«Am Ende kennen viele jemanden, der gestorben ist»

Hier erzählen Menschen, für die das vergangene Jahr besonders war. Ahnen Sie, um wen oder worum es geht?

Grafik zum Interviewprojekt «Mein 2015»

Bildlegende: «Mein 2015»: Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen in ihrem Jahr. SRF

«Mein 2015»: Wie es funktioniert

In der Serie «Mein 2015» erzählen Menschen von ihren Erlebnissen in diesem Jahr. Unsere Gesprächspartner waren bei den grossen Ereignissen dabei – manche waren sogar direkt daran beteiligt. Andere gerieten eher zufällig in die Fahrspur der Geschichte. Wer hier erzählt, verraten wir zunächst nicht. Erahnen Sie es? Den Link zur Auflösung finden Sie am Ende des Textes.

«Es ist zu unwirklich, ich kann es bis heute nicht richtig glauben. Meine Partnerin und ich hatten eine Wohnung gemietet und wollten am Abend im Viertel etwas essen gehen. Wir entschieden uns für ein afrikanisches Restaurant in einem Kellerlokal einer Seitenstrasse. An diesem Abend sollte auch eine Musikgruppe aufspielen.

Gegen 21.30 Uhr – vielleicht war es auch etwas später – kam der Besitzer des Restaurants zu uns Gästen in den Keller. Es sei etwas geschehen, sagte er. Es habe eine Schiesserei gegeben mit Toten. Zurzeit wisse man aber nicht mehr.

«  Irgendwann fiel draussen zufällig eine Holzplanke zu Boden und die Leute stoben sogar im Lokal auseinander. So gross war die Nervosität. »

Der Chef entschied, dass die Musiker trotzdem auftreten sollten. Getreu dem Motto: Wir lassen uns von solchen Nachrichten nicht unterkriegen. Die Musiker versuchten die Stimmung aufzulockern. Die Gäste schauten dann aber immer häufiger auf ihre Handys, man hörte ständig SMS-Klingeltöne. Einige haben das Lokal verlassen. Man konnte auch gut beobachten, wie sich der Ausdruck in den Gesichtern verdüsterte.

Nach dem Essen sind wir in den oberen Stock gegangen, um unsere Rechnung zu bezahlen. Dort lief der Fernseher – umringt von Angestellten und Gästen. Es kamen auch Menschen von der Strasse herein, die sagten, dass in der Nebenstrasse geschossen worden sei. Irgendwann fiel draussen zufällig eine Holzplanke zu Boden und die Leute stoben sogar im Lokal auseinander. So gross war die Nervosität.

Wir sind dann bis 0.30 Uhr im Restaurant geblieben und haben gemeinsam Nachrichten geschaut. Am Ende haben wir uns entschieden ein Hotel zu suchen, weil es uns zu gefährlich vorkam durch das Viertel zu unserer Wohnung zu laufen. Zudem hörten wir im TV, dass praktisch alles abgesperrt sei.

«  Dann wurde uns langsam bewusst, dass es ganz in unserer Nähe geschehen war. »

Mit viel Mühe haben wir dann noch ein Zimmer in einem Hotel in der anderen Richtung gefunden. Wir sind dann zu Fuss hingelaufen und das war gespenstisch. Die Strassen waren wie leergefegt. Auf dem Zimmer liessen wir den Fernseher weiterlaufen. Erst dann wurde uns langsam bewusst, dass es ganz in unserer Nähe geschehen war.

Am Tag danach haben wir im Quartier ein Café gesucht, um zu frühstücken. Es war überall ganz leer, nur wenige Cafés waren überhaupt offen. Als wir dann eines gefunden hatten, merkte man schnell, dass nur ein Thema die Gespräche beherrschte. Die Reaktionen der Menschen waren ganz unterschiedlich, so war eine Kellnerin sehr freundlich zu uns und lächelte, eine andere konnte uns vor Betroffenheit kaum bedienen.

Später gingen wir dann ins Museum. Auch hier waren fast keine Besucher. Als wir wieder nach draussen kamen, wurde das Museum dann offiziell geschlossen. Nach und nach meldeten sich Bekannte und Verwandte telefonisch bei uns. Die meisten hatten die Nachrichten am Fernseher verfolgt und machten sich Sorgen um uns. Meine Eltern riefen an und waren sehr erstaunt zu erfahren, dass ich ein Museum besucht hatte. Sie konnten sich das gar nicht vorstellen, nach dem, was man alles im TV gesehen hatte.

Am Abend sahen wir uns ein Theaterstück an. Die Schauspieler hatten sich entschieden, die Vorstellung trotz allem nicht abzusagen. Das Stück war eine Komödie. Am Schluss hielten die jungen Schauspieler eine Rede. Sie hatten das Bedürfnis, das Publikum wissen zu lassen, warum sie die Vorstellung trotzdem abhielten. Die meisten haben dabei geweint – das war sehr emotional und bewegend.

«  Wir haben die Solidarität und den Mut der Leute gespürt. Das war beeindruckend. »

Die Ereignisse haben uns sehr zu denken gegeben. Aber als Tourist kann man nach ein paar Tagen wieder seinen Zug nach Hause nehmen. Die Leute vor Ort dagegen müssen bleiben und mit dem Restrisiko leben. Wir haben die Solidarität und den Mut der Leute gespürt. Das war beeindruckend. Und die grosse Betroffenheit: Am Ende kennen viele jemanden, der gestorben ist oder verletzt wurde.»

Wissen Sie, wer hier redet? Die Auflösung erfahren Sie hier.