«Zwei Drittel der Gestrandeten wollen weiter nach Deutschland»

Seit die Schweiz ihre Kontrollen verschärft hat, stranden in der Grenzstadt Como Hunderte von Migranten. Nun wird ein Containerdorf eröffnet, um die Gestrandeten vor herbstlicher Kälte zu schützen. Von einer dramatischen Situation könne aber keine Rede sein, sagt Korrespondent Alexander Grass.

SRF News: Wie sieht die Situation in Como derzeit aus?

Alexander Grass: Zwischen 200 und 500 Flüchtlinge sind in Como gestrandet. Ihre Zahl schwankt aber stets. Sie leben in Zelten im Park neben dem Bahnhof Como San Giovanni oder haben sich auf den Bahnsteigen eingerichtet. Die Flüchtlinge werden vor Ort von der Caritas und freiwilligen Helfern versorgt. Es kam in Chiasso und in Como auch zu Protestaktionen, meist angestachelt von der militant linken «No Borders»-Bewegung. Die Aktionen verliefen aber ruhig, es gab keine grösseren Vorkommnisse.

Wie ist die Stimmung unter den Gestrandeten selbst?

Es handelt sich ja nicht immer um die gleichen Menschen, sondern um eine wechselnde Population von Flüchtlingen. Manche schaffen es in die Schweiz weiterzukommen, manche werden nach Süditalien zurückgebracht.

Anfangs sind viele Flüchtlinge voller Hoffnung: Zwei Drittel von ihnen wollen nach Deutschland oder in andere nordeuropäische Länder weiterreisen, wo zum Beispiel bereits ein Teil ihrer Familie lebt. Werden sie aber mehrere Male nach Como zurückgeschafft und geht ihnen das Geld aus, macht sich Verzweiflung breit. Diese kann auch in Protestaktionen münden.

Aber die Situation ist mit den Flüchtlingslagern in Idomeni oder Calais nicht zu vergleichen. Es gibt weder gewalttätige Proteste der Gestrandeten, noch eine humanitär bedenkliche Lage. Como ist sicher kein dramatischer Brennpunkt der Flüchtlingskrise.

Die Wartenden in Como stammen meist aus afrikanischen Ländern. Haben sie überhaupt Chancen auf Asyl in der Schweiz oder der EU?

Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan nutzen zumeist andere Routen. Die Gestrandeten sind also tatsächlich ein Spiegel der Boatpeople, die von Nordafrika übers Mittelmeer nach Italien kommen. Darunter befinden sich Menschen, deren Chancen auf Asyl in der Schweiz recht gross sind. Ein Beispiel: Im Jahr 2015 wurden 46 Prozent der Asylgesuche von Eritreerinnen und Eritreern positiv beantwortet. Dazu kommen jene, die trotz abgewiesenem Asylgesuch wegen der Menschenrechtslage in ihrem Land nicht zurückgeschafft werden. Fast 90 Prozent der eritreischen Asylsuchenden können in der Schweiz bleiben, zumindest vorläufig.

Der Herbst steht vor der Tür – und damit kühlere Temperaturen. Damit verschärft sich wohl die Lage im Park beim Bahnhof San Giovanni?

Seit mehreren Wochen ist ein Containerdorf im Bau, das 300 Personen aufnehmen kann. Die auf den 15. September angekündigte Eröffnung hat sich verzögert. Das Containerdorf soll aber rechtzeitig vor dem Herbst sicherstellen, dass keine prekäre humanitäre Lage entsteht. Der Vorteil des Dorfes ist, dass neben Essen auch zentralisiert juristische Beratung und ärztliche Versorgung angeboten werden können. Zudem ändert sich auch das Bild in der Stadt, wenn die Flüchtlinge nicht mehr am Bahnhof und im Park campieren.

Reichen 300 Plätze denn für alle Gestrandeten?

Bisher wurden aus Como wiederholt Flüchtlinge zu den grossen Empfangszentren in Süditalien zurücktransportiert, wenn ihre Zahl in Como eine kritische Menge überschritten hat. Ich denke, so wird man auch in Zukunft handeln, wenn alle Plätze in der Containersiedlung belegt sind.

Gibt es Vorgaben, wer in die Containersiedlung einziehen darf und wer nicht?

Das italienische Rote Kreuz wird die Leitung des Dorfes übernehmen und es machte den Behörden von Anfang an klar, dass dieses in einem offenen Geist geführt werden soll – mit möglichst niederschwelligem Zugang. Jeder darf rein- und rausgehen, wann er will. Es sollen auch keine Fingerabdrücke abgenommen werden. Dadurch soll verhindert werden, dass Flüchtlinge abgeschreckt werden – und so keinen Zugang zum Beispiel zu medizinischer Versorgung haben. Die Gestrandeten erhalten zudem juristische Beratung zum Asylrecht in Italien und zur Möglichkeit von Familienzusammenführungen in Europa.

Wie reagiert denn die Bevölkerung in der 85'000-Seelen-Stadt auf die Situation mit den Flüchtlingen?

Zwar führen linksmilitante, wie die bereits genannte «No Border»-Bewegung, aber auch rechte Aktivisten Protestaktionen durch, aber daran nehmen nur wenige Menschen teil. In diesen Tagen sind gleich mehrere Kundgebungen angekündigt. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung lebt aber mit der Situation, es ist ruhig und friedlich. Auch konnte bisher keine Zunahme der Kriminalität festgestellt werden. Allerdings gibt es Befürchtungen bei Hilfsorganisationen, dass Gestrandete Diebstähle begehen könnten oder sich prostituieren, wenn ihre Situation völlig hoffnungslos wird – und sie dringend Geld brauchen. Bisher gibt es dafür aber keine Anzeichen.

Das Gespräch führte Jvo Cukas

Alexander Grass

Alexander Grass

Der ehemalige Produzent und Moderator der Sendung «Echo der Zeit» berichtet heute regelmässig als Korrespondent für Radio SRF aus dem Tessin.