheit der Parlamentarier unterstützt den Premierminister zwar, aber sie verlangt jetzt auch Reformen im Wahlprozess und in der Wirtschaft. Das ist der Erfolg von Qadri und Khan.

Jeden Abend dasselbe Ritual Imran Khans

Die Zahl der Demonstranten hat inzwischen deutlich abgenommen, die Kritik aber nimmt zu. Khan und Qadri würden Islamabad und Pakistan in Geiselhaft nehmen, sagt Sayed Hasid, Student und Kellner in einem Restaurant in Islamabad: «Es kommen kaum mehr Kunden ins Restaurant, weil überall die Strassen blockiert sind und in die Universität Polizisten eingezogen sind, die die Demonstranten bewachen.»

Diese bejubeln Abend für Abend ihren Helden Imran Khan. Der Politiker steht auf einem Schiffscontainer und wiederholt die immer gleichen Sätze. Er werde hier ausharren, bis er sterbe oder sein Ziel, den Umsturz der Regierung, erreicht habe. Und falls doch nicht, so hat er Islamabad zumindest zu einem abendlichen Unterhaltungsprogramm verholfen.