«Hart sind die Nächte, in denen wir Kinder retten müssen»

Hier erzählen Menschen, für die das vergangene Jahr besonders war. Ahnen Sie, um wen oder worum es geht?

Mein 2015

Bildlegende: «Mein 2015»: Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen in ihrem Jahr. SRF

«Mein 2015»: Wie es funktioniert

In der Serie «Mein 2015» erzählen Menschen von ihren Erlebnissen in diesem Jahr. Unsere Gesprächspartner waren bei den grossen Ereignissen dabei – manche waren sogar direkt daran beteiligt. Andere gerieten eher zufällig in die Fahrspur der Geschichte. Wer hier erzählt, verraten wir zunächst nicht. Erahnen Sie es? Den Link zur Auflösung finden Sie am Ende des Textes.

«Meine Frau und ich wollten diesen Sommer unsere Flitterwochen wiederholen. Eigentlich gehen wir immer nach Kroatien – nur eben dieses Jahr, da machten wir eine Ausnahme. Ein folgenschwerer Entscheid, wie sich zeigen sollte. Es war am Ende der Reise, als wir das Elend mit eigenen Augen sahen. Ein Platz, voll mit Menschen, die wirklich nichts hatten – kein Wasser, kein Essen, keine sanitären Einrichtungen.

«  Solche Zustände, mitten in Europa!  »

Zurück in der Schweiz liessen mich diese Bilder einfach nicht los. Solche Zustände, mitten in Europa! Einige Tage später kehrte ich zurück und begann, für die Menschen auf dem Platz zu kochen.

Dort auf dem Platz erfuhr ich auch, dass an der Küste Hilfe noch viel dringender benötigt würde. Ende September war ich das erste Mal dort. Kurze Zeit später kehrte ich zurück und helfe seitdem den Menschen, die hier ankommen – seit September müssen es Tausende gewesen sein.

«  Ist es nicht möglich, die Menschen auf einem anständigen Weg nach Europa zu bringen?  »

Manchmal kommen so viele an einem Tag an, dass man gar nicht zum Nachdenken kommt. Hart sind die Nächte, in denen wir Babys oder Kinder aus den Booten ziehen. Oder Menschen in Rollstühlen.

Das sind Momente, die sich einem einbrennen und in denen ich wirklich jedes Mal denke: Das darf doch alles nicht wahr sein! Ist es nicht möglich, dass sie auf einem anständigen Weg kommen? Es ändert ja nichts: Ob sie nun fliegen, mit der Fähre kommen oder eben gezwungen sind, ein Boot zu nehmen – sie kommen ja trotzdem. Europa wirkt hier wirklich hilflos.

Jetzt, mit dem Wintereinbruch, kommen weniger Menschen an – aber nur, wenn man es über den ganzen Monat betrachtet. Manchmal ist das Wetter so schlecht, dass drei Tage lang fast keine Boote kommen. Dann aber gibt es wieder Tage, an denen es 5000 Menschen sind. Wir bleiben jetzt sicher bis Ende März. Derzeit bereiten wir alles vor, um über die Wintermonate zu kommen.

Ich habe das Glück, dass mein Umfeld mich unterstützt. Meine Frau ist berufstätig und sorgt zu Hause dafür, dass alles gezahlt ist. Mein Job – ich war als IT-Berater selbstständig – liegt zurzeit auf Eis. Meine Familie hilft, wo sie kann: Eltern und Geschwister waren bereits hier und kommen bald wieder. Auch meine alten Freunde aus dem Militär sind eine grosse Unterstützung. Und inzwischen gibt es auch viele Menschen in der Schweiz und in Deutschland, die herkommen und helfen.

«  Ich bin überzeugt, dass das, was wir tun, eine gute Sache ist.  »

Trotz der vielen schlimmen Dinge, die wir hier erleben, geht es mir soweit gut. Ich suche mir einen Ausgleich in der Natur – die Insel ist wunderschön. Auch reden wir Helfer viel miteinander und teilen unsere Erlebnisse. Das Wichtigste ist wohl: Ich bin überzeugt, dass das, was wir tun, eine gute Sache ist. Und wir bekommen ja auch sehr viel zurück. Es ist sehr schön zu sehen, wie die Menschen auf unsere Hilfe reagieren.

Manchmal ist es eindrücklich, wie das Leben spielt. Überlegen Sie nur mal, wir wären diesen Sommer nach Kroatien gegangen – so wie immer. Dann sässe ich jetzt vermutlich zu Hause bei meiner Frau und meinen Katzen.

Wissen Sie, wer hier redet? Die Auflösung erfahren Sie hier.