Der Tod des Great Barrier Reef «Wir sind alle Schuld daran»

Vor allem aber trägt die australische Regierung zum Problem bei, weiss Australien-Korrespondent Urs Wälterlin. Denn das Land macht viel Geld mit dem Klimakiller Kohle. Und will daran auch nichts ändern – im Gegenteil.

Verletzliche Schönheit: Great Barrier Reef

SRF News: Urs Wälterlin, Sie haben sich mit den neusten Aussagen der Wissenschaftler zum Great Barrier Reef beschäftigt. Was sagen die genau?

Urs Wälterlin: Die Korallenbleiche, die schon letztes Jahr grosse Teile des Riffs betroffen hatte, hat sich noch weiter ausgebreitet – und wie. Rund 800 individuelle Riffe, die sich über ein Gebiet von 1500 Kilometern erstrecken, sind nun von diesem Phänomen betroffen. Bisher waren vor allem Korallen im tropischen Norden ausgebleicht. Jetzt ist auch der Süden betroffen – dort wo das Wasser eigentlich kühler sein sollte.

Und wieso hat sich die Korallenbleiche so stark ausgebreitet?

Es gibt nur einen Grund: Vom Menschen verursachter Klimawandel. Ich, Sie, wir alle sind indirekt Schuld an dieser Situation. Nämlich so lange wie wir durch die Verbrennung fossiler Stoffe wie Kohle und Erdöl die Temperaturen in der Atmosphäre erhöhen. Dadurch steigen auch die Temperaturen im Meer.

«  Ich, Sie, wir alle sind indirekt Schuld an dieser Situation. »

Korallen sind extrem empfindlich. Sie reagieren darauf mit Stress und stossen die Algen ab, die sie in einer Symbiose nicht nur mit Nahrung versorgen, sondern auch die wunderschönen Farben geben. Sie bleichen dann aus. Geschieht dies im kleinen Rahmen, ist das kein Problem und sie können sich davon erholen. Wenn der Stress aber anhält – wenn die Wassertemperaturen hoch bleiben – können die Korallen absterben. Vor dieser Katastrophe – und ich verwende diesen Begriff nicht leichtsinnig – stehen wir jetzt offenbar. Ein Forscher hat heute gesagt, das Riff befinde sich wie ein Krebskranker im Endstadium auf dem Sterbebett.

«  Viele werfen den Wissenschaftlern vor, sie würden übertreiben. Das ist kompletter Unsinn. »

Auch wenn es dem Great Barrier Reef offenbar sehr schlecht geht, kommen immer noch sehr viele Touristen deswegen nach Australien. Was heisst diese Nachricht für den Tourismus?

Ein Taucher gleitet mit einer Fotokamera über tote Korallen.

Bildlegende: Immer häufigere Realität: Tauchen über farblose, tote Korallen. Keystone

Die Konsequenzen für die rund 70‘000 Menschen, die mit dem Tourismus am Riff ihr Geld verdienen, sind fatal. Eigentlich gilt das für die ganze australische Wirtschaft, denn der Rifftourismus generiert Milliarden in Deviseneinkommen für das Land. Das Riff, bestehend aus einer 2000 Kilometer langen Kette von vielen individuellen Riffen, gehört zu den wichtigsten Touristenattraktionen Australiens. Aber obwohl so viel auf dem Spiel steht, gibt es immer noch Touristiker, die praktisch negieren, was da abläuft. Sie werfen Wissenschaftlern sogar vor, sie würden übertreiben. Das ist kompletter Unsinn. Ich habe noch nie einen Riff-Experten oder einen Meeresbiologen getroffen, der nicht gesagt hat, er wäre heilfroh, wenn er nicht Recht hätte.

Die Wissenschaftler sind sich also einig, und es ist ja auch nicht neu, dass es dem Korallenriff schlecht geht. Was macht denn die australische Regierung, um es zu schützen?

Nicht viel mehr als schön reden. Sie weist zwar auf Programme hin, mit denen der Zufluss von Abwasser ins Riff reduziert werden soll. Das ist ja gut, aber es ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Das wirkliche Problem ist der Klimawandel und die globale Erwärmung – und hier ist Australien leider führend. Nicht nur hat das Land pro Kopf der Bevölkerung in der westlichen Welt einen der höchsten Ausstosse an Klimagasen. Es ist zudem ein führender Kohleexporteur.

«  Das wirkliche Problem ist der Klimawandel und die globale Erwärmung. Und hier ist Australien leider führend.  »
Porträt eines Mannes.

Bildlegende: Australien macht viel Geld mit Kohle - auf Kosten des Riffs. Premierminister Malcolm Turnbull will daran nichts ändern. Reuters

Es ist ganz eindeutig, dass die Regierung auch nichts ändern will. Aus zwei Gründen: Zum einen gibt es in der Regierung von Premierminister Malcolm Turnbull mehrere einflussreiche sogenannte Klimaskeptiker, die zum Teil auch eng mit der Kohleindustrie verbunden sind. Zum anderen macht Australien sehr viel Geld mit dem Export des – wie Kritiker es nennen – Klimakillers Kohle. So ist im Hinterland in der Nähe des Riffs erneut eine gigantische Kohlemine geplant. Wenn diese mal läuft, wird die dort geförderte Kohle pro Jahr so viele Emissionen produzieren wie Österreich, Malaysia oder die Stadt New York. Wissenschaftler aber sagen, dass der Klimawandel nur wirksam gebremst werden kann, wenn die Kohle im Boden bleibt.

Urs Wälterlin

Urs Wälterlin

Der gebürtige Basler Urs Wälterlin lebt seit 1992 in der Nähe der australischen Hauptstadt Canberra. Er berichtet von dort für SRF über Australien, Neuseeland und Ozeanien.